Tauschprojekt

Wie eine schwäbische Reporterin das Sauerland erlebt

Ha, sogar eine eigene Autobahnabfahrt hat Brilon, denke ich – aber nur bis kurz vor Bestwig die weiß-roten Baken den Weg versperren...

Ha, sogar eine eigene Autobahnabfahrt hat Brilon, denke ich – aber nur bis kurz vor Bestwig die weiß-roten Baken den Weg versperren...

Foto: Privat

Brilon.  Julia Schweizer ist für eine Woche bei der WP Brilon zu Gast. Sie stammt aus Ludwigsburg. Ihre Kollegen haben sie vor dem Sauerland gewarnt.

„Das Sauerland? Etwa nach Brilon? Oh Gott.“ Und: Nimm’ Gummistiefel mit!“ So waren die meisten Reaktionen, als ich erzählte, dass ich bei der diesjährigen Reportertausch-Aktion des Verlegerverbands mitmache, und der Westfalenpost in Brilon zugeteilt wurde. Anders als gerade die Älteren, hatte ich diesen Ortsnamen noch nie zuvor gehört. Also ein bisschen gegoogelt und eine Landkarte angeschaut – ansonsten aber wollte ich mich überraschen lassen.

Und das fängt am Sonntagabend schon bei der Anreise an. Denn obwohl aus Sicht von Ludwigsburg, rund 400 Kilometer von hier entfernt, das westliche Ruhrgebiet und der Hochsauerlandkreis quasi gleich nebeneinander liegen, benötigt der zweite Teil meiner Anfahrt doch mehr Zeit als gedacht. Aber immerhin: Leicht zu finden ist Brilon ja, denke ich kurz hinter Dortmund, als der Name erstmals auf einem Autobahnschild auftaucht.

Doch auf diese Abfahrt der A 46 kann man noch lange warten. Für mich ist vor den weiß-roten Baken bei Bestwig Schluss, dort geht es auf die Bundesstraße. Eigentlich schon 2016 hätte der nächste Abschnitt bis zur neuen Ausfahrt Nuttlar fertig sein sollen, was nun aber erst in diesem Spätherbst der Fall sein soll.

Vor 29 Jahren, erzählt der Briloner Kollege Jürgen Hendrichs, sei er auf einem Acker gestanden und habe sich bei einem seiner ersten Termine für die WP erklären lassen, wo die Trasse im weiteren Verlauf, dann als B 7n, einmal verlaufen soll.

Neue Autobahn? Bloß nicht

So ein bisschen fühle ich mich da an Zuhause erinnert, wenngleich sich die Behörden angesichts der täglichen, kilometerlangen Staus in der Region Stuttgart nicht so viel Zeit lassen sollten. Zwei Projekte sind seit Jahren im Gespräch: Zum einen der Nord-Ost-Ring, der einen Ringschluss von Bundesstraßen nördlich der Landeshauptstadt schaffen soll. Das aber würde zu viel zusätzlichen Verkehr anziehen, so die Befürchtungen, die zudem ökologische Bedenken ins Feld führen.

Deutlich konkreter ist aktuell der Ausbau der Bundesstraße 10, die kurz nach der A81-Anschlussstelle Zuffenhausen nur noch je eine Spur hat. Die ersten Planungen hat das Regierungspräsidium Anfang dieses Jahres aufgenommen, erst etwa 2025 soll dieses Verfahren abgeschlossen sein – obwohl gar keine neue Trassenführung geplant ist.

Prinzipiell sind die Widerstände gegen diesen Ausbau zwar kleiner, nicht aber mit Blick auf die damit einhergehende Schließung einer Anschlussstelle, weil diese zu nah an jener der A 81 liege. Aus Angst, dass das RP die Drohung wahr macht, und der Schwerlastverkehr durch den Ort zu den Gewerbegebieten fahren muss, stimmte der Gemeinderat von Korntal-Münchingen dem Vorhaben unlängst zwar zu. Wie der Knoten aber an die städtischen Straßen angeschlossen werden soll, wird erst in einigen Jahren entschieden. Klar ist nur, dass es für die verschuldete Stadt teuer wird.

Besucherbergwerk – ein Ausflugsziel

Gut eine weitere halbe Stunde dauert es, bis ich am Sonntagabend schließlich in Brilon ankomme – inklusive Fotostopps in Bestwig für den hübschen Hinweis auf das Besucherbergwerk. Damit steht zumindest ein weiteres Wunschziel meines Aufenthalts hier fest.

Am Montag aber geht es erst einmal durch die Stadt. „Hübsches Rathaus“, denke ich, wenngleich die vier Geweihe doch etwas kurios wirken. Und auch so manche Deko in den Straßen wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, entdecke ich doch rote Weihnachtsbaumkugeln in einem Baum. Auf ganz andere Zeiten weisen die Schriftzüge an vielen der Fachwerkgebäude hin. So viel Vertrauen in Jesus, Maria oder Gott, als sich die jeweiligen Ehepaare zu deren Bau entschieden haben... Aber interessant, diese „Grundbucheinträge“ zu lesen, denke ich. Und bleibe vor vielen der Hinweisschilder vor den Gebäuden mit den markanten, für mich ungewohnten dunkelgrauen Dächern stehen, während ich dem Vogelgezwitscher lausche – bei uns hört man das kaum noch. Und auch sonst ist es in der Stadt vergleichsweise ruhig, selbst die Menschen sprechen leiser als in den Orten, in denen ich mich bewege.

Nach gut zwei Stunden mache ich mich auf den Rückweg, der Nieselregen wird langsam stärker. Ein „Oh Gott“, ist mir nicht herausgerutscht – und Gummistiefel waren auch nicht nötig.

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