Asyl

Migrationsforscher in Brilon über Flucht und Bürger-Ängste

Migranten warten auf die Speisenverteilung in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Kroatien.

Migranten warten auf die Speisenverteilung in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Kroatien.

Foto: dpa

Brilon.   Prof. Jochen Oltmer ist Migrationsforscher. In Brilon spricht er mit Bürgern über die Rolle Deutschlands innerhalb der Flüchtlingsbewegung.

Die Themen „Flucht und Vertreibung“ haben insbesondere seit dem Sommer 2015 eine enorme Aktualität erfahren. Tausende Menschen erreichten seinerzeit täglich die Europäische Union und über die Balkanroute schließlich die Bundesrepublik.

Die WP hat mit Prof. Dr. Jochen Oltmer ein Interview geführt, der zu diesem Themenkomplex in Brilon einen Vortrag hält. Darin geht er u.a. auf die Rolle der Bundesrepublik innerhalb der massiven Flüchtlingsbewegung ein.


In den Medien liest man nach den ersten Schlagzeilen nur noch wenig über die Thematik. Inwiefern wird sie aber das Land und die Regierung noch weiter beschäftigen?
Mich wundert, dass im Vergleich zu den großen Debatten um die Aufnahme von Schutzsuchenden bis 2015 sowie um die Möglichkeiten einer Begrenzung der Zuwanderung seit 2015 die Frage der Integration weitaus weniger intensiv diskutiert worden ist und wird. An sich dürfte allen Beteiligten klar sein, dass der Großteil der Menschen, die in den vergangenen Jahren als Schutzsuchende gekommen sind, auch in der Bundesrepublik bleiben wird.

Die politischen und medialen Diskussionen kreisen aber weiter um die Schließung von Grenzen, die schon längst geschlossen sind, und um Abschiebungen, die auch zukünftig nur nach Tausenden pro Jahr zählen werden. Beschäftigen sollte uns schon länger aber vor allem die Frage, auf welche Weise sich Integration zukünftig gestalten lässt.


Wie bewerten Sie die politische Debatte seit 2015?
Im Spätsommer/Herbst 2015 drehte sich die Debatte auch in Deutschland und glich sich der Tendenz nach jener im Rest Europas an. Die Vorstellung einer großen Zahl von Menschen in der Bundesrepublik, Hilfs- und Schutzbedürftige insbesondere aus Syrien seien in jedem Fall aufzunehmen, rückte immer stärker in den Hintergrund. Obgleich wir noch keine fundierten wissenschaftlichen Ergebnisse zu dem Umschwung der Stimmung haben, können wir davon ausgehen, dass nicht nur die größer werdende Zahl der Schutzsuchenden dabei eine Rolle spielte, sondern auch die Vorstellung, die innere Sicherheit sei zunehmend gefährdet und eine Teilung der Verantwortung unter den EU-Staaten lasse sich nicht herstellen. Das sind die Aspekte, die auch heute noch vielfach in der deutschen Debatte im Vordergrund stehen: Das Einfordern von europäischer Solidarität, das Scheitern der Verantwortungsteilung in Europa und die damit verbundene Sicht, damit verbinde sich die Gefahr, Deutschland werde überlastet, aber auch die Vorstellung von einer Bedrohung von Sicherheit und Arbeitsmarkt.


Viele Bürger sind der Meinung, Deutschland habe die Flüchtlingsbewegung 2015 quasi allein gestemmt. Welche Rolle spielt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich tatsächlich?
Ohne Zweifel spielte Deutschland im Zusammenhang mit dem Anstieg der Zahl der Schutzsuchenden in Europa seit 2011/12 als Aufnahmeland eine wesentliche Rolle – das hatte vor allem damit zu tun, dass viele traditionelle europäische Asylländer wie Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande viel stärker mit den Folgen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2007/2008 zu kämpfen hatten als die Bundesrepublik. Ein Effekt dieser Konstellation war, dass die politischen und öffentlichen Debatten um das Thema Asyl in diesen Ländern viel stärker auf Abwehr und Nicht-Aufnahme ausgerichtet waren als in Deutschland, wo Hochkonjunktur herrschte.


Vor welchen Herausforderungen stehen Flüchtlinge in ihrer neuen „Heimat“? Welche Probleme ergeben sich aber auch für die Aufnahmeländer bzw. -kommunen?
Vornehmlich die Kommunen haben in der Regel ja schon lange Erfahrungen mit der Frage, wie vor dem Hintergrund der lokalen Verhältnisse welche Maßnahmen gut funktionieren. Sie wissen, dass es wenig Sinn macht, im Feld der Integration ständig neue Projekte zu erfinden, sondern setzen meist auf Langfristigkeit. Das Problem allerdings ist, dass häufig die Kommunen im Vergleich zu den Bundesländern und zum Bund finanziell weitaus weniger gut ausgestattet sind. Dort also, wo sich effektiv und effizient Integrationsverhältnisse verbessern lassen, vor Ort nämlich, da fehlt es auch am ehesten an den Mitteln. Wichtig also wäre es in der Tat, die Finanzausstattung der Kommunen zu verbessern. Dann ließe sich auch die hauptsächliche Herausforderung für neu Zugewanderte, nämlich vor Ort Kontakte knüpfen zu können und auf diese Weise Teilhabe am Arbeitsmarkt, im Bildungs-, Sport- oder Kulturbereich zu finden, am ehesten bewältigen.


Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft bzw. das Engagement der Zivilgesellschaft?
Mir scheint, wir können unzweifelhaft sagen: Die vergangenen Jahre haben erneut deutlich gemacht, zu welchen Leistungen ehrenamtliches Engagement fähig ist und wie groß die Bereitschaft in einer angeblich stark individualisierten Gesellschaft ist, für andere einzustehen.


Was können Ursachen der Gewaltmigration sein?
An erster Stelle steht die von Staaten ausgeübte physische Gewalt, aber auch die Konstellation, dass staatliche Organen nicht bereit bzw. in der Lage sind, Gewalt, ausgeübt etwa von Banden, Milizen oder Paramilitärs, zu beschränken. Flucht ist ein Ereignis, bei dem Gewalt eng mit sozialen und ökonomischen Verwerfungen sowie politischen Umbrüchen verbunden sein kann: Krieg zerstört Unternehmen als Arbeitgeber, erhöht die Lebenshaltungskosten, weil die Versorgung beeinträchtigt ist, erschwert die Arbeit von Organen, die Sicherheit und Schutz gewährleisten. Was also mobilisiert? Die Gewalt oder die Schwierigkeit, Geld zu verdienen, oder das Gefühl der Unsicherheit, weil Behörden überfordert sind? Die Antwort: Das Zusammenwirken macht die Dynamik des Prozesses aus. Auch Deutschland hat bereits mehrere Wanderungsbewegungen erlebt. Migration ist also wesentlicher Teil deutscher Geschichte.

Vergessen werden sollte zunächst nicht: Deutschland war bis Ende der 1950er-Jahren eher durch Auswanderung als durch Einwanderung geprägt. Aufgrund der immensen Verbesserung der Verkehrsmöglichkeiten sind in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten die Distanzen, die Migrantinnen und Migranten absolvierten, immer weiter gewachsen. Zugleich ist die Zahl der Herkunftsländer der Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, stetig angestiegen. Allerdings stammt auch weiterhin der weitaus überwiegende Teil der Migrantinnen und Migranten, die seit Ende des 20. Jahrhunderts in die Bundesrepublik kamen und kommen, aus anderen europäischen Staaten. So weit her ist es mit der Globalisierung der bundesdeutschen Migrationsverhältnisse, von der häufig gesprochen wird, also nicht.

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