Passionsspiele

Jesus steht fest: Hallenberg bereitet sich auf Passion vor

Alle zehn Jahre spielt die Freilichtbühne Hallenberg die Passion. (hier ein Foto aus 2010). Ab 7. Juni 2020 ist es wieder soweit.

Alle zehn Jahre spielt die Freilichtbühne Hallenberg die Passion. (hier ein Foto aus 2010). Ab 7. Juni 2020 ist es wieder soweit.

Foto: Thomas Winterberg / WP

Hallenberg.  Hallenberg wird zum Oberammergau des Sauerlandes. 2020 steht wieder die Passion auf dem Programm. Und wer den Jesus spielt, das steht auch fest.

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Jesus nimmt sich drei Gummibärchen. Für die Nerven. Naja, eigentlich ist er gar nicht Jesus. Und er wird es auch nicht werden. Aber das stellt sich erst viel später heraus. Denn ein ganzes Wochenende lang haben Regisseur und Verantwortliche der Freilichtbühne ein Casting durchgeführt.

Neue und altgediente Akteure mussten sich um ihre Rollen für 2020 bewerben, vorsprechen und vorspielen. Denn nächstes Jahr wird Hallenberg – wie alle zehn Jahre – zum Oberammergau des Sauerlandes. Zum neunten Mal spielt die Bühne die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi. Die Vorbereitungen haben begonnen.

Schauplatz Hallenberger Kump: Drei junge Männer sitzen sichtlich nervös vor Regisseur Florian Hinxlage und Spielleiter Stefan Pippel. Insgesamt vier Leute haben sich um die Hauptrolle beworben. Philipp Mause kann heute Abend nicht; er hatte schon am Vorabend seinen Casting-Termin. Jetzt warten hier noch Michael Becker, Leon Luckey und Marius Schmidt. Und sie sollen erklären, warum sie ausgerechnet diese Rolle spielen möchten.

Zwei Kandidaten würden allein schon aufgrund von Frisur und Bart gut ins Konzept passen. Aber das ist nicht alles. „Viele meiner Freunde haben mich ermuntert. Sie meinen, es würde zu mir passen“, beginnt Michael. Jesus sei ein einfühlsamer Mensch, der in allem das Gute sehe. Das tue er auch. Jesus sei eine Person, vor der er Respekt habe, sagt Leon, der von der Freilichtbühne Twiste kommt. „Ich bin im Herbst eigens für zwei Wochen in Israel gewesen, um mir die Wirkungsstätten Jesu anzuschauen. Ich würde ihn gern authentisch darstellen, aber ich habe auch Zweifel, ob ich das schaffe“, erzählt Marius.

Casting ist harte Arbeit

Die Bewerber sind ehrlich, aber auch Florian Hinxlage schenkt ihnen reinen Wein ein. Er selbst hat im Musical „Jesus Christ“ mehrfach die tragenden Rollen gespielt. Und er prophezeit: „Gerade die Figur des Jesus wird euch alles abverlangen. Es wird der Punkt kommen, an dem ihr nicht mehr könnt. Diesen Punkt, diese Energie, werden wir nutzen, denn dann sind wir ganz nah dran an einer authentischen Darstellung dieser einzigartigen Person.“ Hinxlage hat die „Passion“ schon lange im Kopf, hat die Bibel eigens nochmal gelesen und ist gedanklich schon ganz in Jerusalem. Jetzt steht und fällt alles mit der richtigen Besetzung, mit den menschlichen Konstellationen.

Das Gesamtbild muss stimmen

„Die Jünger, Jesus und vor allem auch Judas – das sind menschliche Beziehungen, die im Miteinander harmonieren müssen. Wir haben viele große Gebäude, es wird opulent sein. Es wird spektakulär, einfühlsam, grausam. Wir werden ein eigenes, ganz neues Gesamtmusikbild dazu bekommen, das mit jeder Szene abgestimmt ist. Das ist ein großes Ganzes. Und wir werden erleben, was passiert mit Euch als Mensch, wenn ihr Jesus verkörpert!“

Die drei Kandidaten sollen eine Szene durchspielen: Jesus kommt zu seinen Jüngern, die bereits beim Abendmahl sitzen und auf ihn warten: „Brüder, wir sind heute Abend zusammengekommen, um –“. Weiter kommt Marius nicht. Hinxlage springt vom Stuhl auf und korrigiert seine Haltung und die Betonung der Sprache. „Mach es kraftvoller, nicht so zaghaft.“ Neuer Versuch. Leon spielt die Szene. Auch er wird gleich korrigiert. Noch einmal, noch einmal, noch einmal. Dann müssen die drei Bewerber auf Zuruf im Wechsel die Sequenz durchspielen. Und schnell wird klar, dass jeder der Drei eine andere Herangehensweise hat, aber auch aufnahmefähig und –willig ist, das Rollenspiel zu verändern.

Hinxlage will aus den jungen Leuten mehr herauskitzeln, will sie fordern, will sie formen, er provoziert, lobt, gibt Feedback, lotet aus, wie weit er gehen kann, wie weit seine Darsteller gehen möchten. Das strengt an. Immer wieder greifen die drei zu Schokolade und Gummibärchen. Nervennahrung. „Ja, ist ganz schön anstrengend, aber es ist gut. Es bringt einem auch persönlich was“, sagt Michael Becker, der aus Titmaringhausen kommt und neben der Musik im Spielmannszug auch die Passion für die Freilichtbühne entdeckt hat. Zwischendurch kommen zwei potenzielle Judasse hinzu. Auch hier werden die Rollen im fliegenden Wechsel getauscht.

Eine Stunde Abendmahl

Eine gute Stunde spielen die Bewerber die kurze Abendmahlszene und das flehende Gebet Jesu im Garten von Gethesemane. Später sind die Marias, Kaiphasse und Pilatusse an der Reihe. Am Folgetag probiert der Regisseur immer neue Konstellationen aus. Wer passt zu wem, wer kann mit wem am besten interagieren, wem ist welche Rolle zuzumuten und zuzutrauen. „Wichtig ist, dass das Gesamtbild stimmig ist. Mir ist klar, dass manche Bewerber enttäuscht sind, wenn sie die Rolle nicht bekommen. Passion ist schließlich nur alle zehn Jahre. Das kann ich menschlich nachvollziehen.“

Rollenverteilung

Michael, Marius und Leon werden kein Jesus. Sie machen an anderer Stelle mit – als Simon der Zelot, als Nikodemus und als Todesengel. Die Hauptrolle bekommt Philipp Mause. „Es war eine Mischung aus Freude und gesundem Respekt, als ich erfahren habe, dass ich den Jesus spielen darf“, sagt der 28-Jährige, der als Versuchstechniker in der Forschungsabteilung der Firma Viessmann arbeitet. Weil im Passionsjahr nur ein Stück auf dem Spielplan steht, bedeutet das für ihn und alle anderen Spieler bei 32 Aufführungen auf der Bühne zu stehen. Und dann noch die ganzen Proben.

„Ich sehe es als Herausforderung und als Chance und ich werde die Zeit und die Kraft investieren“, sagt der designierte Jesus, der übrigens von seinem eigenen Vater zum Tode verurteilt werden wird. Denn Helmut Mause wird den Kaiphas spielen. Darauf drei Gummibärchen.

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