Interview

Gleitschirmfliegen im Sauerland: „Risiko ist beherrschbar“

Faszinierende Ausblicke und scheinbar grenzenlose Freiheit  sind der Anreiz für die Gleitschirmflieger. „SauerlandAir“ ist aus drei Vereinen entstanden und bietet mehrere Fluggelände.

Faszinierende Ausblicke und scheinbar grenzenlose Freiheit sind der Anreiz für die Gleitschirmflieger. „SauerlandAir“ ist aus drei Vereinen entstanden und bietet mehrere Fluggelände.

Olsberg.  Burkhard Schulte, Vorsitzender Sauerland Air, spricht über die Faszination Gleitschirmfliegen, Landungen im Baum und den Unfall in Neuastenberg.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Schön sieht es aus, wenn sie am Sauerländer Himmel schweben. Was der Zuschauer so denkt, ist für Piloten viel intensiver: Gleitschirm fliegen ist für Burkhard Schulte, ehemaliger Drachen-und UL-Pilot (Ultraleichtflugzeug), die schönste Sache der Welt. Umso mehr verwirrt es ihn, wenn er in den Medien von „Absturz“ liest. Denn oft, so der Vorsitzende vom Sauerland Air, seien es schlicht Sicherheitslandungen, wenn ein Gleitschirm im Baum hängt. Auch der Unfall am Sonntag in Neuastenberg sei in Flieger-Kreisen eher eine Notlandung gewesen, leider mit einem Crash.


Was ist an der Postwiese passiert?
Burkhard Schulte: Das nennt man einen Einklapper, der Schirm faltet sich in der Luft zusammen. Das kann durch Veränderung der Windverhältnisse sein - es drehen irgendwo die Winde, was man nicht so sieht, hat aber meist einen guten Ausgang, weil der Pilot noch richtig reagieren kann.


Was ist mit Baumlandungen?
Wir haben viele Starts, sehr viele Fluggelände – z.B. die Bruchhauser Steine, den Stüppel, Willingen - und je nach Flugwetter sind viele Piloten unterwegs. Darüber wird aber eher nicht berichtet. Stattdessen, ist von Rettungen aus Bäumen die Rede. Dabei sind Baumlandungen eigentlich eine sichere Landung und viel besser, als zu schnell auf dem Boden zu landen. Die Problematik ist, aus dem Baum rauszukommen. Da wird natürlich immer die ganze Rettungskette in Gang gesetzt, wenn der allgemeine Notruf gewählt wird. Wir sagen den Piloten schon, falls sie sicher im Baum sind, können sie auch Helfer aus der Nähe herbeirufen.


Gibt es Abstürze?
Das Wort ,abgestürzt’ ist schlimm, es ist doch meistens eine Notlandung – wie auch in Neuastenberg, wo sich der erfahrene Pilot zum Glück nur eine Beinfraktur zugezogen hat. Zwar gilt auch das Gleitschirm-Fliegen als Risikosport, aber es kann halt wie bei jeder Sportart etwas passieren. Das Risiko ist beherrschbar. Wer sich selbst überschätzt, indem er gleich zu Beginn mehr Leistung mit besserem Gerät erreichen will, der fliegt mit mehr Risiko. In den meisten Fällen sind es Pilotenfehler, wenn etwas passiert. Ich kann bis hin zu Kunstflug alles machen. Als Fahranfänger gehe ich auch nicht gleich als Rennfahrer auf die Straße.


Muss ich lange üben, um Gleitschirmflieger zu werden?
Die Gleitschirmausbildung geht viel schneller als damals beim Drachenfliegen, womit ich gestartet bin. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade. Auf manchen Geländen darf man nur mit B-Schein starten, auf anderen auch mit A-Schein. Los geht es mit dem L-Schein, den erhalte ich, wenn ich den ersten Kurs über einige Tage hinter mir habe, also in wenigen Wochen. Die nächste Stufe, der A-Schein, den es nach mindestens 40 Höhenflügen und 20 Theoriestunden gibt, gilt dann für bestimmte Gelände. Ich darf auf der Landewiese landen und nur ausnahmsweise auch mal auf einer Außenwiese. Wer den B-Schein, den Überlandschein, hat, kann überall landen. Es gibt eine Prüfung vom Verband mit Vorfliegen etc., wie von der Fahrschule beim Auto.
Möchte, wer zwei bis drei Stunden mit dem Auto anreist, nicht unbedingt an dem Tag fliegen?
Das stimmt, das ist ein Problem, wenn die Menschen an einem Tag unbedingt starten wollen. Wir haben ja ein Einzugsgebiet bis zum Ruhrgebiet und weiter. Eine große Zahl der Piloten kommt von dort. Wenn sie mal losfahren, fahren sie aber auch schon je nach Wetter den Startplatz an, der vom Wind her an dem Tag günstig ist. Die Hauptwindrichtung an den Bergen ist bekannt, es gibt Geländebeschreibungen, und sie fahren dann Gelände an, die wahrscheinlich sind zum Fliegen. In Willingen ist zum Beispiel hauptsächlich Nordwind, den brauche ich um, vom Ettelsberg zu fliegen. Nordwest-Wind spricht für den Stüppel.


Gehen Einheimische anders vor?
Viele, die aus der Gegend sind, fahren los, merken vor Ort, dass die Bedingungen nicht günstig sind und entscheiden dann vor Ort, das muss heute nicht sein, ich sollte wieder einpacken und tue das dann auch.

Bei jenem, der von weit anreist, sind die Gedanken schneller anders: ,Ich bin soweit gefahren, da muss ich auch fliegen. Und wir haben nicht überall Polizisten auf dem Berg. Aber wir haben einen Sportwart, der Tipps zum Gelände gibt, und es sind meistens andere Piloten vom Verein vor Ort, um wichtige Tipps zu geben. Wir weisen immer drauf hin, ruft den Sportwart bitte an, bevor ihr fliegt. An Wochenenden bieten wir zum Beispiel auch Shuttle-Dienste an, ein Bus steht auf den Landewiesen und fährt die Leute zum Startplatz.


Es gibt auch Gebiete, die nicht überflogen werden sollten.
Das stimmt. Zu jedem Startplatz gibt es Bedingungen, die sich die Flieger beim Einschreiben anschauen können. Für Gastpiloten gibt es eine Tageskarte. Sie müssen sich in Flugbücher eintragen. Wenn man das nicht macht, ist es wie Fahren ohne Führerschein. Aber 90 Prozent der Piloten halten sich an die Regeln, das ist Fair Play. Wir gehen allerdings gerade gegen Leute vor, die die Regeln nicht einhalten, denn das kann es zu Problemen mit Geländebesitzern führen. Zuletzt sind Gäste mal über den Wildpark in Willingen geflogen, das gefährdet die Gelände, weil hier ja auch zum Beispiel die Greifvogel-Flugschau stattfindet. Wir gehen gegen solches Verhalten rigoros vor, das kann bis zum Flugverbot in unseren Gebieten gehen. Dieses regelwidrige Verhalten schadet dem Ansehen der Sportart
Wie hoch dürfen Sie fliegen?
Die Höhe für Piloten ergibt sich nach Thermikhöhe je nach täglichen Wetterbedingungen. Mit dem Drachen war ich mal bei 4000 Metern, das war aber in Kenia. Und auch Gleitschirme machen mittlerweile mehrere 100 Kilometer Streckenflüge.


Haben Sie selbst überhaupt mal so einen Unfall erlebt?
Außer ein paar kleineren „Schäden“ wie Armbrüche war bei mir in vielen Jahren immer alles gut. Es ist abzählbar, wie oft solche Vorfälle, wie in Neuastenberg geschehen, vorkommen. Deutschland hat mit dem DHV – Deutscher Hängegleiter-Verband – und über 35 000 gemeldete Piloten den größten Drachen-und Gleitschirmflieger-Verband weltweit. Für die Sicherheit wird unheimlich viel getan. Wir sind einer der größten Vereine in Deutschland. Insgesamt ist es schwer zu sagen, wie viel Starts genau wir im Jahr haben, weil nicht mehr alle Mitglieder aktiv sind und sich die Starts auf mehrere Gelände verteilen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben