Interview

„Altes Hirn, neue Welt“: Dr. Leon Windscheid in Brilon

Dr. Leon Windscheid, Psychologe und Wer-wird-Millionär-Gewinner tritt am 17 Oktober in Brilon auf.

Dr. Leon Windscheid, Psychologe und Wer-wird-Millionär-Gewinner tritt am 17 Oktober in Brilon auf.

Foto: Daniel Witte - Fotografie Wattendorff

Brilon.  „Wer wird Millionär“-Gewinner Dr. Leon Windscheid erklärt in Brilon, wieso Langeweile nicht im Keim erstickt werden sollte und wozu sie dient.

„Quallen leben seit Millionen Jahren glücklich ohne Hirn. Menschen haben es da viel schwerer. Ob wir wollen oder nicht, wir werden mit Hirn geboren. Eine unglaubliche Herausforderung“ – meint der „Wer-Wird-Millionär-Gewinner“ und Psychologe Dr. Leon Windscheid. Am Donnerstag, 17. Oktober, tritt er im Briloner Kolpinghaus mit seinem Programm: „Altes Hirn, neue Welt – Psychologie live erleben“ auf.

WP: Sie sagen, dass seitdem wir vor 300.000 Jahren als Homo sapiens auf der Bildfläche erschienen, in unseren Köpfen nicht mehr renoviert wurde. Was bedeutet das für uns Menschen heute? Wir müssen ja schließlich mit dem Hirn, das wir haben leben!

Leon Winscheid: Ja, so ist das. Ötzi und DJ Ötzi haben die gleichen grauen Zellen. Aber in unserer heutigen digitalen Welt wächst der Anspruch an unser Gehirn, obwohl vermeintlich alles einfacher wird. Alles wird immer schneller, digitaler und effizienter. Kein Wunder, dass sich viele Menschen überfordert fühlen und unter Burnout und Stress leiden. Wenn man glaubt, dass jeder da problemlos mitgehen kann, dann täuscht man sich. Maschinen und Computer werden immer smarter und wir haben das Gefühl, Mithalten zu müssen. Wir setzen uns da teilweise selbst unter Druck oder werden unter Druck gesetzt und müssen uns klar machen, dass die Technologie heute teilweise schlauer ist als wir selbst. Wir können nicht alles wissen, was Wikipedia weiß, wir können nicht so schnell denken oder rechnen wie ein Computer oder so effizient sein wie eine Maschine. Aber obwohl wir das spüren, wollen wir mithalten und versuchen, immer noch mehr aus unserem Gehirn heraus zu pressen. Das kann nicht funktionieren. In der frei gewordene Zeit kann ich nicht immer noch mehr Hirnpower bringen.

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Aber wie können wir es schaffen, aus dieser Situation heraus zu kommen?

Die Botschaft des Abends ist, dass die Zukunft unserer Köpfe in unserer Vergangenheit liegt. Deshalb müssen wir in unserem Kopf einen Schritt zurück machen. Zurück zu den Gefühlen und Denkweisen in unserem Kopf, denen wir heute oft keinen Platz lassen. Ich möchte das Publikum mitnehmen auf eine Reise zu den Gedanken und Gefühlen, die wir vergessen oder schon verloren haben. Dazu gehört auch, dass wir die Langeweile zurück in unser Leben lassen.

Warum ist das so wichtig für uns?

Ich selbst habe als Kind in den 90er Jahren dieses Langeweile-Gefühl noch erlebt. Aber heute kennt das kaum noch jemand. Auch mir selbst fällt es schwer, dieses Gefühl zu ertragen. Es ist ja auch kein schönes Gefühl, aber es kann uns zeigen, dass mit unserem Kopf etwas nicht stimmt. Wer immer nur aufs Handy guckt, im Internet unterwegs ist oder sich mit Netflix ablenkt und so die Langeweile im Keim erstickt, der nimmt sich ganz viel Kreativität und hört nicht auf das Signal, das einem zeigt, dass das, was man tut, nicht glücklich macht und man die Richtung ändern sollte.

In Ihrer Pressemitteilung beschreiben Sie die aktuelle Situation so: Ohne Smartphone – das fühlt sich an wie ein Abenteuer. Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zu diesem digitalen Wegbegleiter?

Ich erwische mich selbst permanent dabei, dass ich immer wieder mal schnell zum Smartphone greife. Daran muss man arbeiten und das tue ich. Dabei sehe ich die Technik selbst erstmal ganz neutral. Sie ist weder gut noch schlecht. Aber wir müssen für uns entscheiden, wie wir sie nutzen möchten. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist die Erkenntnis, dass man an diesem Verhalten etwas verändern sollte. Seitdem ich mir das selbst bewusst gemacht habe, arbeite ich an mir und das wirkt. Früher hätte ich es gar nicht zugelassen, die Langeweile mal auszuhalten – inzwischen kann ich das.

Können Sie mal ein Beispiel für eine positive Langeweile-Situation geben?

Viele ärgern sich zum Beispiel darüber, wenn sie mit dem Zug fahren, wenn sie keine durchgehende Internetverbindung haben. Dabei ist es eine solche Gelegenheit ein Segen, denn nicht-digitale Momente sind etwas Gutes für den Kopf, man kann einfach mal bei der Fahrt aus dem Zugfenster schauen oder die Augen schließen und muss nichts tun. So können neue Ideen entstehen und man bekommt neue Blickwinkel und die Gelegenheit, eigene Verhaltensweisen und Automatismen zu hinterfragen.

Wie vermitteln Sie das bei Ihrer Live-Tour, wenn Sie im Briloner Kolpinghaus Halt machen?

Ich bringe an dem Abend die neuesten Erkenntnisse aus Wissenschaft und Studien mit. Und es gibt auch Experimente. Da möchte ich im Vorfeld aber noch nicht zu viel verraten. Wichtig ist mir, keinen trockenen Vortrag zu halten, sondern ganz viele interaktive Möglichkeiten anzubieten. Die Zuschauer werden dazu verleitet, sich selbst zu hinterfragen, ins Nachdenken zu kommen. Ich möchte sie einladen, zu einer Reise durchs Gehirn und wissenschaftliche Erkenntnisse so vermitteln, dass man auch als Laie folgen kann. Ziel ist, dass es bei den Menschen Klick macht. Ich hoffe, dass die Zuschauer nach dem Abend besser wissen, wie sie selbst ticken. Und: Wie sie auch in Zukunft nicht austicken.

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