Gunther Tiersch

Gunther Tiersch: Vom Goldjungen zum ZDF-Wetterfrosch

Der Kleinste hatte die größte Klappe: Steuermann Gunther Tiersch (unteres Boot, ganz links) treibt 1968 mit gerade einmal 14 Jahren den Deutschlandachter zum Olympiasieg. Bild rechts: So kennen Gunther Tiersch heute Millionen TV-Zuschauer: als ZDF-Wetterexperte.

Der Kleinste hatte die größte Klappe: Steuermann Gunther Tiersch (unteres Boot, ganz links) treibt 1968 mit gerade einmal 14 Jahren den Deutschlandachter zum Olympiasieg. Bild rechts: So kennen Gunther Tiersch heute Millionen TV-Zuschauer: als ZDF-Wetterexperte.

Foto: imago

Essen  Heute vor 50 Jahren brüllte Gunther Tiersch den Ruderachter zum Olympiasieg. Den damaligen Steuermann kennen Zuschauer seit Jahren aus dem ZDF.

Ratzeburg und Rudern: Das gehört zusammen wie Schalke und Fußball oder Witten und Ringen. Auf dem Ratzeburger See, ein paar Kilometer südlich der Ostseestadt Lübeck, werden am Sonntag acht Männer jenseits der 70 in ein 17 Meter langes Boot steigen und dann zeigen, dass sie für ihr Alter richtig fit sind und die Ruderblätter immer noch elegant und kräftig durch das Wasser ziehen können. Ganz vorne wird der Jüngste verkehrt herum sitzen und die Kommandos geben. Nicht ganz so laut wie vor 50 Jahren, als er diese acht Männer am 19. Oktober 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko zum Gold gebrüllt hat.

Am Wochenende wird gefeiert

„Ich werde mich zum Jubiläum ins Boot quetschen. So viel Platz ist da nicht“, sagt Gunther Tiersch und lacht. Dass der Steuermann des Deutschlandachters 1968 auch mit 64 Jahren eine sportliche Figur hat, davon können sich Millionen Fernsehzuschauer regelmäßig überzeugen. Gunther Tiersch ist einer der beliebtesten Deutschen, weil er als Chef-Meteorologe des ZDF Abend für Abend dieses einfach nicht enden wollende Sommerwetter ansagt. Vor 50 Jahren war er der blonde, schmächtige Junge, der mit gerade einmal 14 Jahren zu einem der jüngsten Olympiasieger der deutschen Sportgeschichte wurde.

Der Gold-Achter von 1968 trifft sich noch regelmäßig. „Alle leben noch und sind fit“, sagt Tiersch. „Am Samstag sind wir beim Senat in Hamburg eingeladen, und einen Tag später geht es in Ratzeburg aufs Wasser.“ Dann ist es nicht anders als bei einem ganz normalen Klassentreffen, sieht man davon ab, dass die grauhaarigen Männer einst olympisches Gold gewonnen haben. „Weißt du noch?“, werden die drei am häufigsten benutzten Wörter sein. Und dann wird der Steuermann erzählen, wie er im olympischen Finale 500 Meter vor dem Ziel die Taktik änderte, weil die Australier immer näher kamen.

Gunther Tiersch hatte Gold in der Kehle. „Ich habe so laut geschrien, wie ich konnte“, erzählt er und erinnert sich an seine fast schon verzweifelten Anfeuerungen. Das Fliegengewicht von damals 46 Kilo brüllte die acht stärksten deutschen Ruderer an, die mehr als doppelt so schwer und zwei Köpfe größer waren. „Los, schlaft nicht ein! Lasst jetzt ja nicht nach! Ich habe einfach das geschrien, was einem so mit 14 Jahren einfällt, damit uns die Jungs zum Gold rudern“, sagt Tiersch. Die Jungs haben ihm aufs Wort gehorcht. Mission geglückt.

Ins Wasser geworfen

Zum Dank haben sie ihn dann, wie es sich nach dem olympischen Triumph gehört, ins Wasser geworfen. „Es war kalt, dreckig und voller Wasserpflanzen“, erinnert er sich. Tiersch ist ein zielstrebiger Mensch. Als promovierter Meteorologe ist er seinen Weg gegangen. Er sagt, er hätte schon mit sechs Jahren gewusst, dass er mal ein Wetter-Experte und Olympiasieger als Steuermann des Deutschlandachters werden wolle. „1960 stand ich als sechsjähriger Ratzeburger mit meinen Eltern beim Empfang der Achter-Olympiasieger von Rom und dachte, das willst du auch mal erleben“, erzählt Tiersch. „Ich habe auf dem Steuermann-Hügel gewohnt. Der Weg war vorgezeichnet.“

Der Steuermann von 1964 war der dritte Nachbar von rechts, der von 1966 wohnte direkt neben der Familie Tiersch. Und als dieser zu schwer wurde, schlug die Stunde von Gunther Tiersch. In Ratzeburg schmiedete Trainer Karl Adam aus den Besten der Besten den Deutschlandachter zusammen. Der Steuermann war in der Regel ein Schüler des Gymnasiums. Unter 50 Kilo musste er wiegen. Kein Problem. Das mit dem Steuern bekam Tiersch nach einem Intensiv-Kurs auch hin.

Eine Serie in der „Bravo“

Tiersch verfolgt mit Interesse auch die Auftritte des aktuellen Deutschlandachters, der sich seit vielen Jahren nicht mehr wie zu seiner aktiven Zeit in Ratzeburg, sondern in Dortmund auf die großen Meisterschaften vorbereitet. Seit 2009 steuert Martin Sauer den deutschen Achter. Sauer ist Jurist und bereits 35 Jahre alt. Die Zeiten der jungen Steuermänner sind vorbei, da heute das Mindestgewicht nicht 50, sondern 55 Kilo beträgt.

Fast zwei Jahre lang bereiste Teenager Tiersch mit dem Achter die Welt. Vier Wochen Rio, zwei Wochen Kanada, sechs Wochen Mexiko. Die „Bravo“ wurde aufmerksam. Für einen Starschnitt reichte es nicht, aber sie machte eine Serie über den Goldjungen aus Ratzeburg. Als Olympiasieger hörte er mit 14 Jahren auf, weil er zu schwer wurde und auch wieder mehr für die Schule pauken musste. „Ich hatte zwar meine Schulbücher immer dabei, aber ich war einfach zu oft unterwegs. Ich bin einmal sitzen geblieben“, gibt Günther Tiersch zu. „Kein Problem. Ich bin ja meinen Weg gegangen.“

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