Eishockey

Rick Goldmann: Leon Draisaitl hätte mehr Aufmerksamkeit verdient

Temporärer Abgang des Stars: Leon Draisatil wird von den Fans der Edmonton Oilers geliebt. Allerdings muss der 24-Jährige wegen der Corona-Krise abwarten, ob die NHL-Saison zu Ende gespielt wird.

Temporärer Abgang des Stars: Leon Draisatil wird von den Fans der Edmonton Oilers geliebt. Allerdings muss der 24-Jährige wegen der Corona-Krise abwarten, ob die NHL-Saison zu Ende gespielt wird.

Foto: Andy Devlin / NHLI via Getty Images

Essen.  Eishockey-Nationalspieler Leon Draisaitl setzt in der NHL Maßstäbe. Experte Rick Goldmann spricht über sein besonderes Talent.

Wenn es noch eines Beweises für Leon Draisaitls Klasse bedurfte, dann lieferte er ihn an diesem denkwürdigen Abend in Nashville. Der deutsche Eishockey-Profi traf aus allen Lagen. Ob aus spitzem Winkel, der Drehung oder der Nahdistanz – Draisaitl versenkte den Puck. Vermutlich hätte er die Scheibe sogar vom Hot-Dog-Stand aus im Tor untergebracht. Vier Treffer steuerte der Angreifer der Edmonton Oilers zum 8:3 bei den Predators bei.

Draisaitls Galavorstellung Anfang März passte in eine Saison, in der er die Maßstäbe setzt. Der 24-Jährige führt mit 110 Punkten (43 Tore, 67 Vorlagen) die Scorerliste der nordamerikanischen Profiliga NHL an. Sein Teamkollege Connor McDavid ist Zweiter dieser Liste mit 97 Punkten. Die Art Ross Trophy für den Topscorer hatte Draisaitl so gut wie sicher. Bei der Wahl zum besten Spieler der Saison galt er als Mitfavorit. Seine Oilers waren zudem auf Play-off-Kurs.

Corona legt auch die NHL lahm

Es lief perfekt, bis Draisaitl am 12. März eine SMS bekam: „Geht erstmal nach Hause!“ Die NHL hatte beschlossen, die Saison wegen der Corona-Pandemie zu unterbrechen. Nun sitzt Draisaitl zumeist mit Freundin Celeste im eigenen Haus, spielt mit dem Hund, hält sich auf der Hantelbank im Fitnessraum bei Kräften und wartet darauf, aufs Eis zurückzukehren. „Man weiß ja nie, wann oder ob es noch mal losgeht“, sagte er der Sport-Bild. „Das ist das Schlimmste daran.“ Mehrere NHL-Profis sind mit dem Virus infiziert, die Oilers wurden bisher nicht getestet.

Ein Saisonabbruch ist wahrscheinlich. Auch Rick Goldmann rechnet nicht mit einer Fortsetzung des Titelkampfes. Der frühere deutsche Nationalspieler findet es unrealistisch, dass in wenigen Wochen der nächste Bully ansteht. Für Draisaitl und die Oilers wäre das vorzeitige Saisonende bitter. „Edmonton wäre für diese Play-offs auch aufgrund einiger Trades gut aufgestellt gewesen. Aber zu den Spielen wird es nun nicht kommen“, sagt Goldmann, der als Experte für Sport 1 und Magenta-Sport arbeitet.

Von Köln über Mannheim nach Kanada

Über Draisaitls Entwicklung kann der 43-Jährige ausführlicher sprechen. Goldmann verfolgt die Karriere des Sohnes des früheren Nationalspielers und Olympia-Teilnehmers Peter Draisaitl, seitdem er für die Jugendmannschaften der Kölner Haie über das Eis flitzte. Nach einem Zwischenstopp bei den Jungadlern Mannheim ging es 2012 über den großen Teich, beim Nachwuchsteam Prince Albert Raiders in der kanadischen Provinz Saskatchewan empfahl sich Draisaitl für die NHL, die beste Liga der Welt.

Die Leistungsexplosion bei den Oilers, für die er seit 2014 spielt, verblüfft aber sogar Goldmann: „Dass ein Deutscher so überragend spielt, Topscorer der Liga ist und das Spiel dominiert, war nicht abzusehen.“ Gleichwohl wusste er, dass ein an Nummer drei ausgewählter Spieler „sehr viel Potenzial haben muss“.

Beim Klub des legendären Wayne Gretzky

Goldmann spricht den Draft an, jene Veranstaltung, bei der sich die Klubs die Rechte an den besten Talenten sichern. Draisaitl stand dort 2014 auf der Bühne und streifte das Trikot in den Farben Blau, Weiß und Orange über. Der schüchterne Bub aus dem Rheinland war nun Teil der ruhmreichen Edmonton Oilers. Für dieses Team zog einst der beste Eishockey-Spieler der Geschichte die Schlittschuhe an: Wayne Gretzky führte die Kanadier in den 1980er-Jahren zu vier Meistertiteln. Der Superstar ist auch indirekt verantwortlich für Draisaitls Spitznamen: „The German Gretzky“ nennen sie den Deutschen in Nordamerika.

Draisaitl mag diesen Ausdruck nicht. „Leon orientiert sich nur an seinen eigenen Leistungen“, sagt Goldmann. „Er versucht, seine offensiven Fähigkeiten zu perfektionieren, indem er sich Situationen immer wieder anschaut.“ Das ist aus Sicht des Ex-Profis eine Erklärung für Draisaitls rasante Entwicklung, die sein Arbeitgeber 2017 mit einem mit 63 Millionen Euro dotierten Achtjahresvertrag honorierte.

Talent und Fleiß stehen im Einklang

Goldmann bewundert die Mentalität und den Trainingsfleiß des Oilers-Profis. „Er arbeitet hart und strukturiert, bereitet sich in den Sommern perfekt auf die Saisons vor.“ Draisaitl absolviert sein Athletiktraining in smarter Kleidung, ein Shirt misst Daten bei Kraft- und Beweglichkeitsübungen. Bei aller Akribie hat Draisaitl aber eins nicht vergessen. Er betrachtet Eishockey weiterhin als ein Spiel. Goldmann erläutert das näher: „Er hat diesen Drang, mit dem Puck zu spielen, wie man es als Kind macht. Das zeigt er aber auf einem so hohen Niveau. Und diese Kombination macht ihn so stark.“

Allerdings macht ihn diese Kombination in seinem Heimatland nicht so bekannt, wie es normal wäre. Das liegt auch ein wenig an Draisaitls Naturell. Er ist keine Rampensau. Ihm genügte es zuletzt, alle zwei Monate ein neues Bild auf Instagram zu posten. Goldmann beschreibt Draisaitl zwar privat „als super Typen“. Aber: „Er braucht die ganze Öffentlichkeit nicht, er ist mehr auf sein Spiel fokussiert.“

Die WM fehlt diesmal als große Bühne

Hinzu kommt, dass er in Nordamerika einen Puck schießt und nicht in Europa gegen einen Ball tritt. Goldmann kennt das Problem, und doch würde er sich über eine größere Wertschätzung für den Landsmann freuen. „Aufgrund seiner Leistungen hätte er definitiv viel, viel mehr Aufmerksamkeit verdient.“

Vielleicht muss Draisaitl die Eishockey-Nationalmannschaft noch auf ein höheres Level heben. So wie es Dirk Nowitzki kurz nach der Jahrtausendwende mit den deutschen Basketballern gemacht hat. 2020 wird es nichts damit. Die Weltmeisterschaft fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Aber Draisaitl hat ja noch Zeit. Mit seinen 24 Jahren steht er erst am Anfang der Karriere.

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