Interview

Otto Becker: "Reiten in Aachen ist etwas Einmaliges"

Wie ein Wohnzimmer: Für das Interview-Foto nahm Otto Becker auf einem Sofa Platz, das wir ihm in der Aachener Soers hingestellt haben.

Wie ein Wohnzimmer: Für das Interview-Foto nahm Otto Becker auf einem Sofa Platz, das wir ihm in der Aachener Soers hingestellt haben.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Im Interview spricht Bundestrainer Otto Becker über Herausforderungen für die Springreiter beim legendären CHIO in der Aachener Soers.

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360 000 Zuschauer, mehr als 1000 Pferde und 2,7 Millionen Euro Preisgeld: Ähnlich wie die Tennisspieler es in Wimbledon erlebt haben, freuen sich die besten Dressur- und Springreiter der Welt nun auf die einmalige Atmosphäre des CHIO. Nach der feierlichen Eröffnung heute (20.15 Uhr/WDR) steht bis Sonntag der Spitzensport in der Aachener Soers im Mittelpunkt. Höhepunkte sind für die Springreiter der Nationenpreis (Donnerstag, 19.30 Uhr) und der Große Preis von Aachen (Sonntag, 13.30 Uhr). Bei den Dressurreitern stehen der Nationenpreis (Donnerstag, 9.30 Uhr) und der Grand Prix Spécial (Samstag, 8.30 Uhr) im Mittelpunkt.

Herr Becker, das Jahr begann für Sie mit einem sehr persönlichen Verlust...

Otto Becker: … Ja, mein Erfolgspferd Dobel’s Cento ist verstorben. Cento wäre im März 29 Jahre alt geworden – kurz vorher ist er aber leider gestorben. Zu ihm hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis. Ich habe ihn bekommen als er fünfjährig war und mit ihm elf Jahre lang an internationalen Turnieren teilgenommen. Er war das Pferd meines Lebens. Was mich tröstet ist, dass er noch zwölf Jahre lang ein gutes Leben gehabt hat.

Bei Ihnen im Stall?

Becker: Genau. Dort konnte er sein verdientes Rentnerdasein verbringen. Wenn man es mit etwas Abstand betrachtet, dann weiß man auch, dass er noch ein paar tolle Jahre hatte, sein Leben noch genießen konnte und nicht direkt nach dem Sport etwas passiert ist. Er musste auch nicht lange leiden. Er wurde krank, und dann ging es ganz schnell. Aber wenn es soweit ist, ist das ein trauriger Moment. Diese Verbindung zwischen Menschen und Tier ist etwas Einmaliges.

Hat das Verhältnis zu seinem Pferd Einfluss auf die Leistung?

Becker: Wenn es um Erfolg geht, ist gegenseitiges Vertrauen zwingend notwendig. Dann muss man eine Beziehung haben. Gerade in Momenten wie beim CHIO in Aachen, wenn das Stadion voll ist, wenn das Flutlicht angeht, dann muss der Reiter in jedem Moment wissen, wie das Pferd reagiert. Und das weiß man, wenn man lange zusammen ist, wenn man diese Erfahrung und das Vertrauen hat. Es gab nichts Schöneres, als mit Cento hier in Aachen einzureiten. Er war zwar sehr stämmig, aber feinfühlig wie ein Vollblüter. (lacht) Er hat einfach gespürt, wenn es wichtig war, und hat dann gekämpft und sein Bestes gegeben.

Im deutschen Reitsport bleiben die konstanten Top-Ergebnisse derzeit aus. Wo liegt das Problem?

Becker: Wir haben verstärkt auf jüngere Leute gesetzt. Marcus Ehning ist mir da eine große Hilfe. Reitern wie Laura Klaphake und Maurice Tebbel gehört die Zukunft. Aber natürlich fehlen ihnen noch Konstanz und Erfahrung. Auch waren einige Pferde zuletzt verletzt. Leider können wir auf Paare, die in Rio erfolgreich waren, nicht mehr zurückgreifen. Ludger Beerbaum hat seine Karriere in der Mannschaft beendet, Meredith Michaels-Beerbaum hat ihr Pferd nach dem Verkauf nicht mehr, Marco Kutscher fehlt auch sein Top-Pferd. Christian Ahlmann und Daniel Deußer unterschreiben die Athletenvereinbarung nicht.

Haben Sie Verständnis dafür?

Becker: In gewissem Maße, ja. Das Vertrauen der beiden in unseren Verband ist belastet. Ich bin natürlich nicht glücklich, dass zwei der Besten nicht zur Verfügung stehen.

Stößt man da als Bundestrainer an seine Grenzen?

Becker: Ja. Zumal ich mit beiden ein sehr gutes Verhältnis habe. Aber ich verliere nicht die Hoffnung, dass wir sie nächstes Jahr zur Olympia-Qualifikation wieder dabei haben. Irgendwann ist es an der Zeit, dass sie einen Schlussstrich ziehen und wir gemeinsam wieder Erfolge feiern.

Kann man die Arbeit eines Springreit-Bundestrainers mit der des Fußball-Bundestrainers vergleichen?

Becker: Ich denke schon, dass es da viele parallele Themen gibt. Es ist wichtig, dass man ein gutes Team und eine gute Stimmung hat. Es gibt ja bei uns auch eine Konkurrenzsituation, aber wenn dann nominiert ist, muss ein Strich gemacht werden. Man muss sich einmal zusammensetzen, alles auf den Tisch packen und bereinigen. Vielleicht ist es manchmal sogar ganz gut, wenn mal richtig Feuer unterm Dach ist. Gewitter reinigen die Luft. Danach müssen wieder alle für ein gemeinsames Ziel kämpfen.

Der Unterschied zu den Fußballern ist ja: Sie haben es mit Erwachsenen zu tun…

Becker: Ja, das ist so. Die meisten haben einen eigenen Stall, einen eigenen Betrieb. Sie sind eigene Charaktere, die ihre Meinung haben und viel erlebt haben. Die auch sehen müssen, dass es wirtschaftlich rund läuft.

Wie genau sehen dann Ihre Aufgaben aus?

Becker: Man ist eigentlich schon 24 Stunden im Einsatz. Aber mir macht das nichts aus – ich bin in der elterlichen Gaststätte groß geworden, und da gab es auch kein Wochenende. (lacht) Im Jahr bin an 40 Wochenenden unterwegs, meine Arbeit findet größtenteils auf den Turnieren statt. Ich will sehen, wie mit den Pferden gearbeitet wird, und informiere mich zusätzlich am Telefon und im Internet.

Worauf gucken Sie, um ein Paar zu bewerten?

Becker: Auf alles. Man merkt schnell, dass die Pferde, die ein Reiter hat, oft ähnlich springen. Jeder Reiter hat einen gewissen Stil. Der eine ein bisschen feiner, der andere kämpft mehr. Natürlich sind die Pferde alle unterschiedlich – ein guter Reiter geht auf sie ein.

Was sind als Trainer die größten Herausforderungen?

Becker: Eine Herausforderung ist, dass der Reitsport noch globaler geworden ist. Es gibt an einem Wochenende zwei, drei Top-Turniere. Da den Überblick zu behalten, wer wann wo wie reitet, wird immer schwieriger. Dadurch wird die Saisonplanung auch für die Reiter immer schwieriger und anspruchsvoller. Es gibt weltweit immer mehr Reiter, die auf allerhöchstem Niveau reiten.

Wann ist Ihnen das bewusst geworden?

Becker: Das erste Mal während der WM 2006 in Aachen. Da ritt auf einmal ein Ukrainer null Fehler, ein Japaner null, einer aus Saudi Arabien null – aus aller Herren Länder ritten sie fehlerfrei. Den reiterlichen Vorsprung haben wir verloren. Weltweit kaufen Reiter Top-Pferde, lassen sich ausbilden – von vielen Deutschen und anderen Europäern übrigens. Top-Reiter haben wir. Nur die Top-Pferde fehlen. Doch wir wollen in Ruhe weiterarbeiten, gute Reiter und gute Pferde ausbilden und uns auf die Höhepunkte konzentrieren.

Vor der WM im September in den USA findet einer in Aachen statt. Erinnern Sie sich daran, wann Sie selbst das erste Mal beim CHIO geritten sind?

Becker: Das müsste 1990 gewesen sein. Ich erinnere mich nur, dass ich geritten bin – das war nämlich sehr beeindruckend, aber nicht so erfolgreich. (lacht)

Was ist so besonders an Aachen?

Becker: Aachen ist etwas Einmaliges – auch durch die Dimension. Wenn das Stadion beim Großen Preis am Sonntag ausverkauft ist oder am Donnerstagabend im Nationenpreis das Flutlicht eingeschaltet ist, dann sind das absolute Gänsehautmomente. Das kenne ich sonst nirgendwo her. Es gibt viele gute Plätze mit tollem Publikum, aber Aachen ist etwas Besonderes. Und was hier immer spürbar ist: Der Sport steht im Mittelpunkt und ist keine Randerscheinung. Außerdem kennt man kennt die handelnden Personen von den Funktionären bis zu den Ordnern seit Jahrzehnten. Es ist ein Stück nach Hause zu kommen. Mit dieser Tradition im eigenen Land – eine ganz große Sache, hier dabei zu sein. Das Ziel ist natürlich auch in diesem Jahr, in Aachen gut abzuschneiden.

Was wäre eine gute Leistung im Nationenpreis für Sie?

Becker: Unter die ersten drei zu kommen. Acht Jahre lang habe ich den Nationenpreis als Trainer nicht gewonnen – dafür zuletzt zweimal in Folge. Nach dem CHIO arbeiten wir dann auf eine Mannschafts-Medaille bei der WM hin.

Aachen spielt ja auch in den Plänen zum Projekt Olympia Rhein-Ruhr eine Rolle. Dem Konzept nach könnten dann 2032 hier die Reiterwettbewerbe stattfinden. Wie präsent ist das bei Ihnen?

Becker: Im Moment ist es noch weit weg – auch für die Reiter. Mich würde es natürlich freuen, wenn wir wieder Olympische Spiele nach Deutschland holen könnten. Deutschland hat bewiesen, dass es Großereignisse stemmen kann. Eine erneute Bewerbung – gerade im Ruhrgebiet – würde ich unterstützen.

Der Deutsche OIympische Sportbund bevorzugt eher Berlin als Rhein-Ruhr für eine mögliche Bewerbung. Wie stehen Sie dazu? Ist es Ihnen egal, ob in Aachen oder in Berlin geritten wird?

Becker: Klar, ich würde mich als Westfale freuen, wenn es Rhein-Ruhr werden würde. Aber am Ende sollte die beste Bewerbung den Zuschlag bekommen. Hauptsache, Olympia kommt nach Deutschland.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich Deutschland mit Großereignissen aktuell so schwer tut?

Becker: Nein. Ich finde, Olympia bringt Deutschland voran. Es gibt da viele Aspekte. Es wird zum Beispiel in die Infrastruktur investiert. Und Großereignisse helfen, ein Land zu einen. Das beste Beispiel ist sicherlich die Fußball-WM 2006 im eigenen Land. Wie nach dem Sommermärchen das Land auf einmal wieder stolz war, deutsch zu sein und wie die deutschen Farben überall gezeigt wurden. Bei der WM in Russland hat man jetzt auch gesehen: Die Mannschaft gewinnt, und schon ist das ganze Land im Fußballfieber. Das steht einem Land gut. Und das würde auch Deutschland gut stehen.

Sie feiern in diesem Jahr noch einen runden Geburtstag – macht man sich da Gedanken über einen Abschied als Bundestrainer?

Becker: Diese Frage stelle ich mir nach Olympia 2020. Da werde ich dann entscheiden, wie es weitergeht.

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