Formel 1

Nick Heidfeld: Ich habe Vettel nicht als Überflieger gesehen

Kommentiert am Wochenende das zweite Saisonrennen für Sky: Nick Heidfeld.

Kommentiert am Wochenende das zweite Saisonrennen für Sky: Nick Heidfeld.

Foto: Imago

Zürich  Am Sonntag gibt Nick Heidfeld als Sky-Experte ein Formel-1-Comeback. Im Exklusiv-Interview spricht er über Vettel, Hamilton und Familienzeit.

Auf der Hoteleinfahrt nahe des Zürichsees staut es sich. Die Gäste warten darauf, dass ihre teuren, sehr teuren Autos geparkt werden. Nick Heidfeld ist nicht unter ihnen. Der ehemalige Formel-1-Pilot huscht mit einem Helm in der Hand elegant durch die Schlange. „Ich muss gleich noch meine Tochter von der Schule abholen, deshalb bin ich mit dem Roller gefahren.“ Neben der Strecke mag es der 41-Jährige inzwischen ruhiger. Am Wochenende kehrt er aber auf die große Formel-1-Bühne zurück. Am Sonntag (16.15 Uhr, Sky Sport 2) kommentiert er das zweite Saisonrennen in Bahrain. Wir sprachen mit ihm über seinen neuen Job bei Sky, seine ehemaligen Weggefährten und seinen Lebensstil.

Herr Heidfeld, am Wochenende stehen Sie erstmals für Sky als Kommentator an der Strecke. Warum sieht man Sie jetzt als Experte bei Formel-1-Rennen?

Nick Heidfeld: Ich habe schon mal bei NTV kommentiert. Ich habe allerdings nur die Trainings gemacht, weil ich keine Lust hatte, auch am Wochenende von zu Hause weg zu sein. Die Situation hat sich jetzt geändert. Ich fahre nicht mehr in der Formel E und habe deshalb mehr Zeit, die ich für andere Projekte verwenden möchte. Ich strecke sozusagen meine Fühler etwas aus: Neben meinen Jobs als Berater bei Mahindra und Automobili Pininfarina werde ich nun bei Sky Rennen kommentieren.

Hätten Sie gedacht, dass Sie mal beim Fernsehen arbeiten würden?

Heidfeld: Am Anfang meiner Karriere bestimmt nicht. Damals war es mir ein Graus, Interviews zu geben. Ich habe versucht, wo es ging, mich vor Interviews zu drücken, aber letztendlich ist das auf Dauer ja nicht möglich, und irgendwann hat es mir auch Spaß gemacht.

Sie haben in Ihrer Karriere auch Sebastian Vettel kennengelernt. Als Sie bei BMW mit Robert Kubica fuhren, war Vettel Testfahrer. Haben Sie es für möglich gehalten, dass er Weltmeister wird?

Heidfeld: Ganz ehrlich? Das hätte ich nicht gedacht. Er hat einen guten Job gemacht, vor allem in den Serien bis zur Formel 1. Aber in den Testfahrten habe ich ihn nicht als überragend wahrgenommen. Es gab auch mal eine Anfrage eines anderen Teams, das überlegt hat, ob es ihn nehmen soll, und da habe ich auch gesagt, dass ich ihn nicht als den Überflieger sehe. Da habe ich mich ganz offensichtlich getäuscht. Was aber wichtig ist: Ich bescheinige ihm eine sehr hohe Intelligenz. Er gehört zu den Fahrern, die aus Fehlern lernen, Möglichkeiten sehen, sich weiterentwickeln.

Vor allem in der vergangenen Saison brauchte er diese Fähigkeit…

Heidfeld: …das sehe ich anders. Es gibt nicht viele Zufälle, aber ab und zu läuft es einfach nicht. Gegen Verstappen in Austin beispielsweise hatte er einfach Pech. Und später in der Saison musste er im Gegensatz zu Lewis Hamilton etwas riskieren.

Sebastian Vettel hatte im ersten Rennen in Melbourne einen Rückstand von fast einer Sekunde. Ist das ein erstes Warnsignal?

Heidfeld: Das ist ein Warnsignal, aber Melbourne ist kein Gradmesser. Es ist ein Stadtkurs, die Bodenbeschaffenheit ist anders, es ist kühler.

Vettel steht bei Ferrari unter Druck, weil er noch keinen Titel geholt. Kann er es noch schaffen?

Heidfeld: Ich denke schon. Wenn es einer schaffen kann, dann Sebastian. Weil er jemand ist, der nicht nur ein enormes Potenzial hat, sondern intelligent ist und ein Team mit aufbauen und hinter sich bringen kann.

Sie haben auch Lewis Hamilton kennengelernt. 2007 sind Sie in Kanada Zweiter hinter ihm geworden. Ein Jahr später wurde er zum ersten Mal Weltmeister. Haben Sie das für möglich gehalten?

Heidfeld: Anders als Vettel habe ich ihn nur von außen beobachtet. Man konnte sehen, dass er ein enormes fahrerisches Potenzial hat. Vor einigen Jahren war ich als Testfahrer in Monaco unterwegs und habe an der Strecke gestanden. Da kommt man näher dran als an anderen Strecken. Und da hat mich Lewis Hamilton zusammen mit Fernando Alonso am meisten beeindruckt. Ich glaube, er hat seit dem das Risiko auf Stadtkursen zurückgeschraubt, aber zu dem Zeitpunkt war er der, der am nächsten, am extremsten an die Leitplanken herankam. Alonso war für mich am stärksten, er ist nicht ganz so nah herangefahren, dafür sehr konstant.

Warum beeindruckt Sie Alonso so sehr?

Heidfeld: Es ist sehr schade, dass er nicht mehr dabei ist. Für mich ist er speziell im Rennen der beste Fahrer. Der fast immer das Maximum herausholt, der fast immer ans Limit geht. Neben der Strecke ist er im Umgang mit den Teams manchmal nicht zielführend, aber auf der Strecke war er im Zweikampf immer fair. Da wusste man immer, er macht jetzt keinen Blödsinn.

Max Verstappen scheint da ein anderer Typ zu sein. Der Jungstar fällt immer wieder durch Unüberlegtheiten auf. Ist seine Karriere bedroht?

Heidfeld: Die große Frage ist, ob er aus den Fehlern lernen kann und das Positive daraus ziehen kann. Ich finde, dass er teilweise zu sehr gehyped wurde, aber manchmal macht er Aktionen, die außergewöhnlich sind. Mittlerweile glaube ich an ihn.

Gehört es mittlerweile dazu, Entertainment zu liefern? Lewis Hamilton ist ja auch ein besonderer Charakter, der einen extravaganten Lebensstil pflegt.

Heidfeld: Ich glaube nicht, dass es dazu gehört. Es ist schön und gut für jeden Sport, wenn man das ausleben kann. Aber ich glaube nicht, dass Verstappen das berechnet. Er ist einfach so. Aber generell ist es schade, auch in der Formel 1, dass mit der Zeit viel glattgebügelt wurde. Man will doch Charaktere und Emotionen sehen. Aber ich habe das ja auch miterlebt: Man sagt oder macht etwas, dass dann falsch wiedergegeben und zerrissen wird. Dann hat man irgendwann keine Lust mehr, etwas preiszugeben und schottet sich mehr ab.

Sie wohnen seit 19 Jahren in der Schweiz. Wurde Ihnen der Rummel auch irgendwann zu viel?

Heidfeld: Auch, ja. Ich habe erst in Monaco gewohnt. Da kann man sagen, er wollte Steuern sparen und es ist kein Geheimnis, dass man das dort kann. Aber bei mir war es so, dass wir als Kinder oft im benachbarten Italien Urlaub gemacht haben. Als Jugendlicher ist Monaco ein Traum. Da geht das Leben ab. Dann habe ich da gewohnt und es hat mir gar nicht gefallen. Im Winter ist da tote Hose, es ist eine spezielle Klientel. Durch Sauber sind wir in die Schweiz gekommen. Hier fühlen wir uns extrem wohl. Nicht umsonst ist die Schweiz in Umfragen oft vorne: ärztliche Versorgung, Bildung, Lebensqualität, das spürt man. Und es ist tatsächlich so, dass die Leute hier zurückhaltender sind als in Deutschland.

Ist Deutschland trotzdem noch Ihre Heimat?

Heidfeld: Die Schweiz ist mein Zuhause, aber Deutschland meine Heimat. Wir haben immer noch Familie und Freunde in der Region um Mönchengladbach, die wir besuchen.

Haben Sie mal überlegt, nach Deutschland zurückzuziehen?

Heidfeld: Bevor unsere Tochter auf die Schule gekommen ist. Denn dort werden Kontakte und Bindungen geknüpft, die man bei einem eventuellen späteren Umzug nicht so einfach kappen möchte. Aber letzten Endes haben wir es nicht gemacht. Es gibt in beiden Ländern Dinge, die einem gefallen und weniger gefallen. Ein Beispiel: Ich kam zu dieser Zeit in Düsseldorf am Flughafen an, da gab‘s einen kleinen Stau, und ein Taxifahrer schrie: „Ey du Arschloch, fahr mal vor.“ Oder ich bin zum Bäcker gegangen und habe Guten Morgen gesagt und alle schauten mich schief an. Das sind so Kleinigkeiten, aber so etwas wollte ich nicht mehr haben.

In einer Umfrage hielten 36 Prozent der Befragten die Formel 1 für nicht mehr zeitgemäß. Sie sind viele Jahre in der Formel E gefahren. Wird diese Rennserie die Formel 1 ablösen?

Heidfeld: Vor ein paar Jahren hätte ich noch Nein gesagt. Aber so wie es sich jetzt entwickelt hat, kann ich mir das schon vorstellen. Wir haben Mercedes dabei, BMW, Audi, Porsche. Aber im Moment hat die Formel 1 noch immer die schnellsten Autos und ist immer noch das Ziel eines jeden Rennfahrers. Es gibt, glaube ich, noch sehr wenige, die sagen: Ich will Formel-E- anstatt Formel-1-Fahrer werden werden (lacht).

Sie sind an der Entwicklung des Battista beteiligt, einem 1900-PS-Elektro-Auto. Wie fühlt es sich an, in so einem Wagen zu fahren?

Heidfeld: Das weiß ich noch nicht. Ich habe ihn noch nicht getestet. Aber es wird sicher spaßig. Der Wagen beschleunigt von 0 auf 100 in zwei Sekunden.

Ist die Beschleunigung eines Rennautos etwas, das Sie vermissen?

Heidfeld: Ich hab es am Anfang mehr vermisst als jetzt. Wenn jetzt einer fragen würde, würde ich nicht Nein sagen. Aber ich will es nicht mehr Auf-Teufel-Komm-Raus wie früher.

Ist es mehr die Beschleunigung oder die Geschwindigkeit, die Sie faszinierte?

Heidfeld: Es ist die Beschleunigung. Die Höchstgeschwindigkeit ist relativ langweilig. Je nach Strecke, ob du da 200 oder 400 fährst - das kann jeder. Klar, ist man am Anfang ein bisschen aufgeregt, aber mit ein bisschen Übung legt sich das. Da ist kein großes Können dabei. Wann es spannend wird, ist in Monza, wenn du mit 360 auf die Schikane zufliegst. Dann fährst du in einer Sekunde einhundert Meter weit. Wenn du dann deinen Bremspunkt verpasst, sagen wir mal um eine halbe Sekunde, bist um 50 Meter an der Kurve vorbeigefahren. Das ist das Spannende, das genau zu timen.

Sie selbst sind von schweren Unfällen verschont geblieben. Macht das dankbar?

Heidfeld: Es macht schon dankbar, aber es nichts, was allgegenwärtig ist. Wie bei vielen anderen Dingen, muss man sich da auch mal kneifen.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann einmal einen Rennstall zu leiten?

Heidfeld: Nein. Als erstes glaube ich nicht, dass ich das schon perfekt könnte. Nur weil man ein guter Rennfahrer ist, ist man nicht automatisch ein guter Teammanager. Es gab einige, die es versucht haben, aber nicht geschafft haben. Und zweitens ist der Zeitfaktor für mich ein Problem. Als Rennfahrer ist man zwar viel unterwegs, aber man ist auch ein Stück weit verwöhnt, weil man das macht, was man liebt. Als Teammanager hat man viel, viel weniger Zeit, und da habe ich in meiner jetzigen Situation keine Lust drauf. Die Familie ist für mich das wichtigste. Ich verzichte lieber auf ein paar Dinge, habe dafür aber mehr Zeit für die Familie. Diese Zeit kommt nie wieder.

Trotzdem arbeiten Sie als Berater und Kommentator.

Heidfeld: Zum Glück bin ich in der Situation, dass ich mein Leben selbst bestimmen kann, weil ich gutes Geld verdient habe. Aber ich bin jetzt 41 und möchte 100 Jahre alt werden. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass man 60 Jahre leben kann, ohne zu arbeiten. Das will ich auch nicht.

100 Jahre alt werden – das ist ein ungewöhnlicher Wunsch für einen Rennfahrer.

Heidfeld: Ich glaube, selbst die meisten Rennfahrer wollen nicht sterben.

Eine einfache Frage zum Schluss: Wer wird Weltmeister?

Heidfeld: Lewis Hamilton.

Danke für das Gespräch.

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