Interview

Jan Frodeno verrät: Das ist meine Motivation beim Triathlon

Hat noch lange nicht genug: Ironman-Sieger Jan Frodeno.

Hat noch lange nicht genug: Ironman-Sieger Jan Frodeno.

Foto: dpa

Essen.  Ironman-Weltmeister Jan Frodeno erklärt, warum er in den Pyrenäen trainiert, ihn Dopingvorwürfe ärgern, ob er nach Deutschland zurückkehren wird.

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Jan Frodeno hat beim Ironman Hawaii noch einmal die Grenzen verrückt: Der bekannteste deutsche Triathlet schrieb nicht nur mit seinem dritten Sieg auf Big Island Geschichte, sondern drückte die Bestzeit auf 7:51:13 Stunden. Auch mit 38 Jahren denkt der Modellathlet nicht ans Aufhören. Nur hat er seinen Lebensmittelpunkt mit seiner Frau und den zwei Kindern inzwischen ins spanische Girona verlegt.

Herr Frodeno, Sie haben am 12. Oktober die Triathlon-Welt mit dem Sieg beim Ironman Hawaii in einer Fabelzeit aus den Angeln gehoben. Wo haben Sie denn die Zeit danach verbracht?

Jan Frodeno: Ich war nach Kona zunächst mit der Familie in Australien, danach war es im Grunde eine kleine Deutschland-Tournee zwischen Hamburg und München. Am letzten Oktober-Wochenende war ich beispielsweise auf zig Terminen: bei einem Kongress in Mannheim, dem Frankfurt Marathon oder im ZDF-Sportstudio in Mainz.

Zuletzt waren Sie in der NDR Talk Show oder beim Frankfurter Sportpresseball zu sehen. Ihr Vorgänger Patrick Lange hat nach seinem zweiten Hawaii-Sieg kaum eine Einladung ausgeschlagen und fühlte sich dann bis ins Frühjahr ausgelaugt. Kann Ihnen das auch passieren?

Ich bin auf jeden Fall ein anderer Typ als Patrick, weil ich glaube, dass mir diese Termine mehr Positives geben als Stress verursachen. Aber ehrlicherweise minimieren wir auch die Auftritte: die Standards bei den TV-Formaten abhaken und ansonsten mir die spannenden Sachen herauszusuchen. Das Schöne ist, dass Triathlon inzwischen so bekannt ist, dass die Gespräche interessanter werden. Ich muss keinem mehr erklären, in welcher Reihenfolge Schwimmen, Radfahren und Laufen aufeinander folgt.

Mitunter herrscht bei ihrem Erscheinen am Rande eines Sportevents schon ein riesiger Rummel. Fühlen Sie sich als Star?

Nein. Das Lustige ist, dass es zum Anfang meiner Karriere meine maximale Motivation gewesen ist und ich diese Anerkennung auch gesucht habe. Umso älter ich werde und länger ich den Sport betreibe, desto mehr genieße ich die Interaktion mit den Menschen.

Dann wären Sie auch nicht enttäuscht, wenn der Zehnkämpfer Niklas Kaul Sportler des Jahres würde?

(überlegt) Nein, denn das ist eigentlich nicht mein Preis, weil ich es nicht beeinflussen kann (Frodeno war 2015 Deutschland Sportler des Jahres, Anm. d. Red.). Eine wunderbare Wertschätzung von außen, aber das hätten jedes Jahr so viele Jungs und Mädels verdient, deshalb sehe ich das wirklich entspannt. Weil ich Niklas nicht wirklich kenne, würde ich mich darüber freuen wenn wir danach einen trinken gehen, egal wie es ausgeht.

Wer sich mit ihrem Alltag beschäftigt, den Sie in ihrem Buch „Eine Frage der Leidenschaft“ schildern, kommt schnell zur Erkenntnis: mehr Training geht nicht. 99 Prozent aller Fußballprofis würden bei diesem Programm vor Neid erblassen.

(lacht) Warum keine 100 Prozent? Ich bin einer, der genau das eine Prozent sucht! Das ist meine Erfüllung in meinem Sportlerleben überhaupt und auch der Grund, um eine spätere Frage vorwegzunehmen, warum ich noch weitermache. Das ist mein Antrieb, der mir täglich bewusst macht, worum es eigentlich geht.

Kommt nach einem langen Trainingstag, an dem Sie vor 22 Uhr völlig erschöpft ins Bett fallen, nicht mal der Gedanke, was soll das alles?

Nö. Genau das wäre der Zeitpunkt, um aufzuhören. Natürlich stellen sich diese Frage nach verletzungsbedingten oder gesundheitlichen Rückschlägen, wenn die Gefühlsachterbahn im vollen Gang fährt, aber ich konnte meine Karriere deshalb so lange hinausziehen, weil ich die absoluten Saisonhöhepunkte nur noch ein-, zweimal im Jahr habe.

Viele finden nicht nur wegen Ihres Alters Ihre Leistungen bewundernswert, sondern auch weil Sie inzwischen mit ihrer Frau Emma zwei kleine Kinder haben. Es hat den Anschein, als mache Sie das nur noch stärker.

Natürlich räumt mir das eine andere Perspektive sein. Ich erkenne an, dass Triathlon nur die schönste Nebensächlichkeit der Welt ist. Dieser Aspekt hilft mir locker zu bleiben. Oder beispielsweise die Beharrlichkeit, die Kinder mitbringen. Wenn sie gehen lernen, fallen sie so oft auf die Schnauze und stehen immer wieder auf. Meine kleine Tochter hat kurz nach dem Ironman Hawaii ihre ersten Schritte versucht. Immer weitermachen, um eine andere Welt zu entdecken. So etwas zu sehen, ist super erfrischend, um nicht ewig in der Monotonie drinzustecken.

Haben Sie wegen der Kinder das spanische Girona als festen Wohnsitz ausgewählt und das „Doppelleben“ mit dem australischen Noosa aufgegeben?

Auch. Mit zwei Kindern zweimal im Jahr den Kontinent zu wechseln, ist nicht mehr zeitgemäß. Girona ist perfekt um ganzjährig perfekte Bedingungen für Schwimmen, Radfahren und Laufen zu haben. Und inzwischen haben wir hier schon Wurzeln geschlagen. Wir haben ein Haus und meine Frau Emma hat ein kleines Unternehmen gegründet, die für Kleingruppen kulinarisch und sportlich die Gegend erkundet. So bekommen wir eine gute Mischung aus perfekten Trainingsbedingungen für mich und privatem Wohlfühlfaktor für sie hin.

Wohnen Sie in Girona noch mitten in der Altstadt?

Nein, inzwischen direkt am Stadtrand. Wenn vor dem Haus die Kopfsteinpflasterstraße und die Garage einen halben Kilometer weit weg liegt und jeder Türrahmen maximal 1,85 Meter misst, mag das extrem romantisch sein, war aber auf Dauer einfach unpraktisch.

Dass Sie später noch einmal nach Deutschland ziehen, ist ausgeschlossen?

Schwer vorstellbar. Nachdem wir die letzten 17, 18 Jahre als Athleten Nomaden waren, die aus der Tasche gelebt haben, haben wir jetzt endlich wieder Wurzeln geschlagen. Das mediterrane Klima gefällt uns so gut, dass wir uns wirklich auf den Winter freuen, weil es 95 Prozent der Zeit sonnig ist. Wir haben das Mittelmeer auf der einen Seite, auf der anderen ist es nur eine Stunde bis in die Pyrenäen zum Skifahren.

Ihre sportliche Veranlagung ist dennoch unbestritten: Ihr Trainer Dan Lorang vergleicht Triathlon mit der Formel 1: Der Körper des Athleten sei die Maschine, der Triathlet der Fahrer und die Trainer der Ingenieur. Wer hat dann den Impuls gegeben, auf Hawaii derart zu attackieren?

Im Rennen ist es fast nur noch Intuition. Natürlich orientiere ich mich an den Leistungsdaten, wobei ich mich mittlerweile nur noch auf die Wattwerte schaue, aber ich wollte mich auf Hawaii auch nicht mehr zügeln, da ich spürte, dass es ein toller Tag ist. Dafür bin ich vielleicht auch zu emotional, um so einen Wettkampf ‚safe‘ nach Hause zu bringen. Ich wollte ein Rennen abliefern, auf das ich selber stolz bin.

Haben Sie denn so viel Erfahrung im Triathlon, dass Sie einen Einbruch auf der Laufstrecke ausschließen konnten?

Das wüsste ich überall, außer auf Hawaii. Die Bedingungen dort haben mir so oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Selbst bei meinen vorherigen Siegen 2015 und 2016 waren es Überlebenskämpfe, bei denen ich nur gewonnen habe, weil ich nicht aufgegeben habe.

Welchen Anteil hat Dan Lorang prozentual an Ihren Erfolgen?

Ich halte es für unmöglich und auch unsinnig, das zu beziffern. Mein Trainer ist ein essentieller Teil in dem Ganzen, ein ganz wichtiges Zahnrad im Getriebe eines Teams, das ohne ihn nicht funktionieren würde. Er steuert extrem viel dazu bei, aber das tut mein Physiotherapeut Albert Lorza Planes, mein Manager Felix Rüdiger oder meine Frau genauso. Diese Vier sind am engsten am Erfolg beteiligt.

Anne Haug hat für den deutschen Doppel-Triumph auf Hawaii gesorgt. Wie lange kennen Sie sich?

So seit 2011 etwa, als wir gemeinsam im DTU-Kader in Saarbrücken waren und ich meine schwierigste Phase hatte. Wir waren auch beide 2012 Teil der Olympia-Mannschaft für London. Jetzt hat sie auf Hawaii ein sensationelles Rennen hingelegt, auch wenn die Topfavoritin Daniela Ryf offensichtlich ganz und gar nicht fit gewesen ist. Gerade ihre Marathonleistung war extrem beeindruckend.

Sie arbeitet unter demselben Trainer, aber sie beide sind grundverschiedene Typen.

Definitiv. Das macht Dan einzigartig, der es schafft, sich an die Athleten anzupassen, auch wenn es sich um komplett andere Charaktere handelt. Alle anderen Trainer passen die Athleten an sich an, teils mit brachialen Methoden. Teilweise funktioniert manch ein Coach, gerade im Triathlon, dann auch nur für ein bestimmtes Geschlecht. Dan aber schafft beides, und hat sich dann auch noch in die Radsportwelt reingefuchst…

Dan Lorang hat der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, er würde Athleten verklagen, die dopen. Waren Sie überrascht von der Aussage?

Nein, aber es beschreibt unsere Mentalität sehr gut. Er ist ja derjenige, der im Radsport tätig ist: einem Sport, die deutlich vorbelasteter ist. Ich finde gut, dass er eine klare Linie zieht. Wischi-Waschi-Aussagen von Sportlern, noch nie positiv getestet worden zu sein, haben die Leute oft genug gehört. Ich habe das Gefühl, dass mir 99 Prozent der Leute das Vertrauen schenken. Ich bin ewig dabei, habe einen langen Leistungsaufbau, war jahrelang in der Nationalmannschaft, habe sämtliche Fortbildungen meines Verbandes mitgenommen. Man kann nicht sagen, dass es in meinem Umfeld zweifelhafte Dinge oder Personen gibt.

Was entgegnen Sie Zweiflern an Ihrer Fabelzeit auf Hawaii?

Ich habe mich danach erstmals auf eine solche Diskussion auf Twitter eingelassen. Es gibt einen berüchtigten deutschen Auswanderer in den USA, der übers Internet Anschuldigungen erhebt. Er behauptet, alle unter acht Stunden beim Ironman Hawaii oder alle Sieger seien grundsätzlich gedopt. Danach habe ich versucht zu erfahren, was man leisten muss, um in dessen Kopf glaubwürdig zu sein. Und das war sinnlos. Meines Erachtens tue ich schon viel. Ich bin dafür, Dopingsündern keine zweite Chance einzuräumen; ich habe das Anti-Doping Gesetz von Anfang an unterstützt, so dass das Doping zur Straftat wird. Wir Triathleten sind nach wie vor im selben Kontrollsystem wie die olympischen Athleten Deutschlands.

Und die Kontrolleure finden Sie auch im neuen spanischen Domizil?

Klar, und nicht zu selten stehen sie nach wie vor in Girona um sechs Uhr morgens an der Haustür. Aber dann kommt von den gleichen Zweiflern das Argument, dass Lance Armstrong mal vor zehn Jahren auch in Girona gewohnt hat. Was will man da entgegnen? Ich behaupte auch nicht, dass jeder, der in New York wohnt, Betrug an der Börse betreibt. Ich habe keine Geheimnisse. Dann soll mir einer sagen, was ich noch machen soll um glaubwürdiger zu sein. Ich bin gern bereit dazu. Ich habe bereits betont: Ich gehe in den Knast, wenn ich dope. Deutlicher kann man als Familienvater wohl kaum werden, oder?

Sie haben ihren Start beim Ironman Hawaii für 2020 ja fast schon versprochen. Wie lange soll die Karriere noch dauern?

Es gibt tatsächlich da keinen Plan. Die verpasste Teilnahme 2018 ist sicherlich der Grund, dass ich noch dabei bin, weil die bittere Erfahrung machen musste, dass die Leiden am Steckenrand größer sind als sich acht Stunden durchzukämfen. Ich nehme mir einfach den Luxus, dass ich mir sage: Ich mache das noch so lange, wie ich Bock habe.

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