Olympia

Darum verzichtete Andreas Wellinger auf die Eröffnungsfeier

Skispringer Andreas Wellinger

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Pyeongchang.   Am Samstag steigt das Skispringen von der Normalschanze. Andreas Wellinger ist dabei, sein Talent in den ersten großen Titel umzusetzen.

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Die Erinnerungen an Sotschi hat Andreas Wellinger schnell parat. „Das ist etwas sehr besonderes“, sagte der 22-Jährige und grinste. Fürwahr, die Goldmedaille zu gewinnen, Olympiasieger mit der Mannschaft zu werden, ist für viele Sportler das Schönste in ihrer Karriere. Aber das meinte der Skispringer Wellinger nicht, als er nun auf die Winterspiele von 2014 zurückblickte. Er sprach von der Eröffnungsfeier, die er in Pyeongchang am Freitagabend anders als vor vier Jahren in Russland nur aus dem Bett heraus am Fernseher verfolgte. „Ich bin hier, um Wettkämpfe zu springen, also muss ich mich darauf vorbereiten.“ Der Traunsteiner hat im Springen von der Normalschanze am Samstag (13.30 Uhr deutscher Zeit/Eurosport) nichts anderes vor, als erneut im Zeichen der Olympischen Ringe zum Höhenflug zu setzen.

Wellinger ist der letzte Verbliebene des Gold-Quartetts von Sotschi

Für die südkoreanischen Zuschauer im Alpensia-Skisprung-Zentrum genügte Wellingers Team-Triumph mit den DSV-Adlern vor vier Jahren nicht, um ihm erst recht nach dem beeindrucken Sieg in der Qualifikation die berechtigte Aufmerksamkeit für einen Olympiasiegers zu schenken. Während er ganz unten am Auslauf der spektakulären Schanzenanlage stand, deren abends bunt illuminierter Turm als Wahrzeichen des Olympia-Gastgebers Pyeongchang von weither zu bestaunen ist, galt das Interesse der koreanischen Fans und Reporter vielmehr dem japanischen Skisprung-Opa Noriaki Kasai (45), der am Samstag zum achten Mal bei Olympia startet. Für Wellinger war das kein Problem, „ich habe ein gutes Gefühl, ich kann mich nicht beklagen“, sagte er. Und damit untertrieb der 1,85-Meter-Schlaks, der wie Fußball-Weltmeister Thomas Müller seine Zuhörer mit schelmischem Grinsen und bayrischer Ironie zum richtigen Zeitpunkt einzufangen weiß, noch gewaltig.

Understatement gehört zum Sportleben dazu, es ist ein Selbstschutz, um bei zu hohen Erwartungen am Ende nicht zu enttäuscht zu und in große Erklärungsnot zu erklären, wenn es dann doch mal nicht wie geplant läuft. Andreas Wellinger ist trotz seiner 22 Jahre schon erfahren genug, um dafür genau die Balance zu finden. Als letzter Verbliebener des Gold-Quartetts von Sotschi – der verletzte Severin Freund schaut von zu Hause aus zu, Andreas Wank und Marinus Kraus gehören nicht mehr zur ersten Wahl von Bundestrainer Werner Schuster – ist er nun in Pyeongchang dabei, sein imposantes Talent in den ersten großen Einzeltitel umzusetzen. Bei der letzten WM in Lahti wurde er zweimal Zweiter, bei der Vierschanzentournee, das ging im Hype um Vierfach-Sieger Kamil Stoch völlig unter, war er auch ärgster Verfolger des Polen.

„Wenn ich mein Zeug umsetzen kann, kann ich vorne mitspringen“, so Wellinger, der nach seinem Quali-Sprung auf 103 Meter noch einräumte: Wenn ihm zwei solcher Sätze am Samstag gelängen, dürfte es auch für Titelverteidiger Stoch, dem mit der Normalschanze noch fremdelnden Teamkollege Richard Freitag (O-Ton: „Was der Andi gerade macht, ist echt cool. Ich würde gerne nach den Medaillen greifen. Dafür müssten mir wirklich zwei richtig gute Sprünge gelingen“) sowie die flugstarken Norweger Daniel-André Tande und Johann André Forfang schwierig werden, an ihm vorbeizuziehen.

Allzu häufig werden die Springer am Samstag die 100-Meter-Marke nicht überfliegen, mehr gibt die Normalschanze nicht her. Umso entscheidender werden bei zu erwartenden geringen Punktabständen der Absprung, Gleitphase und die akkurat ausgeführte Landung sein. Wellingers Telemark gilt als einer der besten in der Springer-Szene, aber: „Man darf sich keine Fehler erlauben, während des Sprungs und bei der Landung nicht. Ski verschnitten heißt drei Punkte weniger und fünf Plätze weiter hinten.“ Für Werner Schuster war Wellingers bisheriger Auftritt in Südkorea schon mal ein Zeichen. „Wichtig ist, dass ich merke, dass seine Technik feiner wird“, sagte der Österreicher. „Wenn er was in den letzten Wochen hatte, dann war das Inkonstanz. Die Sprünge müssen stabiler sein – das ist die Voraussetzung für Olympia, und die hat er geschaffen.“

Wenn den Unterschied von Bronze oder Silber zu Gold am Samstag ausmacht, dass er der Eröffnungsfeier diesmal fernblieb, werden Andreas Wellinger und Werner Schuster wohl sehr gut damit leben können.

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