Serie: Welch ein Ereignis

Als Sude bei "Wetten, dass..?" eine ganze Volleyball-Generation begeisterte

Spitzensport in der  Fernseh-Show. Volleyball-Spieler Burkhard Sude (o. l.) im Gespräch mit Wetten, dass...?-Moderator Frank Elstner. Seine Wette: Ein Spiel gegen eine ganze  Verbandsliga-Mannschaft (o. r. und u. l.) Sude gewann natürlich (u.r.)

Spitzensport in der Fernseh-Show. Volleyball-Spieler Burkhard Sude (o. l.) im Gespräch mit Wetten, dass...?-Moderator Frank Elstner. Seine Wette: Ein Spiel gegen eine ganze Verbandsliga-Mannschaft (o. r. und u. l.) Sude gewann natürlich (u.r.)

Foto: Screenshots

Essen  1982 erlaubt sich Spitzenvolleyballer Burkhard Sude einen Ausflug ins Show-Business. Ein Auftritt, der unseren Autor Jan Kanter besonders prägte.

Es war beinahe ein wenig demütigend. Frank Elstner, die damalige Galionsfigur des Zweiten Deutschen Fernsehens, interessierte sich ausgerechnet für eine Pfeife, eine schnöde Schiedsrichterpfeife. Elstner moderierte seit 1981 die noch vergleichsweise junge Unterhaltungssendung „Wetten, dass..?. In einer Zeit, in der das Privatfernsehen nur als düstere Möglichkeit am Horizont drohte, war Elstners Show eine echte Familiensendung, 1982 war zudem eine Zeit, in der auch ein jugendlicher 16-Jähriger den Samstagabend mit den Eltern vor dem Fernseher verbringen konnte. Banale Fragen zu Nebensächlichkeiten musste man dabei in Kauf nehmen.

Jedenfalls bot in dieser einen, ganz besonderen Sendung der Sänger Roberto Blanco die Wette an, dass Volleyballer Burkhard Sude alleine gegen eine ganze Volleyballmannschaft aus der Verbandsliga gewinnen würde. Es stand also der vermutlich beste deutsche Volleyballer jener Zeit bereit, um über seinen Sport zu sprechen – und Elstner fragte ausgerechnet nach der Pfeife der Schiedsrichter, die einen für den Moderator exotischen Klang hatte.

Bereits damals ließ sich also erahnen, was mich, der gerade ein Jahr zuvor mit dem Volleyball begonnen hatte, bis heute verfolgen sollte: Obgleich eine große Menge Menschen in Schulen, am Strand und in Vereinen Volleyball spielen, ist die Sportart medial nie deutlich über den Status des Exotensports hinausgekommen. Erst seit wenigen Jahren legt der Spitzensport das Schulporthallen-Image ab, erst seit sehr kurzer Zeit gibt es nennenswerte Live-Übertragungen im Fernsehen.

Ein chancenloser Verbandsligist

Burkhard Sude, damals wie heute nicht eben mit öffentlicher Geduld gesegnet, ließ sich von Nebensächlichkeiten wie der Ausstattung der Schiedsrichter nicht lange aufhalten, würdigte die Frage keiner Antwort und kam schnell zur Sache. Natürlich hatte die Mannschaft, die Verbandsligamannschaft der TSG Bretzenheim, nicht wirklich eine Chance gegen den mittlerweile 61-Jährigen, der bis heute den Beinamen Mr. Volleyball trägt. Dass der Zahnarzt das Spiel gewinnen konnte, lag auch an den damaligen Regeln. Dass nur die aufschlagende Mannschaft punkten konnte, half dem 203-fachen Nationalspieler im Spiel gegen die Überzahl. Seine vielen Aufschlagfehler, registriert der Trainer im Journalisten in der Rückschau, hätten dem Mann nach heutigen Regeln das Genick gebrochen.

Natürlich wurde kein komplettes Volleyballspiel gezeigt: Das hätte nach den damaligen Regeln mehr als zweieinhalb Stunden dauern können. Fünf Minuten Volleyball gab es zu sehen. 6:3 gewann Sude am Ende, vor allem weil der Gegner – trotz, oder wegen der Fehlerquote – der Wucht seiner Aufschläge nur wenig entgegenzusetzen hatte. Allein vier Punkte holte Sude durch Asse oder direkte gegnerische Fehler in der Annahme.

Natürlich gibt es das Spiel zum Auffrischen der Erinnerung als Video bei Youtube. Die Betrachtung des 15-Minuten-Schnipsels gerät zu einer Zeitreise in die deutsche Unterhaltungsgeschichte, eigentlich sogar in die deutsche Geschichte. Am auffälligsten war die scheinbare Improvisation der Show in deren Anfangszeit. Das Volleyballfeld passte, in Zeiten perfekt durchorganisierten Gigantismus der späten Wetten, dass..?-Jahre undenkbar, so gerade eben in die Halle. Die Zuschauer saßen buchstäblich am Spielfeldrand, die Kameraleute standen so eben nicht im Feld.

Äußerlich am auffälligsten war in der Show die Mode der achtziger Jahre, die sentimental-belustigte Erinnerungen ins Gehirn treibt. Beschämender aber waren der plumpe Humor, der so gar nicht witzig sein wollte, und der nur unverhohlen gelebte Sexismus.

Der Auftritt in der Fernseh-Show verhalf Sude vermutlich zu größerem Ruhm als jeder Titelgewinn, war prägend für viele Volleyballer – so auch für mich. Ich hatte zwei Jahre zuvor, 14-jährig, dem Handball den Rücken gekehrt, weil ich vorpubertär einen Wachstumsschub auf deutlich über 1,80 Meter hingelegt hatte (und immer weiter wuchs), im Grunde nur aus Armen und Beinen bestand und wegen leichter koordinativer Defizite, um es in der Sportlersprache zu formulieren, beim Handball nur auf die Fresse bekommen hatte. Beim Volleyball trennte ein Netz die Gegner, das schien damals deutlich sicherer.

Die Bedeutung einer Fernseh-Show

Der Schlenker in die eigene Jugend ist wichtig, um die Bedeutung jener Fernsehsendung einzuordnen: Volleyball schien mir als Möglichkeit, war mir als Anfänger aber noch einigermaßen fremd, meine ersten Trainer in erster Linie bemüht. Burkhard Sude zeigte bei seinem Show-Kampf, wie der Sport aussehen kann, wenn er richtig betrieben wird. Allein in den fünf Minuten zeigte er mehr spektakuläre Rettungsaktionen und wuchtige Angriffe, als ich zuvor jemals gesehen hatte. Ich wollte nie werden wie Burkhard Sude, aber ich wollte, nachdem ich ihn bei Wetten, dass..? gesehen hatte, so gut werden, wie es eben ging. Ich entwickelte, meine schulischen Leistungen jener Jahre ließen das nicht vermuten, Ehrgeiz. Es folgte keine große, aber eine lange Karriere, wenn man das so nennen will: 39 Jahre später bin noch immer Volleyballer, als Trainer.

Da Volleyball damals wie heute keine echte Fernsehsportart ist, habe ich Burkhard Sude nach der Sendung schnell wieder aus den Augen verloren. Dennoch blieb seine Wette prägend. Als junger Trainer, man weiß es ja oft nicht besser, trat ich einige Jahre lang ebenfalls gerne alleine gegen ganze Mannschaften an, aber nur so lange, bis ich verstand, dass man solche Spielchen nur beginnen soll, wenn man entweder in einer Fernsehshow auftritt oder seine Schutzbefohlenen bewusst demütigen möchte.

Mein Wetten dass..?-, beziehungsweise Burkhard Sude-Kreis, schloss sich dann 1990. Ich war Student im Hessischen – und spielte selbstverständlich Volleyball. Das Losglück des Pokalwettbewerbs bescherte meiner damaligen Mannschaft ein Spiel gegen USC Gießen, jener Mannschaft, mit der Burkhard Sude von 1982 bis 1984 Deutscher Meister geworden war und den Volleyball dominiert hatte. Sude war 1990 zwar schon lange weg aus dem Verein, die Mannschaft gerade in die 2. Liga abgestiegen, aber für mich schwebte der Geist des Wetten dass..?-Wettgewinners immer noch über dem USC. Einmal gegen die Mannschaft des Burkhard Sude spielen zu dürfen vollendete dann auf eine meinem Leistungsvermögen angemessene Weise einen Traum, der 1982 vor dem Fernsehbildschirm begonnen hatte.

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