Formel 1

Die lange Fehlerliste von Ferrari und Sebastian Vettel

Hat die Hoffnung auf den WM-Titel noch nicht vollends aufgegeben: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel.

Hat die Hoffnung auf den WM-Titel noch nicht vollends aufgegeben: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel.

Foto: dpa

Austin  Vettel hat im WM-Kampf gegen Hamilton kaum noch eine Chance. Das haben sich der Heppenheimer und Ferrari durch eigene Fehler eingebrockt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

In nur vier Formel-1-Rennen aus 67 Punkten Rückstand noch einen Weltmeistertitel zu machen, das wäre eine beinahe übermenschliche Leistung von Sebastian Vettel im Duell mit Lewis Hamilton. Wenn nicht noch ein Renn-Wunder passiert, wird auch der vierte Anlauf des Heppenheimers auf seinen fünften Titel und den ersten mit Ferrari scheitern. „Ich bin sicher, dass Sebastian den Titel mit Ferrari früher oder später gewinnen wird“, sagt Teamchef Maurizio Arrivabene aus der Verzweiflung heraus. Das aktuelle Sündenregister ist lang – und zeigt, wo die Italiener dringend Buße tun müssen, wenn ihnen der Titelgewinn weiter heilig ist.

Sünde #1: Führungsschwäche

Mit dem Tod von Fiat-Lenker und Formel-1-Fan Sergio Marchionne brachen in Maranello die alten Spielchen aus, die so sehr an die Gepflogenheiten von Schalke 04 erinnern: Am besten destabilisiert man sich selbst. Teamchef Maurizio Arrivabene hat mit seinem neuen Chef Louis Camilleri zugleich einen alten Vorgesetzten bekommen, beide sind ehemalige Marlboro-Männer. Mit den Gepflogenheiten im Motorsport tun sie sich gelegentlich schwer. Dort zuhause ist Mattia Binotto, der als Technikchef großen Anteil am Aufschwung hatte – und jetzt offenbar auf Konfrontationskurs mit Arrivabene liegt. Für zwei Alphatiere wird auf Dauer kaum Platz sein. Ferrari droht sonst zu implodieren.

Sünde #2: Denkfehler

Immer dann, wenn die Dinge unübersichtlich werden und der Druck steigt, patzen die Ferrari-Taktiker. Ob in den Verhandlungen mit Kimi Räikkönen, ob bei der fehlenden Stallorder in Monza, ob bei der falschen Reifenwahl in Singapur oder den Qualifikationsfehlern von Budapest und Suzuka. Natürlich muss ein Herausforderer größere Risiken eingehen, aber eben nicht alles der Aggressivität unterordnen. Vielleicht hat Arrivabene recht, dass da manchem noch die Reife fehlt – aber nach vier Jahren wirkt das eher wie eine Ausrede und nicht wie eine Erklärung.

Sünde #3: Panikmache

Wenn der Rennwagen aus der Balance geraten ist, kann nur Teamharmonie die Dinge wieder ins Lot bringen, Mercedes hat das gerade vorgemacht. Aber nach dem übergroßen Druck der Marchionne-Ära hat die Befreiung zunächst zwar zu mehr Selbstsicherheit, dann aber offenbar auch zu großer Leichtigkeit geführt. Die Unruhe in der Gestione Sportiva ist förmlich zu greifen. Vor allem, seit für das Jahresende personelle Konsequenzen angekündigt sind. Es braucht von oben bis unten mehr Entschlossenheit. Arrivabene beschwört vor Austin die Moral: „Es ist eine Mission Impossible geworden, aber es ist noch nicht vorbei.“

Sünde #4: Lenkfehler

Sebastian Vettel ist bei Ferrari anders als sein Vorbild Michael Schumacher kein leitender Angestellter, sondern mehr ein leidender. Er stellt sich dennoch tapfer vor die Mannschaft. Der große Schnitzer, der für die sportliche Wende in der WM gesorgt hat, ist ihm jedoch selbst unterlaufen, als er in Hockenheim das Auto und den Sieg weggeworfen hat. Aus acht Punkten Vorsprung wurden 17 Zähler Rückstand, die Hamilton bis heute auf 67 Punkte ausgebaut hat. Generell war auch bei ihm die zu hohe Aggressivität verantwortlich für (zu) viele Punktverluste – er steckt da in einem Teufelskreis. Hat aber die Größe, wie nach dem dritten Platz in Japan über Boxenfunk zu sagen: „Sorry, für das Ergebnis.“

Sünde #5: Kraftverlust

Im Sommer war der SF 71H dank eines genialen Batterietricks um zwei Zehntel pro Runde schneller als der Silberpfeil, zuletzt wurde draus ein Rückstand von fünf Zehnteln. Das kann kaum an einem zweiten Kontrollsensor des Weltverbandes liegen. Es bedeutet schlichtweg: Mercedes hat schneller und besser weiterentwickelt. Diese technische Kondition ist die Fähigkeit, die auf Dauer einen Champion ausmacht. Tatsächlich aber rückte Ferrari nicht näher an Mercedes, sondern Verfolger Red Bull Racing näher an Ferrari. „Wir können gerade unser Potenzial nicht abrufen“, bedauert Vettel, ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Saison.

Sünde #6: Schräglage

Was als entscheidendes Update geplant war, um Vettels Dienstwagen noch schneller zu machen, wurde zum Schuss nach hinten: Mit der neuen Aerodynamik ist nix gewonnen, im Gegenteil: das Auto ist in die Schräglage gekommen, die Reifen(ab)nutzung, bisher die Paradedisziplin von Ferrari, ist jetzt ein Problemfall, genauso wie das Tempo auf eine schnelle Qualifying-Runde. Was war größer: die Ungeduld, oder die Not?

Sünde #7: Kritikfähigkeit

Der italienische Stolz verbietet fast, sich in Frage zu stellen. Doch damit gerät Ferrari in eine Sackgasse, intern wie extern verkörpern Mercedes oder Red Bull einen anderen, modernen Mannschaftsgeist. Dazu gehört auch, regelmäßig reinen Tisch zu machen. Der kriselnde Rennstall müsste schleunigst damit anfangen, damit sich die Zeitungs-Schlagzeile „Ferrari liegt in Trümmern“ nicht auf Dauer bewahrheitet.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben