Pass in die Gasse #174

Mit Holzfällerjacke und George Best an der Theke

Als Manchester United auf der Leinwand läuft, sitzt unser Kolumnist in einer Siegener Kneipe und kommt mit einem alten Mann ins Gespräch

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Hier sitzt er nun. In einer Kneipe in Siegen. Halbglatze, blass, einsame Bartstoppel suchen ihresgleichen. Er ist allein da. „Ist er immer“, sagt die Kellnerin, während sie benutzte Biergläser in dreckiges Wasser tunkt. Seine verblichene Holzfällerjacke, seine abgelatschten Wildlederschuhe, seine gelben Fingerkuppeln, seine Stirnfalten - alles an ihm wirkt wie schon immer dagewesen.

In den letzten zwanzig Jahren habe er seine Heimat Belfast nur ein einziges Mal besucht, erzählt er mit müden Augen. Schon damals, als er Nordirland verließ, war er müde gewesen. Müde von Politik, von Religion. Müde von Geschrei und Polemik, müde von falschen Versprechen. Doch bei diesem einzigen Mal, erinnert er sich, einem regnerischen, schmierigen Belfaster Nachmittag, ist er nochmal dort gewesen. Mit ihm stehen Tausende an den Bordsteinen im Osten der Stadt Spalier.

Es ist der 25. November 2005: George Best, der größte Fußballer Nordirlands und Manchester-United-Legende, wird zu seiner letzten Ruhestätte gebracht. Nach jahrelangem Alkoholismus hatten die Nieren nicht mehr mitgespielt. Für den alten Mann an der Theke war Bests Beerdigung eine Reise in die Kindheit. Als „trotz Regen immer draußen gespielt wurde“ und rundes Leder durch Hinterhöfe rollte. Als er noch in der Jugend des Glentoran FC spielte und die Schule an zweiter Stelle kam.

Hier sitzt er nun. Auf der Leinwand laufen die Stars von Manchester United ein. Heute ist George Bests Geburtstag. Sein größter Fan trinkt ein Bier auf ihn.

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