Extremsport Laufen

Vom Ottoberg bis auf die Zugspitze

Benedikt Strätling trainiert hier am Ottoberg im Kaisergarten. Da geht es noch moderat bergauf.

Benedikt Strätling trainiert hier am Ottoberg im Kaisergarten. Da geht es noch moderat bergauf.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Oberhausen.   Benedikt Strätling wagt sich Samstag an den Zugspitz Supettrail. 64 Kilometer lang, 3000 Höhenmeter. Im Vorjahr stürzte er schwer.

Es läuft bei Benedikt Strätling auf dem Ottoberg im Kaisergarten. Einmal rauf, dann wieder runter. Rauf, und wieder runter. Der Oberhausener trainiert für den Zugspitz Supertrail, der am Samstag beginnt. Das bedeutet: 64 Kilometer verteilt auf knapp 3000 Höhenmeter. Nicht nur sportlich, sondern auch psychisch eine echte Herausforderung für den Lauftrainer der Ausdaueragentur Sprungzwei. Dabei läuft die Angst ständig mit, wie er durch einen Sturz vergangenes Jahr am eigenen Leib zu spüren bekam.

Rund 20 Kilometer vor dem Ende kam Strätling beim Supertrail bei einer Serpentine ins Straucheln und fiel. Dabei wurde der Ellenbogen bis auf den Fleischlappen aufgerissen. Die Rennkommission signalisierte sofort das Ende für den 40-Jährigen. „Ich war richtig schnell unterwegs und auf Platz 20. Das ist für einen Flachländer wie mich aus dem Ruhrpott ein starkes Ergebnis.“ Doch statt ins Ziel ging es umgehend ins Krankenhaus, wo eine Notoperation anstand.

Nun, rund ein Jahr später, stellt sich Strätling erneut dieser Herausforderung. Dabei kommt unweigerlich die Frage auf: Warum eigentlich? „Eine gute Frage“, beginnt er mit einem Lachen. „Eine Lauffreundin hat zu mir gesagt, dass ich es unbedingt nochmal versuchen muss, um mein Trauma zu bewältigen.“ Dabei fiel die Reaktion aus dem Familienkreis gelinde gesagt verhalten aus. „Meine Mutter schimpft die ganze Zeit mit mir, dass ich doch verrückt sei. Aber wenn man nicht etwas verrückt ist, würde man sowas wohl gar nicht erst machen.“ Etwas verrückt?

Eine Woche Vorbereitung

Ja dieser Eindruck kann mit Blick auf die Vorbereitungszeit aufkommen. Wo andere sich ein halbes Jahr intensiv vorbereiten, war es bei Strätling gerade einmal eine Woche. In dieser Zeit legte er rund 180 Kilometer mit 2000 Höhenmetern zurück. Da das Ruhrgebiet nicht gerade für seine Berglandschaft bekannt ist, suchte sich der gelernte Verkehrsfachwirt entsprechende Alternativen. Dazu dienten vor allem die Halden und natürlich jede Menge Treppensteigen, um den Berglauf zu imitieren.

Auch wenn die Vorbereitung viel zu kurz ausfiel, kann sich Strätling auf seine jahrelange Lauferfahrung verlassen. Dem Deutschen Meister über die Mittel-, Marathon und Ultramarathon-Distanz ist die Liebe zum „Selbstquälen“ quasi mit in die Wiege gelegt worden, als ihn sein Vater einst als Knirps zur Leichtathletik brachte. „Jeder Lauf, ob in seiner Organisation, Landschaft, oder dem Wetter hat seine Schönheit. Aber der Zugspitz-Trail ist schon ein absoluter Höhepunkt für mich.“

Es geht sofort bergauf

Los geht es am Samstag, wenn um 10 Uhr im österreichischen Leutasch der Startschuss fällt. Gleich im Anschluss wird die Kondition der Teilnehmer am Anstieg zum Scharnitzjoch gefordert, ehe es gemeinsam mit den Ultra-Läufern (die haben sogar 102 Kilometer vor sich) auf einheitlicher Strecke weitergeht. Zielort wird dann das „Zugspitzdorf“ Grainau sein. Auf Strätling warten auf seinem langen Weg die verschiedensten Untergründe: Asphalt, Stein, Wiese, Wasserpfützen und sogar Schnee. „In diesem Jahr liegt auf der Zugspitze sechs Meter hoher Schnee. Solche Verhältnisse hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben“, berichtet Strätling.

Für den Notfall gerüstet

Entsprechend der Bedingungen fällt die Ausrüstung aus, die für alle Teilnehmer zwingend eingehalten werden muss. Geschlossene Trailrunning-Schule mit Profilsohle, die für das Laufen im alpinen Gelände geeignet sind, Regenbekleidung, Handschuhe und Mütze, Notfallpack, Navigationsuhr, Streckenkarten und ein Mobiltelefon mit eingespeicherter Medical Crew-Nummer zum Absetzen von Notrufen. Und die Liste geht noch weiter.„Ich musste eine Haftungserklärung unterschreiben, falls mir tatsächlich etwas passieren sollte“, so Strätling.

Und das alles nur, um jeden Muskel im Körper zu spüren und Montag mit schweren Beinen den nächsten Trainingskurs zu beginnen? Für Benedikt Strätling steckt mehr dahinter. „Ich freue mich, dem Himmel so nahe sein zu können. Aber auch auf die Gemeinschaft mit diesen vielen positiv Verrückten.“ Oder, um es mit den Worten von Friedrich Nietzsche zu umschreiben: Keiner ist so verrückt, dass er nicht noch einen Verrückten findet, der ihn versteht.

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