Ein Gespräch im Barbershop

Sydnee Ingendorn: „Es ist Begeisterung, die geweckt wird“

Sydnee Ingendorn (vorne) zu Gast im Alstadener Salon bei Geronimo Köllner

Sydnee Ingendorn (vorne) zu Gast im Alstadener Salon bei Geronimo Köllner

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Der Friseursalon ist Treffpunkt für Klatsch und Tratsch. Ein Gespräch frei von der Leber: Geronimo Köllner mit Sydnee Ingendorn.

Der Friseursalon ist Treffpunkt für Klatsch und Tratsch. Ähnlich wie in einer Kneipe kann frei von der Leber gesprochen werden. Beim Barbier sogar ohne Frauen. Auch bei Sydnee Ingendorn, Trainer der Schmachtendorfer Kunstturner des KTTO, war es mal wieder Zeit für Waschen, Schneiden und Föhnen. Geronimo Köllner, Mitarbeiter der Sportredaktion und Geselle im Friseur-Team Hartmann, spricht mit dem Oberhausener über seinen Sport, seine neue Rolle beim KTTO und die Ziele in der Dritten Liga.

Die Turnsaison steht in den Startlöchern. Das KTTO startet in der dritten Liga mit zahlreichen jungen Turnern aus dem eigenen Nachwuchs, aber auch wieder mit einigen Gastturnern aus den Niederlanden. Was ist für dich Leistungssport?

Leistungssport kann man nicht am finanziellen Rahmen bemessen. Auch wenn das im Fußball häufig so gemacht wird, sieht man bei Olympia, dass es wichtiger ist, seinen Sport mit einer besonderen Lebensweise zu verknüpfen.

Fußball stehst du prinzipiell kritisch gegenüber?

Ich glaube, da muss man differenzieren. Profifußballer gestalten ja auch ihren Lebensrhythmus so, dass er zu ihrem Sport passt. Beispielsweise Arjen Robben, der immer Rückenbeschwerden hatte und irgendwann zu Yoga kam. Oder ein Cristiano Ronaldo, der die Fußballwelt polarisiert, aber ein Musterathlet zu sein scheint. Es gibt auch Talente, die früh zu Ruhm kommen und sich darauf ausruhen. Während Jugendfußballer für Millionen wechseln, nagen viele Vereine in Randsportarten am Hungertuch.

Eher Begeisterung als Leidenschaft

Ist Leidenschaft im klassischen Sinn wichtig, weil es eben auch ein bisschen Leiden schafft und damit eine höhere Wertschätzung zeigt?

Ich glaube, dass Leidenschaft nicht das richtige Wort ist. Es ist Begeisterung, die geweckt wird. Speziell Turnen ist so facettenreich, dass nie Langeweile aufkommt. Erfolg motiviert zusätzlich.

Das klingt nach großem zeitlichem Aufwand.

Das ist es. In der Schule muss man ein Stück weit im Kopf haben, dass am Nachmittag Training ist und man sich ein paar Körner aufhebt. Noch viel mehr betrifft das andere Freizeitaktivitäten. Wenn Samstag Training ist, kann man nicht freitags bis 4 Uhr Party machen. Leistungssport bedeutet, dass man bestrebt, ist über das Limit zu gehen. Das hat für mich nicht nur mit Turnen zu tun. Gerade Triathleten sind für mich ein Sinnbild. Leistungssport ist Einstellungsfrage, das beginnt im Kopf.

Wieso sollten Kinder und Jugendliche so viel aufgeben und dabei bleiben?

Ich glaube, dass Sport eine riesige Kraft hat. Michael Donsbach hat sein Abitur jetzt mit 1,1 bestanden und trotzdem sechs Mal die Woche trainiert. Viele Eltern haben Angst, dass die Schule darunter leidet, aber meiner Erfahrung nach ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn das nicht gelingt, würde ich auch sagen, dass wir Trainer was falsch gemacht haben.

Schule und Training unter einem Hut

Wie war das für dich, als du noch aktiv geturnt hast?

Ich hab das ja vorgelebt bekommen. Mein Vater ist im Kopf Leistungssportler von extremen Ausmaß. Ich hatte es zu meiner Schulzeit noch einfach. Ich konnte nach der Schule meine Hausaufgaben machen und dann zum Training. Heutzutage geht die Schule so lange, dass die Jungs nach dem Training nachts daran sitzen.

Sind die Rahmenbedingungen noch stimmig?

Ich glaube, dass Vereine unternehmerischer denken müssten. Man findest sonst bald keine Leute mehr, die sich im Vorstand ehrenamtlich engagieren und dafür in ihrer Freizeit nur angemeckert werden. Auch bei den Trainern muss man sagen, dass viele Leute verbrannt werden. Die stehen für eine Übungsleiterpauschale die ganze Woche in der Halle oder am Platz und haben nebenbei noch Arbeit und Familie. Da müssen wir Lösungen finden.

Wie läuft es bei euch im KTTO?

Wir haben das große Glück, dass wir eine Abteilung des TC Sterkrade sind und der Gesamtverein mit Peter Räkow an der Spitze super aufgestellt ist. Wir können uns auf Turnen konzentrieren und leisten die Arbeit eines Profisportlers mit Amateurcharakter drum herum. Dazu haben wir auch dann Yoga-Einflüsse, um eine gesunde Mischung zwischen Kraft und Beweglichkeit zu schaffen. Profifußball und alle anderen Sportarten würde ich nicht rausnehmen. Überall ist es athletischer geworden.

Zehn der 13 Turner aus dem KTTO kommen aus der eigenen Jugend. Der Altersschnitt ist mit knapp 21 sehr jung. Während andere Sportarten händeringend um Nachwuchs kämpfen, scheint es dem KTTO sehr gut zu gehen.

Wir haben jetzt wieder so viele Turngruppen, dass wir da manchmal schon kreativ werden müssen.

Mit zehn Jahren schon fast zu spät

Darf jeder kommen?

Es sollte früh losgehen. Einem Zehnjährigen wird es schon schwer fallen, weil viel Zeit schon verloren gegangen ist. Ansonsten glaube ich aber, dass eine Vorsortierung auch keinen Sinn macht. Ich finde es schwierig, wenn einem Sechsjährigen eine Tür zugemacht wird. Es ist heutzutage insbesondere für die Eltern ein unheimlicher Aufwand.

„Das Team ist die Eins“, war immer Motto des KTTO. Nach dem Abstieg und dem Abschied von den „alten Hasen“ Mirco Osting und Andre Sauerborn kommt wieder ein ganzer Schwung nach, die eine Liga tiefer mehr Spielraum für Fehler haben, um daraus zu lernen. Sydnee Ingendorn übernimmt in dieser Saison die Geschicke von seinem Vater Siegfried als Trainer beim Wettkampf. Eine Turnikone macht Platz für einen vielleicht auch neuen Ansatz.

Wie wird man Trainer und bist du nervös vor der ersten Saison als Trainer?

Nervös nicht. Ich denke, wir machen alle Fehler, da nehme ich mich nicht aus. Die Trainerausbildung läuft wie in allen Sportarten, entweder durch ein Studium wie bei mir oder durch Scheine und Lizenzen.

Ein ganz anderer Typ als sein Vater

Was sind deine Ziele als Trainer?

Sportlich gesehen, freue ich mich auf die neue Herausforderung. Ab vom Sportlichen betrachtet: Ich bin ein ganz anderer Typ als mein Vater. Den würde nie jemand duzen, das „Sie“ würde bei mir nicht funktionieren. Man kann keine Schablone auf den Trainer auflegen und sagen, dass es so oder so funktionieren muss. Wir sind keine Roboter. Ich hoffe einfach, wir machen möglichst wenig Fehler, insbesondere keine Flüchtigkeitsfehler. Wenn wir gut starten, bin ich sicher, dass es eine erfolgreiche Saison werden kann.

Ist der Wiederaufstieg ein Thema?

Stehen wir am Ende oben, ist das toll, aber überhaupt keine Pflicht. Ich kenne viele Mannschaften nicht so gut, da müssen wir den ersten Wettkampf abwarten um einen Überblick zu bekommen. Wir sind froh, dass wir unsere Jungs vor Ort gut ausbilden können und wieder ein tolles Team haben. Das spiegelt sich in der tollen Unterstützung der Zuschauer wieder.

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