FUSSBALL

Wie die EU für Verwirrung im Mülheimer Amateurfußball sorgt

Ein mögliches EU-Verbot von Mikroplastik könnte auch den Granulat-Zusatz von Kunstrasen betreffen, so wie hier auf der Platzanlage des SV Vestia Disteln.

Ein mögliches EU-Verbot von Mikroplastik könnte auch den Granulat-Zusatz von Kunstrasen betreffen, so wie hier auf der Platzanlage des SV Vestia Disteln.

Foto: Daniel Maiss

Mülheim.  Eine Chemikalienagentur möchte schon ab 2021 die Verwendung von Mikroplastik verbieten. Dieser wird im Granulat vieler Kunstrasenplätze verwendet.

Die EU ist in diesen Tagen ohnehin in aller Munde. Jetzt sorgt sie auch noch für Aufregung im Amateurfußball. Denn sie will die Verwendung von Mikroplastik verbieten. Genau aus diesem Material besteht das Granulat, mit dem Kunstrasenplätze aufgeschüttet werden, um für eine bessere Bespielbarkeit zu sorgen. In Mülheim, wo es mittlerweile insgesamt 14 Kunstrasenplätze gibt, bleiben alle Beteiligten aber vorerst entspannt.

Hochgekocht ist das Thema überhaupt erst durch einen Vorschlag der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), dieses Granulat bereits ab 2021 zu verbieten. Dies hätte große Auswirkungen auf die Amateurkicker. „Wir verfolgen die Diskussion natürlich intensiv“, sagt Martina Ellerwald, Leiterin des Mülheimer Sportservices. Der MSS ist der Betreiber der städtischen Sportstätten. Auch in unterschiedlichen Arbeitsgruppen der Landessportämter sei dies ein Thema.

Noch keine konkreten Konsequenzen in Mülheim

Konkrete Konsequenzen hat der jüngste Vorstoß der ECHA in Mülheim allerdings noch nicht. Dafür liegen derzeit noch zu wenig Fakten auf dem Tisch. „Bislang handelt es sich nur um einen Vorschlag, es gibt noch gar keine Gesetzesgrundlage“, sagt etwa auch Peter Hein, Vorsitzender des Verbandes Mülheimer Fußballvereine. Ob die Einschränkung tatsächlich so umgesetzt wird und inwiefern es Bestandsschutz für bestehende Anlagen gibt – all dies sei noch unklar. Verrückt machen will man sich deshalb noch nicht .

„Wenn ein Verbot von heute auf morgen kommen würde, wäre das natürlich auch für uns fatal“, merkt Martina Ellerwald an. Die MSS-Amtsleiterin verweist an der Stelle auf eine offizielle Stellungnahme des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gemeinsam mit dem Deutschen Fußballbund (DFB). Beide Verbände plädieren darin unter anderem für eine Übergangsfrist von sechs Jahren. Dies sei auch aus Mülheimer Perspektive wichtig. „Denn bis dahin hoffen wir, dass es dann auch umsetzbare Alternativen gibt“, so Ellerwald. Denn diese sind bislang nicht in Sicht. „Nur Sand ist keine Lösung, das wird Ihnen jeder Fußballverein bestätigen“, so Ellerwald weiter.

Gemeinsame Stellungnahme von DOSB und DFB

Vielfach diskutiert werden zum Beispiel Lösungen mit Kork. „Klar können wir auch mit Kork auffüllen, bei Starkregen bekommen sie da aber vermutlich ein Problem“, sagt Frank Schmidt, Vertriebsleiter von Polytan. Das ist der Hersteller, der auch in Mülheim die Kunstrasenoberflächen geliefert hat. Auch sei Kork ein endlicher Rohstoff und preislich gesehen keine Alternative. Auch der DOSB weist in seiner Stellungnahme darauf hin, dass es noch wenige belastbare Studien darüber gibt, wie sich diese Alternativen zum Beispiel hinsichtlich Bespielbarkeit und Lebensdauer vergleichen lassen .

Grundlage für die aktuelle Diskussion ist eine Studie des Fraunhofer Instituts. Allerdings kam zuletzt eine Menge Kritik an der Repräsentativität dieser Studie auf. Auch Ellerwald merkt an, dass diese wohl mit viel zu hohen Werten rechne. Das hat unterschiedliche Gründe. Der Hersteller Polytan merkt unter anderem an, dass das Fraunhofer Institut die in Deutschland übliche Bauweise von Kunstrasen-Systemen, die deutlich weniger Granulat als Füllmaterial benötigt, nicht berücksichtigt habe. Auch bei der Verwendung von gekräuselten Fasern reduziere sich der Granulat-Bedarf nochmals deutlich.

MSS entschied sich für hochwertigeres Granulat

In Mülheim etwa sind nach MSS-Informationen – bis auf das Styumer Ruhrstadion – ausschließlich diese Fasern verwendet worden. „Zudem haben wir uns damals bewusst für das etwas hochwertigere, nicht aus Autoreifen recyceltes Sand-Granulat-Gemisch entschieden“, erklärt Martina Ellerwald. Das sogenannte EPDM, erklärt Experte Frank Schmidt, besteht zu 70 Prozent aus Naturstoffen wie Hanf oder Kreide und nur 30 Prozent aus dem synthetischen Kautschuk. Ein weiterer Grund, wieso die Rechnung des Fraunhofers aus seiner Sicht nicht aufgeht.

Deshalb bezeichnet Schmidt den Vorstoß der ECHA wohl auch als „vorauseilenden Gehorsam“. Dennoch hat dieser bereits erste Früchte getragen: Aus dem Förderprogramm „Moderne Sportstätten 2022“ des Landes Nordrhein Westfalen sind Kunstrasenplätze mit Granulat beispielsweise schon rausgenommen worden. Das könnte laut Martina Ellerwald bei einer Sanierung der Mülheimer Plätze wichtig werden, dies sei aber wohl nicht vor dem Jahr 2023 der Fall.

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