Mein größter Tag

Paul Scheermann schlägt Borussia Mönchengladbach

Paul Scheermann: Einmal FC, immer FC.

Paul Scheermann: Einmal FC, immer FC.

Foto: Meinolf Wagner

Finnentrop.  Paul Scheermann hat die goldenen 70er Jahre hautnah miterlebt. Als Profi beim 1. FC Köln. Mit Wolfgang Overath, Hannes Löhr und anderen Stars.

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Mit den Stars wie Wolfgang Overath, Wolfgang Weber, Bernd Cullmann oder Hannes Löhr spielte der heute 70-Jährige in der ehrwürdigen Radrennbahn zusammen. Ein Fixpunkt und ein bis heute unvergessener Tag war das Spiel gegen den rheinischen Rivalen Borussia Mönchengladbach am 9. Spieltag der Saison 1971/72. „Das war ganz klar mein größter Fußballtag“, legte sich Paul Scheermann fest.

Der 1. FC Köln gewann mit 4:3. Eigens für dieses Spiel war das Stadion kurzerhand auf 25.000 Zuschauer aufgestockt worden.

Es herrschte Ausnahmezustand. „Es war alles ganz einfach, man kannte keine VIP wie heute“, erinnert sich Scheermann. Würstchen und Bier gab es, das war’s. Nichts mit Luxus. Scheermann: „Wer in die Radrennbahn kam, der wollte Fußball sehen und kein Event“. Und noch etwas war anders: „Die Fans waren ganz nah dran, konnten den Spielern beim Einwurf auf die Schulter klopfen“.

Mann des Tages im Kicker

Eine Polizei-Eskorte geleitete die Mannschaft über den Militärring zur Radrennbahn. Eine kurze Besprechung und los ging’s. „Für mich als ,Kleiner’, der von der SpVg Finnentrop kam, war zunächst ein Platz auf der Bank reserviert.“, so Scheermann. Doch nach 15 Minuten kam er zum Einsatz, weil Werner Biskup muskuläre Probleme hatte. „Ich war spielender Mittelstürmer. Das bedeutete, dass ich für Heinz Flohe oder Wolfgang Overath mitlaufen und Räume schaffen musste. Overath war beim FC alles: Spielmacher und Kapitän. Und er wollte stets den Ball. Aber er war, wie auch Wolfgang Weber, Bernd Cullmann und Hannes Löhr, ein hilfsbereiter Typ“.

Scheermanns große Stunde schlug kurz nach der Pause. Er köpfte das 3:2-Führungstor nach einer Ecke von Heinz Flohe. Günter Netzer glich noch zum 3:3 für die Borussen aus. Scheermann: „Wer gedacht hatte, das Spektakel hätte ein Ende, sah sich getäuscht.“ Das war es noch nicht, erst recht nicht für Paul Scheermann. Denn ihm gelang der 4:3-Siegtreffer in der 80. Minute. Ein Linksschuss nach einer feinen Kombination. Unhaltbar für Wolfgang Kleff. Die Radrennbahn erzitterte.

In der Kicker-Ausgabe vom Montag war Paul Scheermann der „Mann des Tages“. Scheermann glücklich: „Immerhin war Europameister Herbert Wimmer mein Gegenspieler. Der spulte seine Kilometer ab“. Am anderen Tag wurde Paul Scheermann in Finnentrop und wo auch immer auf diese Begegnung angesprochen, auf die Radio-Übertragung vom Samstag.

Eine Vorbereitung mit Trainingslager gab es vor diesem Hit nicht. Trainer war Gyula Lorant, 1954 in Bern mit Ungarn Vizeweltmeister. „Wir mussten auf seine Weisung vor jeden Spiel einen Espresso und ein Stück Kuchen zu uns nehmen“, erinnert sich der frühere Finnentroper. Lorant war autoritär. Scheermann: „Sein Wort war Gesetz. Es hat uns alles vorgeschrieben. Fünf Kilometer muss man im Spiel laufen. So war auch das Training gestaltet: Morgens Laufen, anschließend Ballschule“.

Bei aller Autorität: „Vor den Nationalspielern kuschte Lorant. So kamen Wolfgang Overath, Wolfgang Weber und Hannes Löhr von einer Reise der Nationalelf zurück. Das Trio sollte das gleiche intensive Programm wie wir absolvieren. Da sagte Overath: Ich bin noch nie viel gelaufen. Das Thema war durch“.

Zur Saisonvorbereitung ging es mit dem 1. FC Köln nach Mexiko. Mit Spielen in Guadalajara und in Mexico City. Dort gab es vor über 40.000 Zuschauern im Aztekenstadion eine 1:2-Niederlage. „Unglaublich und unvergesslich dieses Stadion. Man kann es nicht erzählen, man muss es gesehen haben“, sagte der Lüdenscheider Pädagoge.

Insgesamt 40 Mal hat Scheermann das Trikot mit dem Geißbock getragen. Das Fußball ABC erlernte er bei der damaligen SpVg Finnentrop, einem Vorläuferverein der SG Finnentrop/Bamenohl. An der Sporthochschule studierte er Sport.

Legendäres Pokalfinale

Gero Bisanz, Dozent an der Hochschule und gleichzeitig Trainer bei den FC-Amateuren, machte ihm ein Training am Geißbockheim schmackhaft. Es lief gut im ersten Jahr bei den „kleinen Geißböcken“, den FC-Amateuren. 16 Tore als Mittelfeldspieler waren eine prima Quote. Es folgte der erste Profivertrag.

Nun wehte ein anderer Wind. Das Pokalendspiel gegen Borussia Mönchengladbach 1973 in Düsseldorf erlebte Scheermann von der Bank aus. „Ein unglaubliches Spiel. Anschließend wurden wir im Geißbockheim euphorisch gefeiert, als wenn wir den Cup gewonnen hätten“. Auf der Bank saß er wegen einer Meniskusoperation. Scheermann: „Diese Verletzung hat mich entscheidend zurückgeworfen“.

Von 1973 bis 1975 spielte Paul Scheermann für den Regionalligisten RW Oberhausen. Nach dem RWO Probleme mit der Lizenzierung hatte, wechselte Scheermann auf Anraten seines früheren Trainers Adi Preißler zu Röchling Völklingen. Ein Klub, geprägt durch Bergbau und Stahlindustrie. „Wir Spieler hatten alles. Vom Fitnessraum über den Kindergarten, bis zu einem medizinischen Dienst“. Scheermann war als Sportlehrer beim Klub angestellt.

Im Saarland warteten weitere große Pokalspiele auf ihn. So scheiterte Röchling im Viertelfinale nach einem 1:1 nach Verlängerung im Olympiastadion zu Hause mit 1:2 gegen Hertha BSC. Ein Jahr später gab es gegen Eintracht Frankfurt mit Weltmeister Jürgen Grabowski eine 2:3-Niederlage. Dann gab es bei den Saarländern Probleme mit der Lizenz. Von 1977 bis 1981 spielte Paul Scheermann bei RW Lüdenscheid in der 2. Bundesliga.

Das war für den Reisenden in Sachen Fußball eine glückliche Fügung. „Die Koppelung zwischen Beruf und Fußball war in Lüdenscheid möglich. Es waren erfolgreichsten Jahre zwischen 1977 und 1981 in der zweiten Bundesliga Nord.“

Paul Scheermann sieht es als großes Glück an, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Er hat immer auch an die Zeit danach gedacht und sich fortgebildet. Sein Fazit: „Der Fußball war immer meine große Leidenschaft, aber nie alles für mich.“

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