25 Jahre Oberliga RWL

Jörg Rokitte: Das war eine geniale Zeit

Jörg Rokitte ganz oben - nach dem feststehenden Oberliga-Aufstieg von RW Lennestadt 1994.

Jörg Rokitte ganz oben - nach dem feststehenden Oberliga-Aufstieg von RW Lennestadt 1994.

Foto: RW Lennestadt

Grevenbrück.   Wie erlebt ein Trainer im wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte die letzten Minuten?

Wenn nicht nur der größte Erfolg eines Klubs, sondern der größte Triumph eines ganzen Fußballkreises unmittelbar bevorsteht?

„Nein, rum getanzt bin ich nicht,“ antwortete Trainer Jörg Rokitte. Als an jenem Juni-Abend 1994 die letzten Minuten der Oberliga-Aufstiegsrelegation gegen Blau-Weiß Wever in Bockum-Hövel herunter tickten, erlebte der Trainer von Rot-Weiß Lennestadt dies äußerlich unbewegt. „Ich weiß nur noch, dass ich ziemlich lange auf einem Ball gesessen habe. Aber dass ich da an der Linie rauf und runter gelaufen bin - nein, das bin ich nicht.“ Wohlgemerkt: Es war nicht der Spielball, den Jörg Rokitte als Sitzgelegenheit zweckentfremdet hatte, um Zeit zu schinden.

Die RWL-Verantwortlichen waren in Bockum-Hövel mit einem Handy bewaffnet. Was man 1994 so als Handy bezeichnete, jenes Ungetüm mit den Maßen eines Ziegelsteins. Schließlich mussten die Fans, die nicht mitfahren konnten, in Grevenbrück auf dem Laufenden gehalten werden.

Als dann der Schlusspfiff ertönte, „da sind alle nur noch gelaufen,“ erinnert sich Jörg Rokitte. Von der Tribünenseite kam ein riesiger Schwung an Schlachtenbummlern hinzu. Obwohl das Spiel an einem Mittwoch abend war und die Anreise weit, schien halb Grevenbrück vor Ort gewesen zu sein. Die rot-weiße Fanschar trug ihre Mannschaft bis hinauf zum Gipfel. Rokitte: „Es war eine geniale Zeit.“

Handy so groß wie ein Ziegelstein

Die Szenen auf dem Platz deuteten darauf hin, wie groß die Anspannung in den 90 Minuten zuvor gewesen war. Und wie nervenzerreißend diese Partie, in der es unwiderruflich um Alles oder Nichts ging. „Das Spiel hätte auch 7:7 ausgehen können,“ erinnerte sich Kapitän Franz Vetter an einen Kampf, der hin und her wogte.

Häufig ist es so, dass Sportler im Augenblick eines riesigen Erfolges noch gar nicht fassen, was da soeben passiert ist. Jörg Rokitte gehörte nicht zu dieser Kategorie: „Ich konnte das schon realisieren. Weil wir uns ja die ganze Zeit seit dem Herne-Spiel damit auseinandergesetzt hatten,“ sagte er.

Westfalia Herne hatte RW Lennestadt den Direktaufstieg vermasselt und damit in diesen Relegations-Marathon gezwungen. „Wären wir in Herne aufgestiegen, dann wäre das sicherlich etwas anderes gewesen,“ vermutete Jörg Rokitte aus heutiger Sicht. So aber habe man sich wochenlang „mit nichts anderem mehr beschäftigt.“

Natürlich sind die Verantwortlichen von Rot-Weiß Lennestadt mit dem Thema „Oberliga“ über die Saison defensiv umgegangen. Doch endlos lässt sich diese Taktik nicht durchziehen, wenn sich ein Erfolg an den anderen reiht und im letzten Saisonviertel noch alle Eisen heiß sind. Jörg Rokittes Schilderung der damaligen Stimmungslage leuchtet ein: „Ist doch klar: Wenn man das Ganze immer mehr realisiert, wenn die Ergebnisse passen und das Tabellenbild auch, und man kann plötzlich direkt aufsteigen - dann ist man sich auch untereinander einig: Jetzt wollen wir das auch schaffen.“

Und auf höchster Flamme loderten die Aufstiegschancen und Ambitionen auf der Fahrt zur Verbandsliga-Partie in Herne. Rokitte: „Es wäre ja eine merkwürdige Einstellung gewesen, wenn wir da nicht gesagt hätten: Jetzt wollen wir aufsteigen.“

Doch im Herner Stadion Schloss Strünkede sprang ein Schlossgespenst aus der Kiste. Sein Name: Carsten Kirschke. „Der hat alles getroffen,“ graust es Jörg Rokitte heute noch vor dem Herner Torjäger. „Fünf Kirschen von Kirschke“, hieß es damals. Das Ende vom Lied: RW Lennestadt ging mit 2:6 unter bei einer mittelmäßigen Westfalia.

Kirschke springt aus der Kiste

Der knallharte Sturz aus allen Träumen in jenem entscheidenden Verbandsligaspiel hat der Entschlossenheit der Grevenbrücker keinen Abbruch getan. Auch nicht der Rückschlag im späteren Entscheidungsspiel gegen den Hasper SV, die Niederlage in der Verlängerung in Lüdenscheid. Im Gegenteil. Jörg Rokitte nennt den wohl entscheidenden Fakt: „Der Wille wurde danach immer größer.“

Und genau das habe man beim Spiel gegen Dülmen beobachtet. Dem ersten und vorletzten der Aufstiegs-Dreierrunde. „Das konnte man mit keiner Leistung vorher vergleichen, was in diesem Spiel an Energieleistung vollbracht wurde.“

In der Kabine hat es entsprechend ausgesehen. Wie nach einer Schlacht. Torwart Ralf Hesener bekam eine Cut, Abwehrspieler Michael Huber sei die Kniescheibe raus gesprungen, „da ist einiges gewesen, wo einige körperlich schwer angeknockt waren,“ erinnerte sich Jörg Rokitte.

Das sei aber nicht der Unfairness geschuldet gewesen. Vielmehr sei das ein unglaublich robustes und athletisches Spiel gewesen. „Nach diesem 0:0 haben wir den Aufstieg verdient,“ legte sich Jörg Rokitte fest, „dass wir da stand gehalten haben. Dülmen hatte eine unheimliche Wucht. Und keiner von uns hat sich geschont.“

Da hätte man sich schon geärgert, wenn dieser enorme Einsatz nicht mindestens durch das Unentschieden belohnt worden wäre.

Hinzu kamen die ungewohnten Naturrasenplätze. „Die waren wir ja gar nicht gewohnt,“ verwies Friedel Ludwig auf die heimatliche Asche an der Habuche. Es habe immer um die zwanzig Minuten gedauert, bis die Spieler sich an diesen Untergrund gewöhnt hätten. Friedel Ludwig: „Sascha Mosch, der kam aus Bonzel, der kannte Naturrasen und hatte die entsprechenden Schuhe immer schon angehabt. Ansonsten war der Naturrasen ein Nachteil.“

Nach dem 0:0 gegen Dülmen kam den Grevenbrückern entgegen, dass dann zunächst die beiden anderen Relegationsteilnehmer, Dülmen und Wever, gegeneinander spielten. Das verlängerte die Regenerationszeit bis zum alles entscheidenden Spiel in Bockum-Hövel.

Jörg Rokitte vergisst aber nicht, die Arbeit seines Vorgängers Dieter Richard, die gute Arbeit des Vorstandes um Manfred Kurzenacker und Hermann Steinhoff, zu würdigen: „Ich habe ja eine Mannschaft vorgefunden, die auf allen Positionen schon damals sehr gut besetzt war, das muss man auch sagen. Die ist sehr gut zusammengestellt worden. Als ich 1992 kam, hat sie schon auf sehr hohem Niveau gespielt.“

Oberligisten investieren immens

Doch in der Oberliga war nochmal weit mehr gefordert. Rokitte: „Die gut besetzt Mannschaft hat auch noch hervorragend harmoniert. Und nach und nach haben wir schon gemerkt, dass wir in der Oberliga konkurrenzfähig waren.“ Aufsehenerregende Ergebnisse, wie der 2:1-Sieg bei Borussia Dortmund II mit Lars Ricken, oder das 6:2 gegen Schalke 04 Amateure, stützten diese These.

Im ersten Jahr sprang ein sensationeller Platz 8 heraus, im zweiten Jahr ging es wieder hinab. Was auch nicht hätte sein brauchen, was aber erklärbar war. Rokitte: „Da ist die Regionalliga dazwischen geschaltet worden. Deshalb haben viele Oberligisten unheimlich investiert, um dort herein und aus der Oberliga raus zu kommen. Sonst wäre für uns vielleicht ein längerer Verbleib möglich gewesen. Wenn man im Nachhinein überlegt, wie die Personalpolitik bei der Konkurrenz war - da hätten wir nicht mithalten können.“

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