Besuch bei Turm Drolshagen

Ist Schach überhaupt ein Sport? Aber klar!

Machen Werbung für ihren Schachverein Turm Drolshagen: Heribert Kramer (links) und Achim Tump. 

Machen Werbung für ihren Schachverein Turm Drolshagen: Heribert Kramer (links) und Achim Tump. 

Foto: Birgit Engel

Drolshagen.   Das Bild von Schach sieht mitunter so aus: ein gediegenes Wohnzimmer mit schweren Sesseln, gedämpftes Licht, guter Rotwein und dunkle Schokolade.

Und zwei Männer, die über Stunden schweigend und hochkonzentriert an einem Tisch sitzen.

Das ist selbstverständlich nur eins von vielen Klischees, die sich um das Schachspiel ranken. Aber was für Menschen spielen überhaupt Schach? Sind sie intelligenter als der Durchschnitt? Warum wird das ehrwürdige Spiel eigentlich auch Königsspiel genannt? Und ist es überhaupt ein Sport?

Große Jugendabteilung

Ein Besuch bei dem „Schachverein Turm Drolshagen 04“ gibt Antwort auf alle Fragen. Der Verein wurde 2004 gegründet, ist also noch recht jung. Mit heute 43 Mitgliedern, davon rund ein Dutzend Jugendliche, ist er im Schachbezirk Oberberg, der von Wipperfürth bis Olpe reicht, nicht nur der mitgliederstärkste Schachverein, sondern auch der mit der größten Jugendabteilung. Jeden Dienstagabend trifft man sich im Heimathaus. „Jeder kann Schach spielen lernen“, sagt Vorstandsmitglied Achim Tump. „Man muss nicht ausnehmend intelligent sein, auch wenn es beim Spiel bestimmt hilft. Andersherum aber kann man es damit ein Stück weit werden.“

Seit seiner Jugendzeit spielt der 62-Jährige Schach, kennt sich also bestens aus auf dem schwarz-weißen Brett mit seinen 64 Feldern und den sechs unterschiedlichen Figuren. Den Bauern, Türmen, Läufern, Springern, mit Dame und König, die allesamt andere und einzigartige Fähigkeiten besitzen. Während die Dame die stärkste und dominierende Figur des Spiels ist, weil sie überall hin und schräg und gerade laufen kann, ist der König die wichtigste. Denn wenn der König matt ist, ist das Spiel zu Ende. Das erklärt dann auch gleich die Bezeichnung Königsspiel. Zudem leitet sich das Wort Schach aus dem Persischen ab und heißt König.

Noch länger als Achim Tump spielt Heribert Kramer (72) Schach. In seinen Kindertagen hat er es von seinem Onkel gelernt. Und das spricht auch für Schach. Es ist ein Spiel für alle, generationsübergreifend und auch nicht nur für das männliche, sondern ebenso das weibliche Geschlecht. Heribert Kramer ist Jugendtrainer beim Turm Drolshagen. „Wir haben Jugendliche jeden Alters und verschiedener Nationalitäten“, freut er sich über die erfolgreiche Nachwuchsarbeit, die man vor drei Jahren konsequent angestoßen hat. Im kommenden Jahr schickt der „Turm“ eine Jugendturniermannschaft an den Start.

Mara Spies ist acht Jahre und bereits begeisterte Schachspielerin. „Es geht mir nicht ums Gewinnen. Spaß macht, dass man überlegen muss, welche Figur man zieht“, sagt Mara. Schade findet sie, dass so einige Gleichaltrige nicht einmal wissen, was Schach überhaupt ist. Dabei ist Schach eines der ältesten Spiele der Welt. Es fördert Geduld, Gedächtnis, Feinmotorik, Reaktion, Konzentration, Kreativität und Logik. „Wenn man Schach einmal verstanden hat, ist es nicht kompliziert. Vor allem aber kann man dann gar nicht mehr aufhören. Weil es nie langweilig wird“, sagt Matthieu Braun (9). Mit vier Jahren hat er seine ersten Züge gemacht, sitzt jeden Abend Zuhause mit seinem Vater vor dem Schachbrett. Das ist auch ein Grund, warum Mara nicht gerne mit Matthieu spielt. „Er ist so gut. Und er kennt so viele Tricks.“

Tricks kennt das Schachspiel natürlich nicht. Ebenso wenig Glück. Darum ist es auch ein Sport. Weil zwei Menschen nach festgesetzten Regeln und innerhalb einer festgesetzten Zeit gegeneinander um den Sieg kämpfen. Es geht darum, die bessere Leistung zu zeigen und letztendlich darum, den Gegner zu schlagen. „Beim Fußball oder Boxen muss man seine Muskeln anstrengen, beim Schach sein Gehirn“, beschreibt es Matthieu.

Unendlich viele Möglichkeiten

Schach ist Denk-, Kampf- und Spielsport. Es gibt keinen Zufall, es geht um Taktik und um Strategie. Mit nahezu unendlichen Möglichkeiten. Bereits nach dem ersten Zug beider Spieler gibt es 400 unterschiedliche Stellungen. „Bei einer Schachpartie gibt es mehr Möglichkeiten als Atome im gesamten Weltall“, hat einmal der deutsche Schachgroßmeister und TV-Moderator Helmut Pfleger gesagt.

Heute lebt Schach ganz besonders von seiner Geschichte und illustren Protagonisten. Von solchen wie dem Amerikaner Bobby Fischer und dessen Jahrhundert-Partie 1972 gegen Boris Spasski. Oder von Anatoli Karpow und Garri Kasparow. Kasparows Partie gegen den Bulgaren Wesselin Topalow im Jahr 1999 ist eine der legendärsten überhaupt. „Die Partie verdient einen Platz im Louvre“, befand derzeit die Fachwelt. Und falls sich jemand fragt, warum Schachspieler der ehemaligen Ostblockstaaten als besonders erfolgreich gelten: „Das Spiel wurde dort immer gefördert, es war Schulfach“, sagt Heribert Kramer.

Viel wäre noch über das Schachspiel zu erzählen. Beispielsweise über seine Wurzeln, die vermutlich bis nach Indien in das sechste Jahrhundert vor Christus reichen.

Fazit nach dem Besuch bei „Turm Drolshagen“: Schach ist zwar ein anspruchsvolles Spiel, aber jeder kann es lernen. Schachspieler sind keineswegs Sonderlinge und finden sich in allen Altersstufen. Es kann überall gespielt werden und das mit wenig Aufwand. Schade, dass das Königsspiel heute aus vielen Köpfen verschwunden ist. Weil es ganz einfach richtig Spaß machen kann, unabhängig vom Niveau. Es lohnt sich, es kennenzulernen!

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