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Ein halbes Jahrhundert Pferdezucht beim Gestüt Repetal

Josef Platte, hier mit Captain Blaubär, hat fast ein halbes Jahrhundert Erfahrung in der Pferdezucht.

Josef Platte, hier mit Captain Blaubär, hat fast ein halbes Jahrhundert Erfahrung in der Pferdezucht.

Foto: Lothar Linke

Niederhelden.  Josef Platte aus Niederhelden betreibt seit fast 50 Jahren Pferdezucht. Es ist Faszination und Geschäft zugleich.

Das Wort „Alarm“ löst zumeist negative Gefühle aus. Aber dahinter kann auch etwas Wunderbares stecken.

So wie beim Gestüt im Repetal. Dort geht der „Birth Alarm“, wenn ein Fohlen das Licht der Welt erblickt. Ausgelöst wird er dadurch, dass die hoch-trächtige Stute sich im Stall hinlegt. Die werdende Pferde-Mutter ist mit einem Sensor ausgestattet, und wenn sie sich in die Horizontale begibt, steht die Geburt unmittelbar bevor.

„Früher war es so, dass wir hier im Betrieb geschlafen haben, auf der Isomatte und im Schlafsack,“ erzählt Friederike Schöttler. Sie ist gelernte Pferdewirtin und seit 23 Jahren in Niederhelden für Zucht und Haltung zuständig. Nächte dieser Art sind seltener geworden. „Wir haben nicht mehr so viele Zuchtstuten hier,“ berichtet sie. Doch hat sie in ihrer beruflichen Vita einige Geburten miterlebt.

Erlebt wohlgemerkt, denn ein aktives Eingreifen bei diesem Wunder ist normalerweise nicht nötig, es sei denn, die Geburt dauert ungewöhnlich lange. Länger als 20 bis 30 Minuten „In der Regel ist man stiller Beobachter,“ sagt Friederike Schöttler. So lange, bis zunächst die Vorderbeine, dann der Kopf und schließlich der ganze Körper den Leib der Mutter verlassen haben.

50 Jahre Erfahrung

Wenn das passiert ist, beginnt der wichtigste Part: „Die Überwachung des Fohlens. Dass es so bald wie möglich auf die Beine kommt,“ erklärt Friederike Schöttler. Schnell muss der neue, vierbeinige Erdenbürger das Euter seiner Mutter finden. „Damit es das Colostrum, die Antikörper, sofort bekommt.“

Besuch bei Josef Platte. Der Mann ist 80 Jahre, hat 50 Jahren Erfahrung als Pferdezüchter und als Preisrichter auf der Wendschen Kirmes und beim Erntefest Drolshagen. Und wenn man ihm zuhört, einen Eindruck von seinem ungeheuren Erfahrungsschatz bekommt, mag man diesen Satz kaum glauben: „Nein, ich habe die Weisheit auch nicht gepachtet,“ gesteht er in Anspielung auf die Launen der Natur.

Die Geschichte, die da im Hotel Plate auf den Tisch kommt, ist ein Beispiel: Der Vater ist ein schwarzes Pferd. Ein Rappen. Die Mutter ist eine dunkle Fuchsstute. Heraus kam, gegen alle Logik, ein Fohlen mit geschecktem Fell. Braune Flecken, helle Flecken. Despektierlich ausgedrückt: Ein Pferd im Gewand einer Kuh. Zu allem Überfluss hatte es auch noch vier weißen Füße.

Doch: Diese vermeintliche Logik der Vererbung, die Wissenschaft von der Genetik, ist menschen-gemacht. Das heißt noch lange nicht, dass die Schöpfung ihr folgt. Die Begebenheit mit dem Überraschungs-Fohlen erzählt Josef Platte bei unserem Besuch auf seinem Gestüt in Niederhelden nicht zufällig. Sondern weil sie ein eindrucksvoller Beweis für Josef Plattes These ist. Und die ist wie in Stein gemeißelt. „Die Natur gibt ihre Geheimnisse nicht preis,“ sagt Josef Platte.

Und wo könnte die Ungewissheit gravierender sein als in einem Metier, in dem es um die Aufzucht wertvoller, edler Lebewesen geht? „Es bleibt spannend. Man ist immer wieder gespannt, was bei der Mama rauskommt,“ muss Josef Platte stets aufs Neue erfahren. Wenn der TÜV - auch den gibt es für Pferde - schlechte körperliche Werte feststellt, „dann kann man nur zum lieben Gott beten, dass man nicht zu viel Geld verliert,“ so drückte es Josef Platte aus. Pferdezucht ist auch Geschäft. Natürlich.

Apropos Geschäft. Der Handel mit Pferden erinnert ein wenig an das Wetteifern um die besten Fußballtalente. Die man entweder entdeckt oder nicht. Wie die Geschichte von Platon, die 1976 begann. Den Westfalen hatte Dr. Lehmann schlichtweg übersehen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Lehmann, seines Zeichens Chef des Landesgestüts in Warendorf, normalerweise nichts entgeht, und der sich für die besten Pferde gewissermaßen ein Vorrecht sichert. „Diesmal waren wir schneller als Dr. Lehmann. Wir haben Platon vor der Körung gekauft,“ erzählte Josef Platte und schmunzelte. Zur Erklärung: Gekört ist ein Hengst, wenn ihm bescheinigt wird, über qualitativ hochwertiges Erbgut zu verfügen. Die Besamung verläuft bei Warmblut-Pferden übrigens nur noch künstlich, in der Deckstelle in Hamm.

Platon avancierte zum Star des Repetals, nicht nur das: Zum Star auf Turnieren. Auch dank eines Reiters, den Josef Platte ins Repetal lockte: Peter Nagel-Tornau. Der verlieh dem Pferd den entscheidenden Schliff. Drei Mal trat Platon beim Nationenpreis an, gewann mit der Mannschaft drei Mal. Josef Platte: „Er hat eine gewaltige Karriere gemacht.“ 1980 wurde Platon verkauft.

Für 30 Pferde verantwortlich

Ob die gute Luft im Repetal die Pferde aufleben lässt? Scheint so. Denn eines Tages kaufte Josef Platte auch Platons Mutter. „Von einem Züchter aus Ostwestfalen,“ berichtete er, „der hat beklagt, dass sie keinen Nachwuchs mehr gekriegt hat.“ Ganz anders in Niederhelden. „Hier bei uns,“ so Platte, „hat sie noch drei Fohlen zur Welt gebracht.“

Eine ähnlich erstaunliche Wandlung machte Dukat durch. Den Wallach hatte Josef Platte Frau Veltins von der gleichnamigen Brauerei abgekauft. Sportlich gebe er nicht viel her, so die Ansicht der Abgebenden.

Doch in Niederhelden startete Dukat durch und erwies sich als Gegenteil von dem, was man in Fachkreisen „Sauerkocher“ nennt. Das sind Pferde, die auf ihrem Gelände vortrefflich springen, aber kneifen, wenn auf dem Turnierplatz die bunten Fahnen wehen. Bei Dukat, der auch von Nagel-Tornau geritten wurde, verhielt es sich genau umgekehrt.

1967 hatte Josef Platte zum ersten Mal näheren Kontakt zu Reitpferden. Über seine Frau Christa. Die kam vom Hof Hilgerwar in Niederstenhammer, einem Ort, der mit dem Einstau der Biggetalsperre untergegangen ist. Ihr Vater wiederum war Gründungsmitglied des Laurenzberger Reitvereins in Aachen, Ausrichter des CHIO, des berühmtesten Reitturniers weltweit.

1972 machte Josef Platte dann ernst. „Wir haben die Kühe abgeschafft, aus Stallungen Gästezimmer gemacht und 1974 eine Reithalle errichtet“, erzählt er. Ferien auf dem Pferdehof wurden immer beliebter, davon profitierte auch das Hotel Platte im Repetal.

Selbst geritten ist Josef Platte übrigens eher selten. „Wenn ich geritten bin, hat alles gelacht,“ gibt er zum Besten und muss darüber selbst lachen, „naja, man muss den Menschen Freude machen bei jeder Gelegenheit.“

Mehr als ein Beruf

Zurück auf der Anlage bei Friederike Schöttler. Aktuell sind ihr 30 Pferde anvertraut, das bedeutet Arbeit. „Früher, als wir Verkaufs- und Ausbildungsbetrieb waren, war es noch mehr,“ erinnert sich Friederike Schöttler, „heute gibt es mehr Pferdebesitzer, die sich um diese Arbeiten kümmern.“

Ihr Tag beginnt um 8 Uhr, dann werden die Pferde gefüttert und dann entweder in die Führanlage, auf die Weide oder das Paddock gebracht. Paddock - dahinter steckt ein kleines Areal mit Sand oder Hackschnitzel als Untergrund. Eine Führanlage ist ein „Karussell“, nur mit dem Unterschied, dass es die Pferde selbst antreiben. Treffender wäre da vielleicht der Vergleich mit einer riesigen Drehtür. Friederike Schöttler: „Auf dem Paddock können sie sich ein bisschen die Füße vertreten oder Kontakt zueinander haben. Pferde sind soziale Wesen.“

Wenn Friederike Schöttler erzählt, wenn man ihre Art zu sprechen verfolgt, dann wird schnell klar: Pferdewirtin ist nicht nur ihr Beruf, es ist ihre Leidenschaft. Sie hat ihr Hobby zur Profession gemacht. Dafür spricht auch, dass sie sich in ihrer Freizeit den Vierbeinern widmet. Sie betreibt Nebenerwerbs-Landwirtschaft, besitzt privat Dülmener Pferde, weiße, gehörnte Heidschnucken und Rotes Hornvieh. Damit nicht genug. „Meine Schafe,“ sagt sie, „habe ich über den ganzen Kreis Olpe verteilt.“

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