Serie: Mein größter Tag

70.000 Fans feiern 6:0-Sieg über England

Bernd Schrage (2. von links) vor dem Schüler-Länderspiel Deutschland gegen England am 22. April 1967 in Berlin. Links neben ihm: Uli Hoeneß.

Bernd Schrage (2. von links) vor dem Schüler-Länderspiel Deutschland gegen England am 22. April 1967 in Berlin. Links neben ihm: Uli Hoeneß.

Foto: Privat

Berlin.  Bernd Schrage von Rot-Weiß Hünsborn hat heimische Fußball-Geschichte geschrieben.

Der Torwart stand einst in der Schülernationalmannschaft. „Das Schülerländerspiel am 22. April 1967 in Berlin war das emotionalste Erlebnis meiner gesamten sportlichen Laufbahn“, erinnert sich Bernd Schrage nach 52 Jahren. „Man muss sich nur einfach vorstellen: Ich als Kleiner aus Hünsborn spielte in der Schülernationalmannschaft.“

Der Weg in die Nachwuchs-Elite des DFB war lang und steinig. Es war der übliche Klassiker: Kreisschülerauswahl, Westfalenauswahl und zum Schluss Nationalmannschaft. „Den Grundstock hatte unser damaliger Jugendtrainer Heinz Weiß in Hünsborn gelegt. Nun ging der Weg nach oben. Leo Stickeler, langjähriger FLVW-Kreisvorsitzender, hatte zu meiner Zeit auch das Amt des Kreisauswahltrainers mit Kurt Nachtigall inne“, so Bernd Schrage im sportlichen Rückspiegel.

Der Beginn war ein Sichtungstraining in Altenhof. Nun ging es los. Beim Turnier der Kreisauswahlmannschaften in der Sportschule Kaiserau überzeugte der Hünsborner Nachwuchskeeper Bernd Schrage. „Normalerweise waren die Nominierungen für die Westfalenauswahl für das Länderturnier in Duisburg abgeschlossen“, erzählt Bernd Schrage. „Otto Schneider, zu dieser Zeit Auswahltrainer, gab zu verstehen, wir brauchen noch einen guten Torhüter und du wirst zur nächsten Maßnahme eingeladen.“

Im Notizblock von Lattek und Cramer

Das Talent aus dem Wendener Land nutzte die Chance, denn Durchsetzungsvermögen und körperliche Präsenz waren vorhanden. Bernd Schrage: „ Es war auch in dieser Zeit schon schwierig, sich in das Blickfeld der Trainer zu spielen. Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen oder Herne waren vor der Haustür der Sportschule. Südwestfalen mit den Kreisen Olpe und Siegen war weit weg und fußballerische Diaspora“. Auch das gab es noch zu jener Zeit: Bundesligist Borussia Dortmund bereitete sich in Kaiserau auf seine Bundesligaspiele vor. „Weil unsere Lehrgänge am Wochenende waren, trafen wir Siggi Held, Lothar Emmerich oder Hans Tilkowski vor Ort“, erzählt Schrage.

Nach dem erfolgreichen Länderturnier in Duisburg mit der Westfalenauswahl rückte Bernd Schrage in den Fokus des DFB. Bei Udo Lattek und Dettmar Cramer stand er im Notizblock. Die intensiven DFB-Lehrgänge fanden in der gesamten Republik, zwischen Hamburg und München, statt. Am 22. April 1967 war es dann soweit: Im Berliner Olympiastadion wurde das Schüler-Länderspiel Deutschland gegen England angepfiffen. Im deutschen Tor: Bernd Schrage.

Eine Woche Trainingslager in Berlin gab es vor diesem Spiel zur Einstimmung. Am Spieltag war morgens noch alles normal, spätestens nach der Besprechung vor dem Spiel ging es los. Anspannung und Nervosität wechselten sich ab.

„Aufgrund des Tunnelblicks rechts und links habe ich nichts wahr genommen. Vor dem Spiel gingen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Hoffentlich machst du keinen Fehler und dir rutscht kein Ball durch die Hände“, erzählt Bernd Schrage. Schrage musste kaum eingreifen. Das Schülerländerspiel gegen England vor 70.000 Zuschauern endete mit 6:0, „In Berlin haben die Schulklassen vor diesem Spiel extra frei bekommen und einen Ausflug ins Olympia-Stadion gemacht. Es war unglaublich. Die Nationalhymne wurde von einer Marschmusikkapelle gespielt“, erzählt Bernd Schrage.

Jupp Derwall gratuliert

Zwei Tage später sah es bei der Neuauflage in Saarbrücken anders aus. Dort wurde Schrage sehr stark gefordert. Vor 30.000 Zuschauern gab es ein 1:1. „Der spätere Bundestrainer Jupp Derwall kam nach dem Spiel zu mir und fragte nach einer starken Aktion von mir. Hast du den Ball auch gesehen? Als ich dies bejahte, gratulierte er.“

Der Kapitän jener Mannschaft war ein gewisser Uli Hoeneß. „Er war damals schon ein richtiger Anführer, der das offene Wort nicht scheute. Es ist sein Verdienst, dass der FC Bayern München gut da steht und man darf sein soziales Engagement nicht vergessen“.

Schrages Heimatverein RW Hünsborn war stolz. „Unser damaliger Vorsitzender Tonis Clemens hatte einen Empfang mit Musik vom Löffelberg zum Vereinslokal organisiert. Doch die Musik fiel aus. Der Grund war: Der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer war gestorben und die CDU-Hochburg Hünsborn trug Trauer.“

Weitere Einsätze in der Jugendnationalmannschaft folgten. 1970 ging Schrage vom Löffelberg zum Bökelberg. Zu einem Bundesligaeinsatz für Mönchengladbach kam Schrage allerdings nicht. Nach dem DFB-Pokalsieg 1973 gegen den 1. FC Köln in Düsseldorf ließ sich Schrage reamateurisieren und spielte für den VfL Klafeld-Geisweid in der Verbandsliga und weitere Jahre beim SSV Dillenburg in der Hessenoberliga. „Im Nachhinein habe ich es richtig gemacht, als Amateur zu spielen und mich auf meinen Beruf zu konzentrieren“, so Bernd Schrage. „Ich habe mit zehn Jahren täglich trainiert und stand mit 15 Jahren in der Schülernationalmannschaft. Das forderte seinen Tribut.“

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