Fußball

Der andere Ansatz der Trainer-Routiniers

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Bei Case Sport Case 1 wollen Holger Fach, Norbert Meier und Horst Quade (v. re.) andere Wege in der Beratung von Fußballspielern gehen.

Bei Case Sport Case 1 wollen Holger Fach, Norbert Meier und Horst Quade (v. re.) andere Wege in der Beratung von Fußballspielern gehen.

Foto: Willy Schweer

Witten/Iserlohn.  Eine Wittener Spielberater-Agentur verpflichtete Norbert Meier, Holger Fach – und den Iserlohner Horst Quade.

Von ihm weiß man ja, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. „Ich hatte eigentlich keine hohe Meinung von der Branche“, sagt Horst Quade. Der langjährige Oestricher Oberligatrainer und Scout in der 2. Bundesliga meint damit das Metier der Spielerberater und -vermittler, in dem Seriosität nicht immer groß geschrieben wird, in dem es aber um Millionenbeträge geht. Dass der Iserlohner nach vielen Jahren in der Organisation eines Profiklubs nun auf der anderen Seite arbeitet, bedarf einer Erklärung.

Case Sport 1 heißt die Firma, die in der Betreuung junger Fußballer andere Wege einschlagen will und die ihn mit ihrem Konzept überzeugt hat. Denn zur Philosophie des im letzten Jahr gegründeten Unternehmens gehört es, nicht allein die fußballerische Karriere eines jungen Menschen und dessen nächsten Vertrag im Blick zu haben.

Quades anfängliche Skepsis verflog schnell, und beim Ortstermin in der Wittener Zentrale wird deutlich, wer ganz entscheidend dazu beigetragen hat. Denn als Zugpferde sind die früheren Nationalspieler und Bundesligatrainer Norbert Meier und Holger Fach dabei, die die Beratertätigkeit in ihrer Lebensplanung ebenso wie Quade eigentlich nicht vorgesehen hatten. Wenn sie von ihrer Arbeit berichten, dann ist oft von Unabhängigkeit die Rede. „Wir müssen niemandem etwas beweisen und der finanzielle Aspekt spielt auch keine Rolle. Aber es reizt uns, hier einen anderen Ansatz in der Betreuung von Spielern zu verfolgen“, sagt Meier. Der 62-Jährige spielte u. a. neun Jahre für Werder Bremen, bestritt 16 Länderspiele und trainierte später u. a. den MSV Duisburg, Fortuna Düsseldorf und Arminia Bielefeld.

Kollege Quade nennt als Voraussetzungen, damit sich Case Sport um den Kontrakt mit einem bestimmten Spieler bemüht, dass dieser in der U17- oder U19-Bundesliga spielt und noch keinen Berater hat. Etliche 16-Jährige stehen in der Kundenkartei, und man fragt sich, ob die Talente in diesem Alter tatsächlich schon einen Berater brauchen. „Unbedingt“, stellt Holger Fach klar. „Gerade junge Spieler würden ansonsten von den Vereinen über den Tisch gezogen.“ Er selbst hatte nie einen Berater, was er bedauert. „Bei Fortuna Düsseldorf hatten wir einen Gehaltsverzicht unterschrieben. Meine Mitspieler haben nachverhandelt und mehr bekommen. Ich nicht, und das war blöd.“ Norbert Meier nickt zustimmend und erinnert sich an seine Bremer Zeit. „Ich hatte eine gute Saison gespielt. Manager Willi Lemke wollte unbedingt mit mir verlängern und hat dabei schön auf Familie gemacht. Ein Berater hätte einen besseren Vertrag heraus geholt.“

Ehrlichkeit und Seriosität sollen im Vordergrund stehen

Im Gespräch mit den erfahrenen Trainern fallen wiederholt die Begriffe Ehrlichkeit und Seriosität. „Es hat keinen Sinn, wenn wir einen Oberligaspieler in die dritte Liga vermittelt wollen. Es muss passen, der Spieler muss zufrieden sein und das richtige Umfeld vorfinden,“ sagt Meier. Holger Fach betont in diesem Zusammenhang, dass am Ende aber immer der Spieler entscheide. Ihre Aufgabe sei es, in der Akquise möglichst ausschließlich auf Klienten zu stoßen, mit denen problemlose Zusammenarbeit möglich ist.

„Auf Pflegefälle habe ich keine Lust. Am Ende ist es besser, der Spieler ärgert sich, weil es nicht so läuft wie er sich das wünscht, als wenn ich mich ärgern muss.“ Da klingt bei Fach die Prämisse durch, dass der Job keinesfalls die Lebensqualität beeinträchtigen darf. Das hat man schließlich nicht nötig. Der 58-Jährige kann auf erfolgreiche Bundesligastationen etwa in Uerdingen, Mönchengladbach und Düsseldorf verweisen, hat fünf Länderspiel bestritten und als Trainer u. a. in Mönchengladbach, Paderborn und Augsburg gearbeitet.

Wer die Beraterbranche automatisch mit dem großen Geld gleichsetzt, bekommt beim Blick auf den Alltag des noch jungen Wittener Unternehmens einen anderen Eindruck. „Wenn wir einen 16-Jährigen unter Vertrag nehmen, verdienen wir erst einmal gar nichts. Statt dessen können Kosten entstehen, wenn etwa ein Nachhilfelehrer bezahlt werden muss“, berichtet Horst Quade, mit 70 der Senior im Team. Umso wichtiger ist es daher, das Potenzial des Talentes zu erkennen. Geld verdienen will man bei Case Sport 1 schließlich schon, auch wenn der Investor in seinem Drei-Jahres-Plan nicht gleich schwarze Zahlen vorgesehen hat.

Aktuell sind bei der Agentur gut 20 Jugendspieler, ein Dutzend Senioren aber auch Trainer wie etwa Ex-Nationalspieler Thomas Brdaric unter Vertrag. „Und wenn wir nach drei Jahren einer unserer Jungs einen Profivertrag bekommt, dann ist das ein Grund zum Feiern“, versichert Quade.

Im Beraterteam hat jeder sein Spezialgebiet

Auf dem Weg dorthin kann auf ein breites Serviceangebot zurückgegriffen werden. Ob schulische Themen, Vermögensverwaltung, Versicherungen oder auch die Kommunikation, bei der nicht zuletzt auf eine Zurückhaltung bei der Präsenz in den sozialen Medien hingewiesen wird: Die Beratung verfolgt den ganzheitlichen Ansatz, wobei man auch stets die Zeit nach der Karriere im Auge hat. Das zehnköpfige Beraterteam bei Case Sport1 deckt verschiedene Bereiche ab. „Jeder hat sein Spezialgebiet, jeder hat sein Netzwerk. Und wir schauen, wer sich am sinnvollsten um welchen Spieler kümmert“, gibt Norbert Meier Einblick in das Alltagsgeschäft.

Die Spieler werden während einer Saison, sofern nicht gerade Corona ist, konsequent begleitet, bei acht bis zehn Spielen ist der Berater live auf der Tribüne. Logischerweise gibt es immer auch unzufriedene Spieler, weil sie gerade keine Einsätze bekommen. Was ja auch schon mal am Trainer liegen kann. Ein Problem für die Herren mit umfangreicher Trainererfahrung? „Da halten wir uns raus. Aber wenn jemand dauerhaft nicht spielt, muss man eben eine andere Lösung finden“, sagt Holger Fach. Ihm kommt es darauf an, authentisch und ehrlich zu sein. „Es bringt nichts, jungen Burschen Honig um den Mund zu schmieren. Man muss Klartext reden. Irgendwann werden sie von der Realität sowieso eingeholt.“

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