Kabinengeflüster

Warum Mallorca Jonas Grofs Aufstiegsmotivation war

Lesedauer: 10 Minuten
Ließ die Fans am Ischeland viele Jahre jubeln: Ex-Phoenix-Aufbauspieler Jonas Grof.

Ließ die Fans am Ischeland viele Jahre jubeln: Ex-Phoenix-Aufbauspieler Jonas Grof.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  In „Kabinengeflüster“ spricht Hagens Spitzenbasketballer Jonas Grof über eine wilde Aufstiegssaison und ein blutig endendes Trainingsspielchen.

Sein Wechsel von Phoenix zu den Gladiators Trier fiel ihm schwer, aber seine Heimat trägt er weiter im Herzen: Kaum ein anderer aktiver Spieler ist so sehr Identifikationsfigur für den Basketball-Standort Hagen wie Jonas Grof. Der 2,01 Meter große Aufbauspieler ist gerade mal 24 Jahre alt, hat in seiner Karriere mit Stationen in der Volmestadt, Iserlohn, Maine und Gotha aber schon jede Menge gesehen und erlebt.

In der 8. Folge von Kabinengeflüster mit den Hagener Basketballern Yannick Opitz und Sören Fritze, mit denen Grof bestens befreundet ist, erinnert sich der Point Guard an eine unverhoffte Aufstiegsfeier, ein blutig endendes Trainingsspielchen und eine knallharte Strafe.

Motivation Mallorca

Zu Beginn der Saison 2016/17 hätte Jonas Grof nicht gedacht, dass er einige Monate später einen Aufstieg feiern darf. Mit Phoenix Hagen ging es in der BBL um den Klassenerhalt, aber die Volmestädter wurden insolvent, und Grof schloss sich dem ProA-Team Oettinger Rockets in Gotha an. Aber auch da ging es turbulent zu. Cheftrainer Chris Ensminger zerstritt sich dem Sportlichen Leiter Wolgang Heyder. Der Coach zog den Kürzeren und wurde gefeuert. Sein Nachfolger Ivan Pavic hatte direkt „alles umgekrempelt“, erinnert sich Grof, und eine kluge Motivationsstrategie, wie Gotha die durchwachsene Saison noch meistern wird: „Jungs, wir steigen auf, und dann fliegen wir auf Kosten des Vereins nach Mallorca.“ Das kam bei den Spielern gut an. Und schnell wurde das neue Ziel in einen Schlachtruf formuliert, der bei Gegnern Fragezeichen hervorrief. „Wir haben nicht ‘zwei, drei, Team!’ oder ‘zwei, drei, Defense’ gerufen, sondern ‘zwei, drei, Mallorca!’“, lacht Jonas Grof. „Als wären wir eine Kreisliga-Mannschaft gewesen.“

Die Reise ins 17. Bundesland immer im Hinterkopf, sorgten die Rockets in den Playoffs für Furore. Erst wurde Crailsheim geschlagen, was „ein Riesenerfolg“ war, und dann im Halbfinale gegen die Chemnitz 99ers ein unfassbares Comeback hingelegt: Zweimal unterlag Gotha deutlich, den dritten und entscheidenden Sieg der „Best-of-five“-Serie hatten die Ostdeutschen fest eingeplant. „Chemnitz hat dafür extra eine große Halle gemietet und eine große Aufstiegsfeier geplant“, erinnert sich Grof. Und dann passierte etwas, das seiner Mannschaft das bisschen Extramotivation gab: „Ein Chemnitzer Spieler hat bei Facebook schon angekündigt: 3:0. Sweep, baby!“ Daraus wurde nichts. Gotha vermieste Chemnitz die Party, und danach herrschte bei den 99ers Katerstimmung. Gotha gewann auch sein Heimspiel sowie die entscheidende fünfte Partie beim Favoriten. „Das letzte Spiel haben wir an meinem 21. Geburtstag gewonnen, am 3. Mai. Es war das geilste Gefühl meiner Karriere“, blickt Grof voller Freude zurück.

Die Rockets standen im Finale, der Aufstieg in die BBL war bereits sicher. Die zwei Pleiten gegen Mitaufsteiger MBC somit kein Beinbruch. Und trotzdem: Mallorca war kein Thema mehr. „Keiner hat mehr drüber gesprochen, die ersten wollten schon nach Hause reisen“, sagt Grof. Aber auf Trainer Pavic war Verlass. Er schickte dem ganzen Team folgende Nachricht: ‘Morgen früh Abfahrt nach Mallorca, trefft euch um 8 Uhr am Flughafen. Vom Verein gibt’s Taschengeld. Macht euch drei schöne Tage!’

Brutaler Konditionsdrill

Im Alter von 17 Jahren machte Jonas Grof sein Abitur am THG, wonach er sich für ein Jahr einer „Prep School“ im US-amerikanischen Maine anschloss, um seine Englischkenntnisse aufzupolieren. Im nordöstlichsten Bundesstaat der USA war nicht viel los, das Basketball-Schulteam nicht gerade das renommierteste. „Unsere Mannschaft bestand fast nur aus Europäern, die dann einen amerikanischen Style gespielt haben“, erinnert sich der Hagener. Aber die Europäer konnten was. Das topbesetzte Team der Notre Dame Prep School schlugen sie mit mehr als 20 Punkten, der teamorientierte Stil aus Europa setzte sich gegen die individuelle Klasse der US-Athleten durch. Was die lokale Presse erstaunte. Nur einen Tag später ging es wieder gegen die Basketballer von Notre Dame. Und die sannen auf Revanche. „Die waren auch echt stark, mehrere Spieler waren bereits für Top-Colleges wie West Virgina gemeldet“, sagt Grof.

Sein Team verlor das Rückspiel haushoch, und am Ende der Partie gab es ein paar unschöne Szenen. Ein Notre-Dame-Akteur schubste einen Mitspieler Grofs. Rudelbildung. Mehr aber auch nicht. „Es war wirklich nichts Schlimmes, doch die Schiedsrichter haben das Spiel abgebrochen.“ Nach dem Abbruch machte der Cheftrainer von Maine seine junge Mannschaft zur Sau. Dann schritt der Schulleiter ein und machte das Team noch mehr zur Sau. „Er hat gesagt, wir seien eine Schande für die gesamte Schule. Man muss dazu wissen, dass Schulsport in den USA eine ganz andere Nummer ist als hier bei uns“, erinnert sich Jonas Grof.

Die Strafe: ein brutaler Konditionsdrill. Das Team musste „Sixteens“ absolvieren, das sind Läufe von der einen Seitenlinie zur anderen. Und davon 16 in einer Minute. Sixteen sixteens. „Ohne Pause mussten wir das direkt nach dem Spiel machen. Einige mussten sich übergeben“, denkt Grof mit Unbehagen zurück. „Ich war in meinem Leben noch nie so fertig und konnte mich auch Tage danach nicht mehr bewegen.“

Grothes Scheinchen

Hagens Basketball-Legende Matthias Grothe wusste wie kein Zweiter, wie er seine Mannschaften bei Laune halten konnte. Als Jonas Grof unter dem Trainer bei den Iserlohn Kangaroos spielte, ließ „Matze“ seine Jungs gerne montags im Strategiespiel „Tic-tac-toe“ (Drei gewinnt) gegeneinander antreten. Dabei musste man nach erfolgreichem Dreierwurf eine Pylone aus der Mitte des Feldes holen und diese dann taktisch auf dem Spielfeld platzieren. Die Spiele waren spannend und umkämpft. Leider manchmal zu umkämpft. Als Moritz Krume und sein Gegenüber Mike Brown während eines Tic-tac-toe-Spiels in der Saison 2015/16 gleichzeitig den Dreier trafen, sprinteten sie wie der Teufel zu den Pylonen und knallten mit den Köpfen gegeneinander. Beide fingen sich Platzwunden ein und mussten im Krankenhaus genäht werden.

„Sie sind wie zwei Footballer ineinander gelaufen, nur ohne Helm“, lacht Jonas Grof. Auch sein damaliger Mitspieler Yannick Opitz erinnert sich noch gut ans Unglück. „Alles war voller Blut. Beide haben beim Laufen leider nach unten geschaut und den anderen nicht gesehen.“ Zwei Wochen lang konnten Krume und Brown nicht trainieren. „Und wir waren mitten in den Playoffs“, erinnert sich Opitz. Aber ein Fehler ist ja halb so wild, solange man draus lernt. Coach Grothe ordnete seine Teams beim Tic-tac-toe fortan nur noch nebeneinander, nicht mehr gegenüberliegend an.

Weniger Verletzungsgefahr gab es bei einem Wurfspielchen Grothes, bei dem man sein Taschengeld aufbessern konnte. Der Trainer versteckte in seinen Taschen – manchmal auch in seinen Socken – Geldscheine. Die Spieler mussten sich für eins der Versteck entscheiden, und mit ganz viel Glück erwischten sie den 50-Euro-Schein. Um den Jackpot zu gewinnen, musste man aber von der Dreierlinie der anderen Feldhälfte ins Netz treffen. „Fabian Bleck hat das mal geschafft, er hat den Flieger durch die ganze Halle gemacht, wir sind alle ausgeflippt und Matze war bedient“, lacht Grof. Der Aufbauspieler selbst konnte seinem Trainer auch schon ein paar Scheinchen abgewinnen. „’Der Grofmeister ist wieder da!’, hat Matze dann gerufen“, grinst Sören Fritze. „Den Spitznamen Grofmeister haben wir ihm übrigens in der sechsten Klasse verpasst.“

Saftige Angelegenheit

Auf dem Hallenparkett ist Jonas Grof filigran, als Aufbauspieler hat er ein extrem gutes Gefühl für den Basketball. Abseits des Feldes gilt das aber umso weniger. „Ich bin, sagen wir es mal so, nicht der Geschickteste“, lächelt der Hagener.

Ein Beispiel gefällig: Grof nahm vor einigen Jahren mit den Iserlohn Kangaroos an einem Saisonvorbereitungsturnier teil. Fünf, sechs ProB-Teams traten gegeneinander an. Die Spieler aller Mannschaften frühstückten zusammen. Am frühen Morgen war der eine oder andere noch ganz schön müde, doch spätestens als Grof ein Malheur passierte, wurden alle wach. Der junge Mann wollte sich aus einem riesigen Saftzylinder etwas zu trinken zapfen. Grof drehte den Verschluss auf, schaute sich um und merkte nicht, dass sich das fast leere Gefäß in seine Richtung bewegte und langsam umkippte. „Das Ding ist voll auf den Boden gescheppert und alles war voller Saft. Yannick wollte den Bottich noch retten, aber es war zu spät“, sagt Grof. „Ich wollte im Boden versinken. 40 bis 50 Spieler aus meiner Liga haben das gesehen. Es war mir einfach so unangenehm.“

+++ Info +++

Seine „Grundausbildung“ genoss Jonas Grof bei BB Boele-Kabel Zwischen 2010 und 2017 stand der Aufbauspieler in Diensten von Phoenix Hagen, von 2014 bis 2017 spielte er zudem mit Doppellizenz für Noma Iserlohn (ProB). Als Phoenix insolvent ging, schloss er sich Zweitligist Oettinger Rockets an. Im selben Jahr machte Grof den „Neuanfang“ von Phoenix in der ProA mit. Im Sommer 2020 wechselte er zu Ligakonkurrent Gladiators Trier.

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