Leichtathletik

Andrea Löw läuft glücklich um die Welt

Andrea Löw beim Ultra Asia Race In Vietnam. Dort gibt es nicht nur Reisfelder, sondern Pfade, auf denen jeder Schritt höchste Anforderungen stellt. Foto:Canal Aventure

Andrea Löw beim Ultra Asia Race In Vietnam. Dort gibt es nicht nur Reisfelder, sondern Pfade, auf denen jeder Schritt höchste Anforderungen stellt. Foto:Canal Aventure

Hagen.   Ehemalige Hagener Basketballerin ist ab Donnerstag beim Gobi March in der Mongolei unterwegs.

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Wenn jemand bei einem 42-Kilometer-Rennen mit einem Rucksack dahergelaufen kommt, erregt er naturgemäß Aufmerksamkeit. Dann werden Mutmaßungen laut: „Die läuft wohl um die Welt“, bekam Andrea Löw als einen von zahlreichen Kommentaren mit, als sie im Vorjahr beim München Marathon mit einer Sechs-Kilo-Last auf den Rücken unterwegs war. Was durchaus stimmte. Die gebürtige Hagenerin ist tatsächlich auf dem ganzen Globus unterwegs.

Marokko, Namibia, Mosambik, Vietnam. Das waren die jüngsten Stationen der ehemaligen Hagener Basketballerin, die heute als Trail-Läuferin unterwegs ist. Aktuell in der Mongolei: Dort beginnt am Donnerstag der „Gobi March“. Ein einwöchiger Etappenlauf über 250 Kilometer, der zur Wüsten-Rennserie „4 Deserts“ gehört.

Erfahrungen mit derartigem Terrain hat die Volmestädterin, die heute in München lebt, schon gesammelt. 2017 beispielsweise beim Sahara Race. Dieser Lauf fand nicht wie früher in Ägypten statt, sondern war wegen politischer Unsicherheit am Nil nach Namibia verlegt worden. Wüste hier wie dort. Auf die Teilnehmer warteten 250 Kilometer, zu absolvieren in sechs Tagen bei Temperaturen bis 45 Grad. Andrea Löw finishte. So wie zuvor beim UTAT (Ultra Trail Atlas Toubkal) in Marokko und nachher beim UItra Africa Race in Mosambik. Natürlich auch in diesem Frühjahr beim Ultra Asia Race in Vietnam.

Deutsche Meisterin mit „Öwen“ Witt

Mal wird die 44-jährige promovierte Historikerin Dritte der Frauenwertung, mal Siebte oder Achte. Eigentlich ist ihr die Platzierung egal: „Lieber als kurze Strecken in möglichst schneller Zeit zu bewältigen, laufe ich lange Distanzen in langsamerem Tempo“, verrät die Ultraläuferin. Schließlich ist Laufen für sie so etwas wie Urlaub. „Ich kann dabei total vom Alltag entspannen und nehme Land und Leute unheimlich intensiv wahr. Natürlich hat man auch mal Schmerzen, beispielsweise wenn sich an den Füßen Blasen bilden. Aber das, was ich zurück bekomme, macht die Schmerzen mehr als wett. Es macht glücklich!“

In jungen Jahren, als Andrea Löw in Hagen auf Korbjagd ging, waren ihr Waldläufe, beispielsweise in der Saisonvorbereitung, ein Gräuel. Immerhin erwarb die Spielerin mit den Stationen TSV 1860, BSC Hagen und Boele-Kabel schon als Schülerin genug Kondition, um mit dem Mädchenteam des Hildegardis-Gymnasiums in Berlin deutscher Schulmeister zu werden. Der verstorbene Wolfgang „Öwen“ Witt, nach dem heute eine Hagener Sporthalle benannt ist, war damals Meistercoach. Ein Erlebnis, an das die heutige Extemsportlerin gerne zurückdenkt.

Irgendwann war die Basketball-Karriere vorbei. Erst das Studium, unter anderem in Warschau, später der Beruf – Andrea Löws sportliche Aktivitäten wurden überschaubar. Bis ihr die Hüfte Probleme bereitete. Ein Schiefstand wurde diagnostiziert: „Operation oder Sport“, vor diese Entscheidung stellte sie ihr Arzt. Die gebürtige Hagenerin entschied sich für den Sport. Sie begann zu joggen. Zunächst in normalen Maßen.

Auf den Weg gebracht wurde Löws zweite Sportkarriere im Jahr 2006 in Frankfurt. Mehr oder weniger zufällig nahm die damals 32-Jährige, beruflich gerade in Gießen tätig – an einem Frankfurter Straßenlauf über 5,6 Kilometer teil. „Das hat mir einen Kick gegeben“, blickt die heutige Lauf-Trainerin und Mitautorin von Lauf-Büchern zurück. Noch im gleichen Jahr folgte ein Halbmarathon, 2008 in Berlin der erste Marathon. Ein Ausdauer-Ass war geboren.

Zunehmend verlegte die stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Forschung am Münchener Institut für Zeitgeschichte ihre läuferischen Aktivitäten von der Straße in die Natur. Anfangs der räumlichen Nähe wegen schwerpunktmäßig in die Berge, später nach ganz Europa und inzwischen in die ganze Welt. „Man läuft nicht nur in faszinierenden Landschaften, sondern hat auch Erlebnisse, die anderen verwehrt bleiben“, diese Erfahrung hat Andrea Löw gemacht. Zu ihren nachhaltigsten Eindrücken gehören die afrikanischen Kinder, die sie in Mosambik bestaunten und ein Stück laufend begleiteten: „Wir sind in solch abgelegenen Gegenden gelaufen, dass viele Kinder dort noch nie eine weiße Frau gesehen hatten.“

Sicherheit statt Komfort

Es sind aber nicht nur die einheimischen Menschen – oder Tiere wie Wasserbüffel und kämpfende Hähne zuletzt in Vietnam – die solche Trails für Andrea Löw ganz besonders machen, es ist auch die „unglaubliche Kameradschaft“ unter den Läufern. „Man lernt Menschen kennen, die sich alle gegenseitig unterstützen, auch wenn man sich sprachlich vielleicht gar nicht versteht“, hat die Ex-Basketballerin erfahren.

Das wird ab heute in der Mongolei auch wieder so sein. Ein Zelt, in dem abends übernachtet wird, und Wasser, mehr bekommen die rund 250 Ultraläufer vom Veranstalter nicht zur Verfügung gestellt. Alles andere haben sie im Rucksack dabei. Vom Leichtschlafsack bis zur Verpflegung, von Klopapier bis zur Daunenjacke und Mütze. „In der Mongolei kann es nachts kalt werden“, begründet Löw die Vorgaben. Außerdem führt der „Gobi March“ in diesem Jahr gar nicht durch die Wüste Gobi, sondern durch einen angrenzenden Teil der Mongolei. Die gebürtige Hagenerin wird sich überraschen lassen.

Unangenehme Überraschungen sollen den Teilnehmern dagegen erspart bleiben. Mit dem nicht geringen Startgeld kaufen die Läufer zwar keinen Komfort, aber Betreuung und Sicherheit ein. „Ein Ärzteteam steht für den Notfall bereit, die Strecke ist gut markiert und es gibt Checkpoints“, nimmt Löw die 250-km-Distanz unbesorgt in Angriff. Ihr Rucksack wiegt 8,5 Kilogramm, das sind 2,5 kg mehr als einst beim Münchner Marathon. Damals trainierte sie für das Africa Race in Mosambik. Dort ist es wärmer, wurden Daunenjacke und Mütze nicht gebraucht.

Im Südosten Afrikas wurde die Westfälin, die pro Jahr rund 3000 Kilometer läuft, in der Frauenwertung Dritte. Damit rechnet Dr. Andrea Löw im tiefsten Asien nicht. „Ich will gesund und glücklich ankommen“, lautet ihre Zielsetzung.

Nächsten Mai in Australien zum Ayers Rock

Den nächsten langen Lauf hat Andrea Löw schon gebucht: Im Mai 2019 startet die Trailrunnerin in Australien bei „The Track“ - neun Etappen mit insgesamt 520 Kilometern zum Ayers Rock.

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