FC Schalke 04

Ex-Schalker Günter Schlipper appelliert an den Zusammenhalt

Mit Ausnahme von Torwart Alexander Nübel waren die Schalker Fans mit den Leistungen der Spieler zuletzt überhaupt nicht zufrieden.

Mit Ausnahme von Torwart Alexander Nübel waren die Schalker Fans mit den Leistungen der Spieler zuletzt überhaupt nicht zufrieden.

Foto: firo Sportphoto

Gelsenkirchen.   Die Reaktionen der Fans, etwa die Gesänge „Außer Nübel könnt ihr alle gehn’n“, sind nicht hilfreich. Der 56-Jährige setzt auf Unterstützung.

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Den denkwürdigen Auswärtsauftritt des FC Schalke 04 beim 1. FC Nürnberg (1:1) verfolgte Günter Schlipper nur aus der Ferne. Doch die lautstarken Schmähungen, die nach der Partie aus der Gästekurve in Richtung Spielfeld schallten, klingen dem früheren Schalker Mittelfeld-Strategen noch in den Ohren. „Auch wenn ich persönlich im Vorfeld nicht gerade mit einem hohen Sieg in Nürnberg gerechnet hatte, ist es natürlich mehr als nachvollziehbar, dass die Fans sauer sind, wenn man beim Tabellenvorletzten so auftritt“, erklärt Schlipper, der 1991 entscheidend zum Schalker Wiederaufstieg beitrug. Vor dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim (20.30 Uhr/Eurosport 2) aber mahnt „Schlippi“ zu Vernunft und Geschlossenheit: „Es wird wichtig sein, dass alle – Fans und Mannschaft – in den letzten fünf Spielen an einem Strang ziehen, um die Saison ohne Totalschaden zu Ende zu bringen. Die Situation ist ja immer noch ziemlich brenzlig.“

Wie es sich anhört und anfühlt, wenn die Schalker Fankurve die eigenen Spieler ächtet, weiß Schlipper nur zu gut. Der heute 56-Jährige stand 1989/90 beim bitteren 0:2 in Kassel auf dem Rasen, als die Knappen mit einer unterirdischen Vorstellung am 33. Spieltag den Anschluss an die Aufstiegsplätze verspielten – die Vorentscheidung im letztlich erfolglosen Kampf um die Bundesliga-Rückkehr.

Rund 5.000 mitgereiste blau-weiße Fans brüllten damals wutentbrannt „Wir sind Schalker und ihr nicht!“ und drohten den Spielern teils unmissverständlich Prügel an. „Die Polizei musste damals am Stadion Spalier stehen. Das sind Dinge, die vergisst man nicht so schnell“, sagt der gebürtige Oberhausener hörbar bewegt.

Schlipper selbst hatte an jenem 29. April 1990 in Kassel für eine Überreaktion in der 79. Minute die Rote Karte gesehen und saß hinterher mit einem mulmigen Gefühl im Mannschaftsbus. Während der dreistündigen Heimfahrt nach Gelsenkirchen wurde der Profi-Tross von einem guten Dutzend Autos verfolgt. Die aufgebrachten Fans wollten die Spieler und den damaligen Trainer Peter Neururer am Parkstadion zur Rede stellen.

Schlipper wünscht sich Reaktion

Nur der hünenhaften Gestalt von Wladimir Ljuty war es zu verdanken, dass alles weitgehend friedlich blieb: Der ukrainische Stürmer war demonstrativ als Erster aus dem Bus gestiegen. „Allerdings waren unsere Autos bespuckt worden“, erinnert sich Schlipper, „bei einigen hatte man zudem die Luft aus den Reifen gelassen.“

Eines weiß Günter Schlipper ganz genau: Keinen noch so abgezockten Profi lassen Vorfälle wie jene in Kassel oder jüngst in Nürnberg kalt: „Wie man so etwas für sich verarbeitet, hängt natürlich auch vom Typ und Charakter des Einzelnen ab. Mich hat es damals wachgerüttelt.“ Eine ähnliche Reaktion erhofft sich der heutige Gerüstbau-Unternehmer auch von den aktuellen Schalker Protagonisten gegen zuletzt bärenstarke Hoffenheimer (drei Liga-Siege in Folge, 10:1 Tore): „Ich denke schon, dass sich die Spieler nun zusammenraufen und ein anderes Gesicht zeigen werden.“

Dabei komme es auch auf grundsätzliche Fragen an, glaubt Schlipper: „Identifizieren sich die Spieler mit dem Verein? Besteht so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl im Team, oder sind da eher Unternehmer am Werk? Der Fußball hat sich ja in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Auf der anderen Seite habe sich auch die Fan-Landschaft gewandelt: „Man sieht ja, was für eine Macht die Ultras vielerorts gewonnen haben.“

Lautstarke Dispute zwischen enttäuschten Anhängern und enttäuschenden Kickern gab es in der langen und wechselvollen Geschichte des FC Schalke 04 jedoch immer wieder – mitunter selbst nach Siegen: Am 33. Spieltag der Saison 2014/15, nach einem äußerst schmeichelhaften 1:0-Heimerfolg gegen den späteren Absteiger SC Paderborn, hallten laute „Außer Fährmann könnt ihr alle geh’n“-Gesänge durch die Veltins-Arena. Zwar hatte Schalke soeben den Europa-League-Einzug fixiert, doch der Fußball unter dem damaligen Trainer Roberto Di Matteo erfüllte mitunter den Tatbestand der Folterung. Zwei Jahre darauf, beim 1:1 am 34. Spieltag in Ingolstadt, straften die Schalker Fans das Team von Di Matteos Nach-Nachfolger Markus Weinzierl mit Humor ab und entrollten ein Transparent, auf dem stand: „Wir danken der Mannschaft dass sie uns auch in dieser Saison so zahlreich hinterher gereist ist.“ Am Ende stand Platz 10 zu Buche.

Aktuell aber geht es für die Königsblauen nicht um die Frage: Europacup oder Mittelfeld? Es geht um die Existenz. „Das muss jetzt allen klar sein“, betont Schlipper und verweist darauf, was möglich ist, wenn Fans und Mannschaft auf Schalke an einem Strang ziehen: „Bei der unglücklichen 1:2-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt war ich im Stadion, und ich muss sagen: Von der Einstellung her und von der Stimmung auf den Rängen war das mit dem Auftritt in Nürnberg überhaupt nicht zu vergleichen.

Gegen Frankfurt wäre ein Unentschieden durchaus verdient gewesen. In Nürnberg hingegen musste man froh und dankbar sein, dass es am Ende zu einem glücklichen Punkt reichte.“

Gegen Augsburg wieder im Stadion

Den Schalker Auftritt gegen Hoffenheim wird Günter Schlipper im Urlaub am Fernseher verfolgen. „Erst zum darauffolgenden Heimspiel gegen den FC Augsburg werde ich wieder im Stadion sein“, sagt er und spricht allen Schalkern vor den vielleicht wichtigsten Wochen der letzten drei Jahrzehnte Mut zu: „Ich glaube, dass es gut ausgeht und Platz 14 oder 15 am Ende drin sein sollten.“

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