Schalke

Erwin Kremers wartet immer noch auf Klaus Fischers Geld

Die Kremers-Zwillinge Erwin (links) und Helmut.

Die Kremers-Zwillinge Erwin (links) und Helmut.

Foto: Lars Heidrich

Gelsenkirchen.   „Ich musste so viele Flanken schlagen, dass ich einen Hüftschaden davongetragen habe“, erzählt Erwin Kremers. Ein Abend unter Schalkern.

Ihren 70. Geburtstag feierten die Kremers-Zwillinge bereits am 24. März. Aber ein solches Ereignis strahlt über den Tag hinaus. Deshalb waren die beiden Schalker Idole aus den 1970er Jahren auch danach noch als Interview-Partner gefragt, sie eilten von Termin zu Termin. Und sie vergaßen dabei auch nicht die königsblaue Fan-Gemeinde. Im Rahmen der Veranstaltung „90 Minuten – ein Abend unter Schalkern“ plauderten sie aus dem Nähkästchen.

Warum Helmut als Messdiener suspendiert wurde

„Unsere Mutter war streng katholisch. Erwin und ich waren deshalb Messdiener in der Kirche am Bökelberg“, erinnert sich Helmut. „Über Ostern erhielten wir vom Vater den Auftrag, Eier für arme Menschen zu sammeln. Ich habe dann so etwa 40 bis 50 Eier gesammelt und sie durch ein offenes Fenster geworfen. Danach bin ich als Messdiener entlassen worden.“ „Und ich“, so fügt Erwin hinzu, „bin dann aus Solidarität mitgegangen.“

Wie die Zwillinge ihre Pubertät empfunden haben

„Pubertät?“, so sinniert Erwin. „Die musst du ignorieren. Diese Krankheit kannten wir nicht. Wir haben in dem Alter immer Fußball gespielt.“

Warum Helmut sauer war, als Erwin durch die Führerscheinprüfung fiel

„Ich hatte nicht die Lust, die Führerscheinprüfung zu machen“, beichtet Helmut. „Deshalb habe ich Erwin gebeten, er möge den Führerschein für mich machen.“ Erwin hatte den Führerschein bereits, meldete sich im Namen seines Zwillingsbruders noch einmal zur theoretischen Prüfung an – und fiel durch. „Da hat er mich vielleicht zur Sau gemacht“, so Erwin.

Warum sie nie in verschiedenen Vereinen spielten

„Das hat“, so erzählt Helmut, „unsere Mutter verboten, weil Erwin immer auf mich aufpassen sollte.“

Wie ihre ehemaligen Mitspieler aus Mönchengladbacher Zeiten über die Zwillinge denken

„Immer wenn ich den Erwin treffe, frage ich ihn: Wo ist der Bombenleger?“, berichtet Herbert Laumen. „Bei Helmut weiß man nie, ob er es ernst meint oder Spaß macht.“ Kurioserweise wurden die Gladbacher erst Deutscher Meister, als die Zwillinge nach Offenbach weitergezogen waren. „Aber auch mit ihnen hätten wir es geschafft“, mutmaßt Horst Köppel und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir hätten sie mit durchgeschleppt.“

Warum Erwin auf 50 Mark von Hennes Weisweiler verzichtete

„Unser Trainer bei Borussia Mönchengladbach war der legendäre Hennes Weisweiler“, erzählt Erwin. „Eines Tages nahm er mich zur Seite und bot mir 50 Mark an, wenn ich ein Kopfballtor erzielen würde. Zwei Spiele später ist mir tatsächlich ein Kopfballtor gelungen. Erst habe ich mich nicht getraut, aber dann habe ich Hennes Weisweiler doch darauf angesprochen. Bevor ich das Wort Kopfballtor ausgesprochen hatte, fuhr er dazwischen: „Pass auf, du wurdest angeschossen. Dafür konntest du nichts.““

Wie die Zwillinge über Offenbach den Weg nach Schalke fanden

„In Mönchengladbach haben wir zu wenig verdient. Deshalb sind wir zu den Offenbacher Kickers gegangen“, erzählt Helmut. Zwei Jahre danach,
1971, ging es zurück in den Westen, nach Schalke. „Präsident Oskar Siebert, das Diamantenauge, kam auf uns zu und erzählte nur Gutes über Schalke“, erinnert sich Erwin. „Für uns war danach klar, dass wir nach Schalke wechseln.“ Beinahe wäre aber etwas dazwischengekommen. Helmut: „Als wir das erste Mal von der A 42 runtergefahren sind und auf der Uechting­straße waren, habe ich zu meinem Bruder gesagt: Erwin, das müssen wir uns noch mal überlegen.“

Wie die Zwillinge beinahe bei Arminia Bielefeld gelandet wären

„In der Skandal-Saison 1970/71 spielten wir für Offenbach und bekamen ein Angebot von Arminia Bielefeld“, so Erwin. „Wir trafen uns an der Autobahn-Raststätte Medenbach. Einer der Herren aus Bielefeld gab uns einen Scheck und meinte: Das zahlen wir nur, wenn wir die Klasse halten und ihr mit Offenbach dazu beitragt, gegen uns zu verlieren. Ich entgegnete: Das kommt für uns nicht in Frage. Das machen wir nicht, und zu euch wechseln wir auch nicht. Auf der Rückfahrt merkte Helmut nach einer längeren Zeit des Schweigens plötzlich an: Aber den Scheck hätten wir doch eigentlich mitnehmen können.“

Was Erwin über Torjäger Klaus Fischer denkt

„Egal, wohin man geflankt hat, da stand schon der Klaus Fischer. Das zeichnet einen Weltklassestürmer aus“, lobt Erwin. „Ich musste für den Klaus so viele Flanken schlagen, dass ich einen Hüftschaden davongetragen habe. Als ich ihn mal fragte, ob er sich an den Kosten dafür beteiligen wolle, sagte er nur ein Wort: Nein.“

Was Norbert Elgert über die Zwillinge zu sagen hat

„Das waren zwei Top-Spieler. Beide waren Schlitzohren“, sagt Schalkes heutiger Knappenschmied Norbert Elgert. „Sie würden auch heutzutage zu den absoluten Spitzenspielern zählen.“ Als er 18 Jahre alt war und sein erstes Bundesliga-Spiel auswärts beim Hamburger SV gemacht hatte, bekam er Stress mit Helmut, weil er nach dessen Meinung in einer Szene zu eigensinnig gehandelt hatte. „Wenn du meinen Bruder noch einmal übersiehst“, so drohte Helmut, „dann war das dein letztes Bundesliga-Spiel.“

Warum Erwin die Fußball-WM 1974 in Deutschland verpasste

Erwin gehörte als Linksaußen zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die 1972 in Brüssel durch ein 3:0 im Finale gegen die Sowjetunion die Europameisterschaft gewann. Noch heute schwärmen viele von der besten deutschen Mannschaft aller Zeiten. Trotzdem fehlte Erwin zwei Jahre später im WM-Aufgebot – weil er am letzten Bundesliga-Spieltag vor der WM in Kaiserslautern die Rote Karte erhielt. Damals ein No Go für eine Berufung in die Nationalmannschaft. „Ich bin mehrmals gefoult worden, ohne dass es von Schiedsrichter Max Klauser aus Vaterstetten geahndet wurde. Irgendwann platzte mir dann der Kragen. Du dumme Sau, sagte ich zu ihm. Der Schiedsrichter wollte mich schützen und fragte nach, was ich gesagt hatte. Jetzt für Doofe: Du dumme Sau. Die WM verpasst zu haben, war sehr schmerzhaft. Helmut fehlte in dem Spiel in Kaiserslautern. Wenn er dabei gewesen wäre, hätte er mich rechtzeitig aufgehalten.“

Warum Helmut sich nicht als Weltmeister fühlt, obwohl er 1974 im deutschen Kader stand

„Ich hatte mit der WM 1974 nichts zu tun, ich habe ja auch kein einziges Spiel mitgemacht“, sagt Helmut. „Wir waren vier bis sechs Wochen eingesperrt in Sportschulen. Das war die schlimmste Zeit überhaupt. Einmal wollte der DFB für Abwechslung sorgen und organisierte eine Fahrt ins Legoland nach Sierksdorf. Ins Legoland! Mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft! Wir sind mit dem Bus hingefahren, ich bin gar nicht erst ausgestiegen. War eine tolle Abwechslung!“

Welches Doppelleben die Zwillinge führten

„Wir haben ein Doppelleben geführt“, merkt Erwin mit einem Augenzwinkern an. „In der Schlagerbranche waren wir Cindy und Bert.“ Tatsächlich versuchten sich die Kremers-Zwillinge zeitweise in der ZDF-Hitparade und bei Mal Sondock im WDR-Radio. „Das Mädchen meiner Träume“ und „Mo-Di-Mi-Do“, so lauteten ihre bekanntesten Lieder. „Franz Beckenbauer war mit seinem ,Gute Freunde kann niemand trennen’ keine Konkurrenz für uns“, behauptet Helmut. Warum gab es eigentlich keine Langspielplatte? „Die Fans“, sagt Erwin, „haben darauf gewartet, aber wir kamen einfach nicht dazu.“

Welchen Wunsch die Kremers-Zwillinge noch haben

„Unser letzter Wunsch ist es“, so verrät Helmut, „die Kessler-Zwillinge Alice und Ellen zu treffen und mit ihnen bei Let’s Dance mitzumachen.“ Und Erwin fügt hinzu: „Die großartige 1970er-Jahre-Generation des FC Schalke 04 ist seinerzeit überhaupt nicht verabschiedet worden. Wenn ich sehe, wer heutzutage alles ein Abschiedsspiel bekommt, muss ich sagen, dass es schön wäre, ebenfalls so verabschiedet zu werden. Wir sind damals doch vom Hof gejagt worden.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben