Interview

Friedhelm Funkel: „Manchen jungen Trainern fehlt Demut“

Friedhelm Funkel beim Training.

Friedhelm Funkel beim Training.

Foto: Frederic Scheidemann

Düsseldorf.  Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel hat stets das große Ganze im Blick. Im Interview spricht der coach über das Miteinander im Fußballgeschäft.

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Im Fußballgeschäft wimmelt es von Protagonisten, die mit von PR-Beratern glattgebügelten Aussagen um sich werfen. Eine der wohltuenden Ausnahmen – da sind sich alle, die mit ihm schon zu hatten, einig – ist Friedhelm Funkel. Fortunas Trainer schert sich nicht darum, was andere über ihn denken. Er spricht aus, was ihm passt und was ihm nicht passt. In der Länderspielpause nahm sich der 65-Jährige eine Stunde Zeit, um über das Miteinander im großen Fußball-Zirkus zu sprechen.

Herr Funkel, was haben Sie gedacht, als der Frankfurter David Abraham Ihren Trainerkollegen Christian Streich umgerannt hat?

Funkel: Das ist eine riesige Ausnahme. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Spieler einen Trainer so angegangen ist. Das geht natürlich nicht, und dafür ist Abraham auch zu Recht bestraft worden. Aber das ändert nichts am grundsätzlich guten Miteinander innerhalb der Bundesliga.

Bemerkenswert war auch die Reaktion der Jungs auf der Freiburger Bank, die direkt hinter dem Übeltäter hinterhergerannt ist.

Man weiß ja, wie eng das Verhältnis in Freiburg ist. Da hat es in Christian natürlich einen Trainer erwischt, der brutal viele Sympathien hat. Aber man sollte dann trotzdem nicht handgreiflich werden. Das geht natürlich auch nicht – bei allem Schutz für einen Menschen, den man mag.

In Düsseldorf wäre auch die ganze Bank aufgesprungen, oder?

(lacht) Dem will ich nicht widersprechen. Bei Christian und mir ist die emotionale Verbindung zum Verein und zur Mannschaft schon sehr groß.

Wie ist denn generell das Miteinander zwischen den Trainern?

Kurz vor dem Spiel spricht man nur über den Fußball. Bei Trainertagungen sitzt man den ganzen Abend zusammen. Da wird über Vieles gesprochen. Das ist total locker. Es wird viel von früher erzählt.

Gibt es da Hierarchien wie in einer Mannschaft? Müssen sich junge Kollegen erst den Respekt verdienen?

Nein. Das ist sehr locker. Zuletzt waren Urs (Fischer, Union Berlin, Anm. d. Red.), Achim (Beierlorzer, 1. FC Köln) und Marco (Rose, Gladbach) als neue Bundesliga-Trainer dabei – alles sehr angenehme Zeitgenossen. Wie sich Marco seit dem ersten Tag in Gladbach gibt, ist überragend. Daran können sich ein paar jüngere Kollegen ein Beispiel nehmen.

Hört sich nach Kritik an. Wie hat sich denn der Umgang in der Bundesliga im Laufe der Jahre verändert?

Als ich angefangen habe, war der Respekt vor älteren Trainern riesig. Den gibt es zwar heute auch noch, aber früher war es schon etwas anderes. Als ich Udo Lattek, Berti Vogts oder „Sir“ Erich Ribbeck vor mir hatte, war ich schon etwas eingeschüchtert. Die hatten eine Aura, an die man sich nicht so richtig herangetraut hat. Heute ist es kollegialer geworden. Und es wird nicht mehr so viel getrunken auf Trainertagungen. (lacht) Wenn die Veranstaltungen um zehn Uhr begannen, kam der letzte Trainer um halb eins. Heute ist jeder pünktlich. Es ist alles etwas vernünftiger geworden.

Stellen Sie eine gewisse Arroganz bei jungen Trainern fest?

Nein. Der Respekt ist auf jeden Fall da. Allerdings denke ich bei manchen öffentlichen Äußerungen junger Kollegen: ,Oh, oh, wenn sich das mal nicht irgendwann rächt.’ Aber wen ich meine, behalte ich für mich. Bei den aktuellen neuen Bundesliga-Trainern ist das auch überhaupt nicht der Fall. Alle gehen ihre Aufgaben überragend an, sehr sachlich.

Sie wollen es für sich behalten, – aber kann man sagen, dass Sie jüngeren Kollegen generell zu mehr Vorsicht raten?

Bei manchen fehlt schon etwas Demut. Aber Julian Nagelsmann gehört zum Beispiel nicht dazu. Er hat das ausgestrahlte Selbstbewusstsein vom ersten Tag an mit Taten umgesetzt. Und das war irgendwie auch sofort klar. Als ich seine erste Pressekonferenz gesehen habe, habe ich gedacht: Boah, sich mit 28 Jahren so zu artikulieren und so aufzutreten – das fand ich spektakulär. Er hat einen richtig guten Weg vor sich.

Wie ist die Situation bei den Spielern?

Früher hat sich kein junger Spieler getraut, sich als erster auf die Massagebank zu legen. Das Alter hat die Hierarchie bestimmt. Wenn sich das einer erlaubt hat, wurde er runtergeworfen. Das ist heute anders. Aber es ist auch gut, wenn die Jungs selbstbewusst und mutig sind. Sie müssen sich nicht dauernd unterbuttern lassen. Aber der Respekt muss immer da sein.

Mussten Sie Ihren Spielern schon Respekt beibringen?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Das spricht dafür, dass ich das wohl nicht brauchte. Am ersten Tag spricht man ja darüber, wie man sich die Zusammenarbeit vorstellt. Und Respekt steht da an allererster Stelle. Ich kritisiere meine Jungs nur als Spieler, nie als Menschen. Da kann ich zwar Ratschläge geben, wenn das gewünscht ist, aber ich werde nie den Oberlehrer raushängen lassen. Man muss sich einfach aufeinander verlassen können. Ich habe auch schon überreagiert. Dann muss man aber die Größe haben, sich zu entschuldigen.

Wie schaffen Sie es, dass die Spieler wissen, dass Sie wirklich nur den Fußballer kritisieren? Einige Menschen sind ja sehr empfindlich.

Ich glaube, ich lerne den Charakter der Spieler schnell kennen. Aber das geht nicht durch ein, zwei Gespräche. Da lache ich immer, wenn Sportdirektoren nach einem Gespräch sagen: ,Der passt perfekt in unsere Mannschaft.’ Das kann man gar nicht so schnell erkennen. Das dauert. Aber nach einer Zeit weiß ich, wie derjenige tickt. Man kann nicht alle Spieler gleich behandeln, das geht nicht. Sie brauchen individuelle Betreuung. Das fängt bei den Nationalitäten an. Ein Beispiel: Afrikanische und südamerikanische Spieler sollten in der Regel nicht vor versammelter Mannschaft kritisiert werden. Unter vier Augen nehmen sie das besser an.

Wie sehr achten Sie auf Ihre Wortwahl bei Ansprachen vor dem Team?

Ich achte sehr darauf. Schimpfwörter gehören eigentlich gar nicht zu meinem Wortschatz. Ich werde selten laut, weil das im Übermaß schnell verpufft. Aber wenn ich mal laut werde, dann muss das ja nicht heißen, dass ich gleich unbeherrscht werde.

Achten Sie auf die Wortwahl Ihrer Spieler untereinander und greifen ein?

Nein. Da kann es auch mal zur Sache gehen. Aber auch das hat sich geändert. Früher war es gang und gäbe, dass man sich im Training beschimpft hat. Da ging es auch richtig zur Sache im Zweikampf. Heute wird sich schon entschuldigt, wenn man den Gegner gerade mal gestreift hat.

Wie gehen Sie damit um?

Ich unterbreche ein Trainingsspiel nicht, nur weil einer mal liegenbleibt. Ich kann das schon einschätzen. Ich denke mir manchmal: ,Stell dich nicht so an.’ Wenn einer liegt, hören die Spieler sofort auf, zu spielen. Ich sage dann: ,Weiter, weiter!’ Im Spiel muss ja auch weitergespielt werden. Er wird das schon überleben. Da kommt der Masseur, es gibt ein bisschen Eisspray und dann geht das schon wieder. Natürlich tut es manchmal weh, das gehört einfach dazu.

Wie wichtig ist ein ruhiges Umfeld und Ruhe in den Vereinsgremien für den sportlichen Bereich?

Im Januar war bei uns Unruhe, aber das hat uns noch enger zusammengeschweißt. Jetzt gab es Unruhe um unseren Vorstandschef Thomas Röttgermann. Die Geschichte sehe ich aber nicht als schlimm an. Ich denke wir sind in der aktuellen Besetzung im Verein gut aufgestellt und ich habe großes Vertrauen in unser Präsidium. Generell hilft es, wenn der sportliche Bereich in Ruhe arbeiten kann und das können wir aktuell. Dadurch behalten wir viel Energie in unseren Containern am Trainingsplatz.

Haben es da die so genannten Retortenvereine einfacher als die Traditionsklubs?

Ja, sie sind nicht so im Fokus der Medien. Es ist einfacher zu arbeiten in Hoffenheim, Wolfsburg oder auch Leverkusen. Trotzdem arbeite ich lieber bei einem Traditionsverein. Da ist mehr Leben drin, da werden Emotionen geweckt. Ich liebe das einfach. In Wolfsburg oder Hoffenheim ist es manchmal so ruhig, da merkt man nicht mal, dass da ein Bundesligaspiel ist. (jol/erer)

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