"Wir haben die Atmosphäre aufgesogen"

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Das langgezogene "i" gibt's nur als Zugabe bei den außergewöhnlich populären Sportlern. Wenn die Fans sagen: Er ist einer von uns. "Rudiiii" Rauer gehörte zu dieser Spezies wie Williiii Schulz. Der Mann mit dem Schnaubart war immer locker, natürlich, volk

Noch heute hat er ein ebenso gesundes wie ungetrübtes Verhältnis zu seiner Zeit als Handball-Nationaltorhüter, die abrupt durch den Olym-piaboykott 1980 in Moskau endete. Er spricht ohne Neid, dass die heutige Generation das 20- bis 30-fache verdient. "Das", sagt er, "ist bei uns doch nicht anders als bei Uwe Seeler." Er erzählt locker von 1976, dem legendären Duell mit der DDR in München und "Karl-Marx-Stadt", als eine Sekunde die Zukunft der nächsten Jahre bestimmte. Vom WM-Titel 1978 in Dänemark, vom ersten Handball-Supercup 1979 in der Westfalenhalle ("das ist d i e Handballhalle"), der verpassten Olympia-Medaille 1980, was für einige Weltmeister im Rücktritt von der internationalen Bühne gipfelte.

Für den VfL Kamen, TV Schalksmühle, TuS Wellinghofen und VfL Gummersbach stand Rauer in dem sechs Quadratmeter großen Tor, sah die Bälle mit über 120 Stundenkilometern heranfliegen. Er zeigte Superreflexe, hechtete oder fluchte, wenn der vom Pfosten zurückprallende Ball mal wieder die Fingerspitzen massakrierte oder

Reisen entweder in den kalten Osten oder eiskalten Norden

gar mitten im Gesicht landete. "Rudiiii" besaß internationales Format. 67 Länderspiele hat er absolviert. Andere haben mehr, aber Rauer ist dafür Weltmeister, die 78-er Mannschaft längst ein Mythos.

Von den Erinnerungen zehrt er noch heute: "Solch eine Mannschaft wird nur alle 20, 30 Jahre geboren. Ein Glücksfall." Die Kameradschaft war so gut, dass sie sich noch heute jährlich einmal trifft. Mit Kind und Kegel.

Luxus kannten die Spieler nicht, auch kein sechsstelliges Jahressalär, nicht einmal in D-Mark. Was er heute hat, hat er sich erarbeitet, Rauer hat Karriere gemacht bei der Polizei, ohne Vitamin B, ohne Regelbeförderung nach einem Titelgewinn, "und darauf bin ich stolz." Der Hauptkommissar hat die gleiche Frau wie damals und die gleiche Adresse. Er ist immer Mensch geblieben.

"Die Erfindung des Supercups", schwelgt er in Erinnerungen, "war ein Riesending für uns. 12 000 Zuschauer in der Westfalenhalle, die Anfeuerung der heißblütigen Westfalen - wir haben die Atmosphäre in uns aufgesogen wie einen nassen Schwamm."

Was hatten sie auch schon für Alternativen? Reisen in ungeheizte Hallen und Hotelzimmer im tiefsten Russland oder in die Karpaten nach Rumänien. Das waren damals die Handball-Großmächte. "Die einzige Abwechslung war Island. So oder so: wenn wir flogen, flogen wir in die Kälte des Ostens oder Eiseskälte des Nordens." Spanien tauchte auf der damaligen Karte des Welthandballs noch nicht auf, Frankreich spielte allenfalls eine Komparsenrolle.

Zum Handball kam der heute 57-jährige Rudi Rauer erst spät, jenseits der 20. Doch besser spät als nie. Schnell war er fester Bestandteil der Nationalmannschaft, die ihre Blütezeit unter dem eigenwilligen Vlado Stenzel von 1976 bis 1980 erlebte.

6. März 1976. Die Spieler der Bundesrepublik lagen wie gelähmt auf dem Boden in "Karl-Marx-Stadt" und erwarteten diesen einen Moment, der wie kaum ein anderer den Klassenkampf auf sportlicher Ebene verdichtete. Auf der Tribüne schlug ihnen blanker Hass entgegen, in München war's im Hinspiel nicht anders, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Es stand 11:8 für die DDR. Eine Niederlage mit drei Toren Differenz konnte sich die DHB-Auswahl erlauben, vier Treffer hätten das Olympia-Aus bedeutet. Es ging auch um den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus.

Einer der erregendsten Momente deutscher Handballgeschichte

Die schwedischen Schiedsrichter ließen - ein Skandal - schon über vier Minuten nachspielen, "solange, bis sie endlich diesen letzten Siebenmeter pfeifen konnten", erinnert sich Kurt Klühspies voller Zorn. Stenzel wollte Rauer einwechseln. "Der war unser Siebenmeter-Töter", rekapituliert Stenzel, "und Rudi hat sich schon bewegt: Ich habe gesagt: Du gehst rein."

Aber in diesem Augenblick gab ihm Torwart Manfred Hofmann ein Zeichen. Stenzel: "Er ahnte, dass er den Ball hält." Engel wollte werfen, aber da ging Hofmann noch einmal zum Schiedsrichter und fragte: "Muss dieser Siebenmeter noch sein?" Und er fragte das noch einmal und noch einmal. Dann trat Engel an, täuschte, aber Hofmann wartete geduldig - und hielt mit dem Knie. Engel brach zusammen . . . Die Westdeutschen jubelten, mittendrin Rauer, der nur allzugern auf seinen Einsatz verzichtet hatte. Die DHB-Auswahl war nach einem der erregendsten Momente ihrer Geschichte für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal qualifiziert.

Wenn Rauer über den Handball erzählt, hört sich das alles ganz normal an, ohne Allüren. Er hat für die Polizei-Nationalmannschaft gespielt, die DHB-Auswahl und für den TuS Wellinghofen ("Eine Schande, wie er damals um die Bundesligazugehörigkeit betrogen wurde") sowie nach dessen Zwangsabstieg für den VfL Gummersbach. Und nebenbei hat er seinen Beruf ausgeübt.

Wie er das vom Wohnort Bönen aus koordiniert hat, weiß er heute nicht mehr. Wenn er abends heim kam, lag der Sohn im Bett, wenn er früh das Haus verließ, schlief der Filius noch. Dass zuhause trotzdem alles funktionierte, auch die Erziehung, "ist allein ein Verdienst meiner Frau."

Und dann nach kurzer Pause: "Wenn ich so überlege, was sie alles geschafft hat... Ich glaube, ich bringe ihr heute ein paar Blümchen mit."

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