Regionalliga

Sechs Tage Frist: Wattenscheid 09 steuert auf Tiefpunkt zu

Da gab es noch Hoffnung: der neue Aufsichtsrat der SG Wattenscheid 09 im März mit Oguzhan Can (ganz l.), Josef Schnusenberg (3.v.r.) und mit Sportdirektor Peter Neururer (2.v.r.).

Da gab es noch Hoffnung: der neue Aufsichtsrat der SG Wattenscheid 09 im März mit Oguzhan Can (ganz l.), Josef Schnusenberg (3.v.r.) und mit Sportdirektor Peter Neururer (2.v.r.).

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Wattenscheid.  Bis zum kommenden Freitag muss die SG Wattenscheid 09 beim Insolvenzgericht Stellung beziehen. Wie es so weit kommen konnte: eine Chronologie.

Sechs volle Tage hat die SG Wattenscheid 09 noch Zeit, die vom Insolvenzgericht verlangte Stellungnahme vorzubereiten. Nachdem die Techniker Krankenkasse (TK) einen Insolvenzantrag gegen den Fußball-Regionalligisten stellte, ist der Verein nun in der Bringschuld.

Am kommenden Freitag, 6. September, müssen die Verantwortlichen des Klubs erklären, ob und wie die SG Wattenscheid den finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann. Der chronisch unterfinanzierte ehemalige Bundesligist steuert nach der jüngsten Entwicklung auf einen Tiefpunkt zu. Wir verschaffen an dieser Stelle einen Überblick über die Ereignisse der vergangenen Monate.

Hilferuf erschüttert Fußball-Wattenscheid

Dezember 2018: Ein Hilferuf erschüttert Fußball-Wattenscheid. Nach eigenen Angaben droht dem Klub die Insolvenz, wenn nicht binnen 28 Tagen 350.000 Euro zusammenkommen. Nur dann, so heißt es, könne die laufende Spielzeit zu Ende gespielt werden. Ein Stadtteil bangt um seinen Klub.

Januar 2019: Zu Beginn des neuen Jahres stößt der ehemalige Schalke-Präsident Josef Schnusenberg zum Wattenscheider Aufsichtsrat - zunächst als hinzuoptiertes Mitglied. Das nährt Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei der SGW. Der Tenor im Umfeld: Warum sollte sich der Steuerberater sonst mit dem Sorgenkind beschäftigen? Drei Tage vor Ablauf der Frist steigt die Mannschaft nach der Pause wieder ins Training ein. Zu diesem Zeitpunkt sind 140.000 der benötigten 350.000 Euro eingesammelt.

Peter Neururer wird neuer Sportdirektor

14. Januar: Am letzten Tag der gemeinschaftlichen Finanzierung steuert Oguzhan Can selbst die Summe von rund 200.000 Euro zum erfolgreichen Gelingen der Aktion bei. Der Klub scheint fürs Erste gerettet.

13. März: Rund zwei Monate ist es anschließend still um die SGW. Die Mannschaft steckt im Abstiegskampf, und plötzlich zaubert die Klubführung einen Überraschungskandidaten aus dem Hut. Diese Redaktion enthüllt exklusiv vorab: Peter Neururer wird neuer Sportdirektor der SGW.

Der Verein hat einen neuen Aufsichtsrat - Hoffnungsträger Schnusenberg

29. März: Etwa zwei Wochen später hat der ehemalige Bundesligist einen neuen Aufsichtsrat. Der Hoffnungsträger heißt Josef Schnusenberg. Peinlich: Auf der Mitgliederversammlung kann der Verein keine Bilanz präsentieren. Als Begründung wird der Wechsel des Steuerberaters angegeben.

Anfang Mai: Sportdirektor Neururer will Zahlen sehen, die er den Spielern nennen kann. Es geht um Vertragsverlängerungen und Neuzugänge. Der 64-Jährige beschwert sich öffentlich darüber. Es sind die ersten unruhigen Töne seit dem Antritt des ehemaligen Bundesliga-Trainers.

Offene Pfändung: Sponsoren springen ab

Juni: Gegen die SGW läuft eine offene Pfändung, enthüllt diese Redaktion. Dadurch landen Sponsorengelder gar nicht erst beim Klub, sondern direkt bei den Gläubigern. Dass mit ihren Zuwendungen nicht die (bessere) Zukunft geplant wird, sondern die Vergangenheit bewältigt werden soll, stößt bei den Sponsoren indes nicht auf Gegenliebe. Autohaus Wicke und SportSpar wollen abspringen. Und es kommt noch schlimmer: Anwalt und Ex-Aufsichtsrat Christof Wieschemann klagt für die Jugendabteilung. Deren Trainer und Betreuer warten auf Geld.

Öffentlichkeitsarbeit ist eine Farce

Besonders in dieser Phase ist die Außendarstellung des Vereins eine Farce. Der Verein reagiert auf den enthüllenden Bericht dieser Zeitung mit einer Pressemitteilung, die durch Inhaltsleere glänzt. Lediglich in einem Punkt liefern die SGW-Verantwortlichen Inhalt. Das Darlehen, von dieser Redaktion auf 260.000 Euro beziffert, sei noch höher. Ende Juni droht Peter Neururer erstmals mit seinem Aus, rudert dann aber zurück und verlängert das Ultimatum für Oguzhan Can, der immer noch keine Zahlen genannt hat.

Juli: In der Vereinsführung zeichnen sich tiefe Risse ab. Josef Schnusenberg kritisiert Aufsichtsrats-Boss und Haupt-Geldgeber Oguzhan Can im Interview mit dieser Zeitung scharf. Der Tenor: Die Außendarstellung des Vereins ist schlecht.

Aufsichtsrats-Chef und Geldgeber Oguzhan Can tritt zurück

22. Juli: Oguzhan Can tritt als Aufsichtsratsvorsitzender zurück.

28. Juli: Die Mannschaft von Farat Toku siegt zum Regionalliga-Auftakt beim SC Verl mit 2:0. Im überschwänglichen Jubel über diese Trotzreaktion verkünden die Klub-Verantwortlichen: Es wird keine Insolvenz geben. Zwei Wochen später erfährt diese Redaktion: Die Gehälter werden trotz Zusage immer noch nicht bezahlt.

Sportdirektor Neururer beklagt das Chaos und betont: Wattenscheid sei der größte Fehler seiner Karriere gewesen. Am gleichen Tag erfährt diese Zeitung vom Insolvenzantrag der TK.

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