Reitsport-Serie

Eine Arnsbergerin und ihre Therapeuten auf vier Beinen

Zur Ruhe kommen und Heilung erhalten: Birgit Kraft bietet als Reitheilpädagogin in ihrem Heilpädagogischen Reit- und Psychomotorikzentrum verschiedene Therapien an. Vieler ihrer Klienten sind Kinder und Jugendliche, die teilweise behindert sind oder unter Störungen leiden.

Zur Ruhe kommen und Heilung erhalten: Birgit Kraft bietet als Reitheilpädagogin in ihrem Heilpädagogischen Reit- und Psychomotorikzentrum verschiedene Therapien an. Vieler ihrer Klienten sind Kinder und Jugendliche, die teilweise behindert sind oder unter Störungen leiden.

Foto: Lou Nala Photographie

Meschede/Arnsberg.  Die Arnsbergerin Birgit Kraft ist Reitheilpädagogin. Wie sie mit verschiedenen Therapien Kindern und ebenso Erwachsenen hilft.

Die gebürtige Hamburgerin und mittlerweile in Arnsberg lebende Heilpädagogin Birgit Kraft arbeitet in der Frühförderung mit Kindern im Alter von null bis sechs Jahren. Zusätzlich ist sie als Reitheilpädagogin aktiv und hat in diesem Zuge vor zehn Jahren ein Heilpädagogisches Reit- und Psychomotorikzentrum gegründet.

In Meschede-Stockhausen bietet Birgit Kraft, die selbst sieben Pferde besitzt, vielfältige Therapien an. Wer diese Angebote nutzt, wie Pferde Menschen in Not konkret helfen können und wie sie mit den berührenden Schicksalen umgeht, hat sie dieser Zeitung im Interview erzählt.

Birgit Kraft, Sie bieten unter anderem Heilpädagogisches Reiten an. Was bedeutet das konkret?

Birgit Kraft: Das Heilpädagogische Reiten umfasst pädagogische, psychologische, psychotherapeutische und soziointegrative Einflussmaßnahmen mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit verschiedenen Störungen oder Behinderungen. Im Rahmen des ganzheitlichen Ansatzes steht hierbei die individuelle Förderung über das Medium Pferd im Vordergrund, das heißt vor allem eine günstige Beeinflussung des Verhaltens und des Befindens.

Welche Zielgruppen haben diese therapeutischen Maßnahmen?

Das Feld ist dabei breitgefächert. Wir arbeiten mit der Regel, dass Kinder bei uns normalerweise erst mit vier Jahren auf ein Pferd kommen. Sie haben dann einfach die Fähigkeit, sich gut zu halten und Kommandos gut umzusetzen. Unter meinen Klienten sind Kinder mit ADHS, Kinder aus Heimen, Kinder mit Halbseiten-Lähmung oder verschiedenen Ängsten und schweren Behinderungen sowie ebenso Kinder, die in der Schule hochgradig gemobbt werden oder sehr introvertiert sind.

Die Hilfe von Ihnen und Ihrem Team können aber auch Erwachsene in Anspruch nehmen, richtig?

Genau. Wir betreuen zum Beispiel erwachsene Klienten, die beispielsweise – oft berufsbedingt – einen Burn-Out erlitten haben. Die eigene Persönlichkeit ist bei Ihnen dann einfach auf der Strecke geblieben. Wir haben zudem Menschen, die verhaltensauffällig sind, sich in ihrem Leben nichts zutrauen, unter Ängsten oder Gleichgewichtsstörungen leiden und auch Klienten, deren Sehvermögen teilweise stark beeinträchtigt ist.

Wie genau können all diesen Menschen die Pferde als „Therapeuten auf vier Beinen“ helfen?

Wie beispielsweise Kinder am Anfang auf die Tiere reagieren, ist total unterschiedlich. Jedes Kind ist da anders gestrickt, Angst haben aber erstmal viele von ihnen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen die Angst zu nehmen. Dabei ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung wichtig: Wie bewegt sich das Pferd? Wie riecht es? Was machen die Bewegungen des Tieres mit mir? Über viele kleine Schritte gelangt das Kind dann zu Erfolgen, die ein positives Gefühl bringen und das Selbstvertrauen steigern. Das Pferd macht in Bezug auf den Reiter keine Unterschiede, es geht offen und meist neugierig auf den Klienten zu. Und das macht viele Menschen glücklich, ihnen geht dann das Herz auf. Die Erdhaftung und Naturverbundenheit, die beim Reiten und der Arbeit mit den Tieren entsteht, hilft auch vielen Erwachsenen. Sie trauen sich mehr zu. Wir reagieren auf Körper, Geist und Seele. Die tiergestützte Arbeit ist von Erfolg gekrönt.

Wie gestalten Sie die verschiedenen Therapieeinheiten?

So rasant ist die Ausfahrt mit Sunderner Kutschenfahrern

Das ist ganz unterschiedlich. Wir versuchen, immer auf die jeweilige Situation zu reagieren. Mal wird eine Box ausgemistet und das Pferd gesäubert, dann geht es hinaus ins Gelände oder aber wir arbeiten in der Reithalle. Bei Klienten mit höherem Hilfsbedarf habe ich Hilfe von meinen Kollegen. Ohnehin habe ich ein supertolles Team, das hinter den Kulissen die Pferde versorgt, sich vorbildlich kümmert und auch mit mir in der Frühförderung arbeitet.

Sie erleben im Zuge Ihrer Arbeit immer wieder auch Schicksale, die Sie und Ihre Kollegen nicht kalt lassen. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich sind die Schicksale teilweise berührend. Wenn Sie mit Babys oder Kleinkindern arbeiten, die schwerst-mehrfach behindert sind, dann denken Sie auch durchaus im Feierabend darüber nach. Ich finde einfach, dass dieser Job keine Routine werden darf. Die Menschlichkeit muss man sich immer bewahren. Wir hatten beispielsweise mal ein Kind mit Down-Syndrom, das vor der Reittherapie nicht laufen konnte. Nach wenigen Einheiten bei uns und in Verbindung mit Physiotherapie konnte es dann laufen – so etwas ist natürlich sehr schön.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht aktuell die Nachfrage nach dem Heilpädagogischen Reiten?

Die Menschen wollen auf die Pferde. Wir bekommen viele positive Reaktionen. Beispielsweise liegen an meinem Geburtstag immer mal wieder Geschenke vor der Haustür und das ist natürlich schön. Ich würde mir aber wünschen, dass auch die Öffentlichkeit weiter für das Thema Heilpädagogisches Reiten sensibilisiert und diese Arbeit weiter anerkannt wird. Leider ist es für viele Klienten nach wie vor schwierig, passende Kostenträger für solche Therapien zu finden.

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