Skispringen

Quali verschoben: Auch Leyhe springt in Willingen früher

Stephan Leyhe (SC Willingen) geht zum ersten Mal sogar als Sieg-Kandidat in seinen Heim-Weltcup in Willingen

Stephan Leyhe (SC Willingen) geht zum ersten Mal sogar als Sieg-Kandidat in seinen Heim-Weltcup in Willingen

Foto: Grzegorz Momot / dpa

Willingen.  Zum Weltcup reisen 50.000 Fans und die weltbesten Skispringer nach Willingen. Stephan Leyhe ist sogar ein Sieg-Kandidat – wenn das Wetter hält

Stephan Leyhe dürfte einfach nur diesen Moment genossen und nicht an seine bevorstehenden besonderen Einsätze als Skispringer gedacht haben. Als ein putziges Eichhörnchen in Leyhes Nachbarschaft über verschneite Äste eines Baumes huschte und den Stamm herunter turnte, um im Schnee nach Futter zu suchen, zückte er sein Handy und postete anschließend ein kurzes Video auf seinem Instagram-Kanal. #gumo schrieb Leyhe dazu und wünschte so einen guten Morgen. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – hätte Leyhe ebenso formulieren können. Über seinen tierischen Nachbarn. Über sich. Über sich und seine Karriere, sowie den so genannten Kult-Weltcup in Willingen im Speziellen.

Nur wenige Kilometer entfernt von der Mühlenkopfschanze im beschaulichen Strycktal, das sich zum Weltcup-Wochenende in eine Partyzone für insgesamt gut 50.000 Fans verwandelt, liegt Leyhes Heimatort Schwalefeld. Das Springen in Willingen – ist sein Heim-Weltcup. Er wird noch ein bisschen mehr gefeiert, als ohnehin jeder deutsche Skispringer gefeiert wird. Oder jeder polnische Skispringer, denn jedes Jahr reisen unfassbar viele polnische Fans ins hessische Upland.

Seine ohnehin besondere Rolle in Willingen erhält dieses Mal eine noch speziellere Note. Denn Stephan Leyhe geht als der Springer an den Start, der bei den zurückliegenden fünf Weltcups für das jeweils beste deutsche Ergebnis sorgte. Im japanischen Sapporo sprang er hinter dem Österreicher Stefan Kraft auf Rang zwei und zum zweiten Mal in seiner Karriere auf das Podium.

Oder müsste es heißen: Er sprang erst zum zweiten Mal in seiner Karriere auf das Podest?

Die unsichtbare Hand löst den Griff

Denn Leyhe, dessen Lebensmittelpunkt mittlerweile im Schwarzwald liegt, ist bereits 28 Jahre alt. Sein erster Weltcupsieg scheint zum Greifen nahe zu sein, aber: Der Dritte der Vierschanzentournee des vergangenen Winters wartet weiterhin auf seinen ersten Einzel-Triumph. „Es macht manchmal ein bisschen den Eindruck, als ob ihn eine unsichtbare Hand zurückhalten würde“, sagte Werner Schuster, ehemaliger Bundestrainer, im vergangenen Jahr über Leyhe.

Doch langsam scheint die unsichtbare Hand ihren Griff zu lösen und Leyhe konstanter und weiter springen zu lassen.

„Jetzt hat er es endlich mal durchbrochen, das Ding. Ich hoffe, dass ihm das Auftrieb gibt und er in nächster Zeit öfter auf dem Podest sein kann“, sagte Stefan Horngacher, aktueller Coach der Adler des Deutschen Skiverbandes, zu den Bildern in Sapporo, als Leyhe nach seinem Fabelsprung im zweiten Durchgang jubelnd die Faust ballte und den Zeigefinger durch die Luft kreisen ließ.

Der erste Weltcup-Sieg in Willingen gegen Konkurrenten wie den Japaner Ryoyu Kobayashi oder den Polen Dawid Kubacki – das wäre ein Traum für Stephan Leyhe.

Und es wäre ein weiterer Schritt heraus aus den Schatten von Markus Eisenbichler oder Karl Geiger. „Ich freue mich natürlich sehr auf meinen Heim-Weltcup“, sagte Leyhe, „das ist immer ein schönes Erlebnis, jedes Jahr wieder.“ Sein Fokus liege aber auf der Schanze und „dass ich mich da mit Hilfe der Fans und all der Leute drumherum weiter verbessere und vorankomme“.

Die Mär vom Heimvorteil

Denn die Mühlenkopfschanze – sie bietet ihm gar nicht den Heimvorteil, von dem viele ausgehen. Lediglich rund um den Kult-Weltcup wird die Schanze mit Schnee belegt, so dass auf ihr gesprungen werden kann. „Das nächste Wochenende in Willingen wird emotional für mich. Ich bin in einer guten Form und wir werden sehen, was ich dort erreichen kann“, sagte Leyhe auch deshalb gewohnt bescheiden.

Seit seiner Weltcup-Premiere in Willingen 2015 schaffte er es in seiner Heimat im Einzel noch nie unter die besten Zehn. Nur mit der Mannschaft gelang im vergangenen Jahr der Sprung auf Platz zwei und somit auf das Siegerpodest. „Ich möchte in die Top Ten springen. Ich hoffe, dass mir das vor heimischem Publikum gelingt und ich meinen Teil zur Weltcup-Party beisteuern kann“, sagte Leyhe anschließend.

Vor Jahresfrist gelang es ihm nicht, die Weltcup-Party wurde dennoch gefeiert – aber getreu des Eichhörnchen-Mottos wären die Top Ten in diesem Jahr reif für Stephan Leyhe. Mindestens.

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