Laufblog

Zweibeiner gegen Vierbeiner – ein ungleiches Duell

Die Leine rettet nicht nur Rehen das Leben, sondern hilft auch Läufern, stressfrei durch den Wald zu kommen.

Die Leine rettet nicht nur Rehen das Leben, sondern hilft auch Läufern, stressfrei durch den Wald zu kommen.

Foto: Stefan Reinke

Dortmund.  Läufer stehen im Wald eigentlich an der Spitze der Nahrungskette. Einmal in Schwung gekommen, ist der Hobbysportler nur noch durch schwindende Kraftreserven zu stoppen. Der Läufer ist der König des Waldes, er ist Eins mit der Natur und mit der Welt im Reinen. Bis sich ihm ein Hund in den Weg stellt.

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Laufen ist für mich Naturverbundenheit. Sport an der frischen Luft und bei Wind und Wetter befreit die Seele viel mehr als das Strampeln auf dem Ergometer im Fitness-Tempel. Wenn der Schnee unter den Schuhen knrischt und der Wind die Nasenspitze gefrieren lässt, dann pocht mein Läuferherz vor Freude einen Takt schneller.

Noch schöner wäre das Naturerlebnis, wenn ich mich öfter zum Laufen in den Wald trauen würde. Zumal in meinem Laufrevier das Niederhofer Holz liegt, das dann in die Bittermark und den Schwerter Wald übergeht und tolle Bedingungen zum Laufen in der Natur bietet. Ich aber laufe auf Asphalt und peile in der Regel den Rombergpark an. Denn dort herrscht Anleinpflicht für Hunde.

Der Park bietet auch Natur und als Bonus lauter angeleinte Hunde - hier bin ich als Läufer also wirklich Chef im Ring. Aber der Boden ist asphaltiert und der Weg zum Park und wieder nach Hause gehört zu den eher langweiligen Dortmunder Strecken. Darum sehne ich mich so oft nach dem Wald, wobei Bittermark und Bolmke in meinen Augen dermaßen hundeverseucht sind, dass sie für mich weitgehend tabu sind.

Magische Anziehungskraft auf Hunde

Ich übe offenbar eine magische Anziehungskraft auf Hunde aus. Vielleicht spüren sie meine Mischung aus Angst und Abneigung. Inzwischen habe ich Antennen entwickelt und kann Hunde orten. Ich erkenne, aus welcher Richtung Gebell kommt und biege am nächsten Abzweig in die Gegenrichtung ab. Wenn ich einen Menschen im Wald herumstehen sehe, stellt sich mir nicht die Frage, warum der da steht, sondern lediglich die nach der Größe des Hundes, der gleich aus dem Unterholz geschossen kommt.

Kommt mir dann doch ein Vierbeiner entgegen, verlangsame ich meist meinen Schritt oder bleibe, je nach meiner Einschätzung der Situation ganz stehen. Im Lauf- oder Beißduell ist der Zwei- dem Vierbeiner nun mal hoffnungslos unterlegen. Manche Hundehalter verstehen meine Reaktion, halten ihr Tier am Halsband fest und warten, bis ich vorbei bin. Andere ignorieren mich und lassen den Hund einfach direkt auf mich zu rennen. Ich rufe dann in der Regel panisch irgendwelche Dinge, die hier nicht zitierfähig sind und ernte völlig verständnislose Blicke, worauf sich mein Blick sehr, sehr, sehr verfinstert. Hundebesitzer, so glaube ich, haben einfach überhaupt kein Verständnis dafür, dass sich jemand durch ihr geliebtes Tier gestört, belästigt oder gar bedroht fühlt.

Um es deutlich auf den Punkt zu bringen: Mir versauen Hunde das Laufen.

Schwarzes Geschoss aus dem Unterholz

Erst in der vorigen Woche passierte es auf Phoenix West. Zum Glück war ich verletzungsbedingt nicht laufen, sondern nur spazieren, als ich meinen Lieblings-Prototypen des modernen Großhunde-Halters sah: Etwa 50 Meter vor mir kam eine Frau auf den Weg, die Hundeleine lässig um ihren Hals gelegt, statt um den des Hundes. Urplötzlich kam ein großes, schwarzes Geschoss aus dem Unterholz und jagte direkt auf mich zu. "Einfach stehen bleiben!", rief die Frau und ich vermutete sofort, dass sie nicht ihren Hund meinte, sondern mich. Ich blieb "einfach stehen", weil ich vor Schreck und Panik ohnehin erstarrt war. Wie besessen rannte der Hund hechelnd auf mich zu, umkurvte mich und rannte wieder zu seiner Besitzerin, die sich ohne ein Wort der Entschuldigung entfernte.

Ein anderer Hundebesitzer, dessen Tier bei einem Lauf n der Bittermark auf mich zu rannte, quittierte meinen Vorschlag, den Hund anzuleinen, mit lautem Gelächter. Vor einigen Wochen machte ich den Fehler, beim Waldlauf Musik zu hören. Mir kam ein Pärchen mit großem Hund entgegen (die Leine baumelte wieder um einen menschlichen Hals), ich blieb stehen, sie hielten den Hund am Halsband - alles gut. Ich lief an ihnen vorbei, sie setzten ihren Weg fort. Plötzlich tauchte neben mit einem Affenzahn ein riesiger schwarzer Schatten auf! Da ich Musik hörte, hatte ich natürlich nicht gehört, dass die Besitzer offenbar irgendetwas riefen und Hundis Jagdtrieb stärker war als seine hoffentlich gute Kinderstube. Mit butterweichen Knien und einem Herzschlag bis zum Hals setzte ich meinen Lauf fort.

Anleinpflicht im Wald nicht durchsetzbar

Liebe Hundebesitzer, Leinen sind nicht dazu da, eure Hunde vor Läufern oder Rehen zu schützen, sondern umgekehrt. Hunde, die durchs Unterholz rennen, verschrecken nicht nur Läufer, sondern auch die wenigen Wildtiere, die in unseren Wäldern noch heimisch sind. Im Übrigen ist es nicht erlaubt, Hunde abseits der Wege laufen zu lassen. Die Stadt Dortmund wollte vor einigen Jahren mal eine grundsätzliche Anleinpflicht für Hunde auf Waldwegen durchsetzen. Doch das Vorhaben scheiterte vor Gericht, weil es laut Landesgesetzgebung nun einmal erlaubt ist, Hunde auf Waldwegen frei laufen zu lassen. Nur ins Unterholz dürfen sie nicht.

Dumm nur, dass kaum ein Hund dieses Gesetz kennt. Und auch Hundebesitzer kennen es entweder nicht oder es kümmert sie nicht. Ein Hund, der ungestüm durchs Gehölz abseits der Wege rennt, rennt auch ungestüm auf Läufer zu. Mir persönlich ist es dabei egal, ob er neugierig oder aggressiv ist, ob er spielen oder fressen will - ich will es einfach nicht. Ich will laufen.

Hunde können erzogen werden

Ich weiß, dass Hunde erziehbare Tiere sind. Ein gut erzogener Hund geht neben seinem Besitzer her, wenn der das verlangt. Ein gut erzogener Hund jagt nicht im Unterholz oder rennt hinter Läufern her. Es gibt sehr wenige gut erzogene Hunde. Das kann man bei nüchterner Betrachtung den Tieren nicht vorwerfen. Wohl aber ihren Besitzern, denen es oftmals einfach nur egal oder - wohlwollend formuliert - nicht bewusst zu sein scheint, welche Wirkung ihr Hund auf ihre Mitmenschen haben kann. Und Erziehung ist leider oft genug Glückssache. In meiner Nachbarschaft wohnt jemand, der offenbar glaubt, ein Hund ließe sich vom Schnüffeln am Wegesrand abhalten (warum eigentlich?), indem man laut neben dem Tier mit den Füßen aufstampft. Drei Meter weiter schnüffelt der Hund wieder, Herrchen stampft wieder mit dem Fuß... und so weiter. Ein trauriges Schauspiel. Für solche Hunde empfinde ich nur Mitleid.

Jedenfalls habe ich beschlossen, mir den Wald Schritt für Schritt zurückzuerobern. Theoretisch weiß ich sogar, wie man Hunden im Wald begegnen sollte: Man soll Selbstbewusstsein zeigen und nicht auf die Tiere reagieren. Das ist in der Praxis allerdings schwer umsetzbar, weil ich einfach nicht selbstbewusst bin, wenn ein Hund auf mich zu läuft. Ich will nicht, dass er das tut, und wenn ich ihm das sage, versteht er mich nicht. Da der Klügere nachgibt, habe ich jetzt das Laufen abseits der normalen Wege entdeckt und weiche immer wieder mal auf Reitwege und Trampelpfade aus. Dort gibt es deutlich seltener Hunde und das Laufen im Gelände macht obendrein noch richtig Spaß. Vielleicht kommt der Trend zum Trailrunning ja sogar daher, dass Läufer keine Lust mehr auf unangenehme Begegnungen mit Hunden haben.

Ich gönne ja jedem seinen Auslauf, meinetwegen auch Hunden. Aber Wälder sind öffentlich und somit nicht nur für Hunde reserviert. Wer einen Hund besitzt, trägt die Verantwortung dafür, dass von dem Tier keine Gefahr ausgeht. Das heißt, dass es niemandem nachzulaufen und niemanden anzufallen hat.

Lauflog:

Letzter Lauf: 1.12., Waldlauf, 8,95 km in 58:46 Minuten

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