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Wenn der Trainingslauf zum Abenteuer wird

Schon am Tage sind die Serpentinen nach Syburg ein Abenteuer für Läufer. In der Nacht umso mehr.

Schon am Tage sind die Serpentinen nach Syburg ein Abenteuer für Läufer. In der Nacht umso mehr.

Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.  Es muss nicht immer ein Wettkampf sein, der unseren Laufblogger stolz macht. Manchmal reicht es, einfach nur trainiert zu haben.

Das Thermometer zeigt fünf Grad unter Null. Die Sonne ist längst untergegangen, während ich noch auf der Arbeit hocke und dem Feierabend entgegenfiebere. Es ist Sonntag, und wer schon mal für einen Marathon trainiert hat, weiß, was das bedeutet: Gott mag am siebten Tag geruht haben, Marathonis hingegen nutzen den letzten Tag der Woche für lange, langsame Läufe.

Lang ist alles, was mit einer "2" beginnt. Während normale Menschen den Sonntag mit Kaffee und Kuchen verbringen, fressen Marathonis Kilometer. An einem herrlichen Wintertag mit blauem Himmel und Sonnenschein gibt es auch durchaus schlimmere Beschäftigungen. Doch inzwischen ist es dunkel. Ich will laufen und ich will nach Hause.

Mit Pulli, Jacke, Warnweste und Stirnlampe in die Nacht

Meine Laufklamotten habe ich mit zur Arbeit genommen. Die Kollegen halten mich für verrückt, als ich kurz vor Feierabend umgezogen ins Büro komme. Ich checke noch kurz, ob es noch etwas zu tun gibt, dann komplettiere ich meine Ausrüstung: noch ein Pulli, eine Jacke, Warnweste, Mütze, Laufrucksack, Stirnlampe.

Und dann raus auf die Straße.

Ich laufe durch die Stadt, die mir noch fremd ist. In den letzten Tagen habe ich sie in Ansätzen kennengelernt. Ich weiß, wohin ich will, aber ich kenne den Weg nur ganz grob: Ich will zum Hengsteysee, zu den Serpentinen, die nach Dortmund-Syburg führen.

Mit gleichmäßiger Pace durch die nächtliche Stadt

Meine Pace ist angenehm. In gemütlichem Tempo verlasse ich mich auf meinen Orientierungssinn. Motivationsprobleme habe ich nicht. Das gestrige Intervalltraining auf einer gefrorenen Aschebahn war so gut, dass ich immer noch ganz beschwingt bin. Nur dir vielen Ampeln stoppen meinem Lauf immer wieder. Um mich zu vergewissern, ob ich noch richtig bin, frage ich eine Frau nach dem Weg. Sie schaut mich ungläubig an, zeigt mir dann einen Fußweg, der an einer Schnellstraße entlang führt. "Es ist aber noch ein ganzes Stück zum Hengsteysee", sagt sie. "Ich weiß. Danach muss ich aber auch noch weiter", entgegne ich und ernte einen staunenden Blick.

Nach einigen Kilometern sehe ich in der Ferne das angestrahlte Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das in Hohensyburg über der Ruhr thront. Wie ein Leuchtfeuer dient es mir als Orientierung. Endlich laufe ich über die Brücke, die zum Dortmunder Ufer des Sees führt. Vor mir: nichts. Die Serpentinen sind höchstens zu erahnen. Ich weiß, dass der Fußweg über eine Treppe im Wald führt.

Stirnlampe an und ab in den Wald

Ich knipse die Stirnlampe an und beginne den Aufstieg. Die Treppe ist steil, aber angenehm zu laufen. Nach wenigen Kehren führt der Weg zur Straße, an deren Rand ich nun bis ganz nach oben laufen werde. Ab und zu sorgen Schneereste für Abwechslung, insgesamt ist der Weg aber gut begehbar. Dank Warnweste und Lampe bin ich für die wenigen Autos, die mir entgegen kommen, gut sichtbar. Vor meinen Augen bildet der Atem im Schein der Stirnlampe schaurige Wolken.

Die Beine laufen wie ein Uhrwerk die Serpentinen hinauf. Als ich oben an der Syburger Straße ankomme, erschnüffele ich den Duft des dort ansässigen Burger-Restaurants. Am liebsten würde ich jetzt einkehren, aber es geht nicht. Ich muss weiter. Etwas mehr als elf Kilometer liegen hinter mir, mindestens fünf sind es noch bis zur Haustür. Aber ich will ja die "2" vorne stehen haben und überlege schon, welchen Umweg ich noch laufen kann.

Hundegebell aus dem Wald sorgt für Nervenkitzel

Auf der Reichsmarkstraße laufe ich weiter und erreiche den bis hierher höchsten Punkt der Strecke, um sogleich bergab ins Wannebachtal zu laufen. Instinktiv biege ich rechts ab und laufe auf der Wannestraße durchs Tal. Den Weg kenne ich vom Ruhrklippenlauf. Doch dieses Mal laufe ich noch ein Stück weiter durchs finstere Wannebachtal. Aus der Ferne höre ich aufgeregtes Hundegebell und frage mich, woher das wohl kommen mag und ob der nervöse Hund wohl ein beruhigendes Herrchen dabei hat oder vielleicht - bitte, bitte, bitte - auf einem Grundstück hinter einem Zaun bellt.

Es ist stockdunkel. Mein Blick schweift kurz zum Himmel und ich muss stehen bleiben, weil ich vom Anblick des Sternenhimmels überwältigt bin. Durch die klare, kalte Luft wirken die Sterne zum Greifen nah. Ich muss weiter, immer dem Gebell entgegen, das ich irgendwo in einem Wald verorte. Die Hoffnung auf einen Zaun, der den Hund von der Straße trennt, wächst. Ich denke an den Hund von Baskerville und an den Film "American Werwolf". Meine Beine wissen, was zu tun ist: Sie laufen einfach weiter und lassen den Kopf Kopf sein.

Auf der rechten Seite taucht ein Haus auf, dahinter liegt der Wald, aus dem das Gebell jetzt ganz nah zu mir herüber dringt. Aber es nähert sich nicht. Kein Hund zu sehen, und nach wenigen hundert Metern haben sich die Gedanken an den Vierbeiner, der da irgendwo hinter mir seinen Besitz verteidigt, in Wohlgefallen aufgelöst. Vor mir taucht ein Wirtshaus auf. Für mich das Zeichen, links abzubiegen und den steilen Aufstieg zur Wittbräucker Straße in Angriff zu nehmen.

Ab jetzt nur noch bergab

Es fällt mir schwer, im Dunkel einen Rhythmus zu finden, mit dem ich die Straße hinauffedern kann. Der Boden ist uneben und die Straße nicht durchgehend steil. Also passe ich meinen Schritt fortwährend den Gegebenheiten an, bis ich erleichtert die Lichter der Wittbräucker Straße sehe. Ab hier geht es nur noch bergab. Aber durch den Wald, immerhin aber auf Asphalt.

Mein Schritt wird schneller. Wenn das Wannebachtal finster war, ist der Wald namens Niederhofer Holz stockduster. Ich merke, dass meine Stirnlampe eher eine Funzel ist, gerade gut genug, um den Boden direkt vor meinen Füßen zu beleuchten. Fernlicht habe ich leider nicht. Das Kopfkino springt an und zeigt mir Filme von allerlei garstigen Tieren, die jederzeit aus dem Wald heraus auf die Straße springen könnten. Entsprechend schnell renne ich die Straße bergab, bis ich endlich wieder in bewohntem Gebiet bin.

Im Schein der Straßenlaternen schalte ich die Stirnlampe aus. 17,5 Kilometer habe ich, bis zur Haustür ist es nur einer. Ich beschließe, einen kleinen Umweg zu laufen, um die 20 voll zu machen. Auf meiner Hausstrecke laufe ich gemütlich nach Hause. In meiner Straße stoppe ich die Uhr und recke stolz die Arme in die Luft. Ich denke kurz zurück an die sehr abwechslungsreiche Strecke. Noch nie war ich nach einem Trainingslauf so stolz.

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