Laufblog

Tragödie beim Venloop - Der Tod läuft immer mit

Immer wieder müssen Sanitäter bei Laufveranstaltungen einschreiten.

Immer wieder müssen Sanitäter bei Laufveranstaltungen einschreiten.

Foto: Oliver Müller

Dortmund.  Laufen sei gesund, predigen Läufer und Mediziner. Und doch ist Vorsicht geboten. Wie bei Arzneimitteln macht auch beim Sport die Dosis das Gift.

Zweimal im Jahr steht die deutsche Läuferwelt kopf. Einmal am 1. August, wenn die Startplätze für den legendären Venloop vergeben werden - und dann Ende März, wenn das Laufspektakel die niederländische Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt, den man als Deutscher nur von Karnevalsumzügen kennt.

Der Venloop ist verrückt, Venlo ist verrückt. Eine ganze Stadt ist auf den Beinen und feuert Tausende von Hobbysportlern an, die zu großen Teilen mehr schlecht als recht über die 10-km- oder die Halbmarathon wetzen. Eine Unterteilung in Aktive und Passive Teilnehmer ist beim Venloop nicht möglich, denn es ist die Wechselwirkung zwischen dem Publikum und den Läufern, die dieses Ereignis so einmalig macht. Mit gebremstem Schaum zu laufen geht (fast) nicht. Techno-Beats, Blasmusik und Malle-Hits pushen die Läufer nach vorn, dazu der frenetische Jubel der Anwohner. Auf etwa 16 von 21 Kilometern ist mal mehr, mal weniger ohrenbetäubender Lärm der Begleiter der Sportler.

Venloop 2017 von Todesfall überschattet

Der Venloop ist eine riesige Läufer-Party, die sich jeder, der einen Startplatz ergattert hat, nur sehr ungern nehmen lässt. Doch der Venloop 2017 wird von einem tragischen Todesfall überschattet, der jedem Hobbysportler zu denken geben sollte, selbst wenn die Hintergründe unklar sind.

Offiziell ist nur die Information, dass ein Läufer auf der Strecke einen Herzstillstand erlitt, reanimiert werden musste und später im Krankenhaus verstarb. Den Angehörigen gilt mein herzliches Beileid.

Laufen gilt als Gesundheitssport und trotzdem gibt es kaum noch große Laufevents, bei denen nicht mindestens ein Teilnehmer stirbt (oder kollabiert bzw. reanimiert werden muss, zumindest hat der Autor dieses Textes entsprechende Ereignisse bei fast allen größeren Laufevents, an denen er teilgenommen hat, beobachtet – diese Textpassage war zuvor unklar formuliert, Anm. d. Autors). Beim Venloop ist mir einmal der Notarztwagen entgegengekommen, ein Läufer wurde unmittelbar vor mir mit der Trage in den Rettungswagen gebracht, zwei weitere am Straßenrand von Sanitätern behandelt. Übertreiben wir Amateure mit unseren Trainingsplänen und unserem privaten "Höher, schneller weiter"? Der Grat zwischen gesund und gefährlich ist offenbar auch beim Laufen schmal.

Warum lassen Läufer es immer wieder soweit kommen? Oder waren es in Venlo unglückliche Umstände, etwa das gute Wetter, das nach einem kalten Frühjahr den Läufern in Venlo zu schaffen machte? Und: Wie gefährdet bin ich selbst?

Das Alter ist kein Maßstab, ob jemand gesund genug zum Laufen ist

Mitte 20 soll der Läufer gewesen sein, dessen Herz schon bei Kilometer Fünf in Venlo versagte. Ich bin 45. Das Alter ist offenbar kein Maßstab dafür, ob ein Rennen tödlich endet. Es sind schon durchgecheckte Profi-Fußballer nach dem Training tot umgefallen, weil ihr Herz plötzlich nicht mehr wollte. Grund kann ein unentdeckter Herzfehler sein - oder eine Herzmuskelentzündung als Folge einer läppischen Erkältung. Bei verschiedenen Laufveranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe, sind Läufer zu Tode gekommen. Das hat mich sensibilisiert, und vielleicht ist meine latente Hypochondrie auch ein guter Schutz.

Ohne die näheren Umstände des Venloer Todesfalls zu kennen, mag ich auch nicht spekulieren. Ich kann nur grübeln und überlegen, ob ich immer alles tue und bisher alles mir Mögliche getan habe, um das eh schon kleine Risiko, einen Lauf nicht zu überleben, noch weiter zu minimieren.

In nicht mal mehr zwei Wochen steht der Paris-Marathon an. Um in Frankreich laufen zu dürfen, müssen die Läufer eine Bescheinigung einreichen, auf der ein Arzt versichert, dass sie an Laufveranstaltungen teilnehmen dürfen. Ich habe meinem Hausarzt im Scherz gesagt, er müsse mir bescheinigen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich auf der Strecke sterbe. Er lächelte, unterschrieb, stempelte das Papier und erzählte mir die Geschichte eines kerngesunden Patienten, der als geübter Marathon- und Ultraläufer plötzlich bei einem Halbmarathon einen Infarkt erlitt und nur mit viel Glück überlebte.

Erkältungen sind ein Risiko für Langstreckenläufer

Ich weiß durch Ultraschall und Belastungs-EKG, dass mein Herz stark und fit ist. Nach Trainingsläufen sehe ich, dass meine Pulskurve exakt der Tempokurve oder dem Geländeprofil entspricht. Aber was bringt mir das, wenn ich mir einen Tag vor dem Marathon ein Virus oder eine andere Infektion einfange und die Vorzeichen einer Erkältung ignoriere? Ich habe über Monate für diesen Lauf trainiert und die Startgebühr bezahlt. Da lasse ich doch den Marathon nicht sausen, nur weil der Hals etwas kratzt... Besser doch.

Denn auch wenn der Tod auf der Laufstrecke oftmals völlig willkürlich zuschlägt, so liegt es eben doch auch in unseren Händen, gesund im Ziel anzukommen. Dazu bedarf es schonungsloser Ehrlichkeit zu uns selbst. Bin ich wirklich gesund? Wann war ich zuletzt beim Kardiologen? Läuft die Nase wegen einer Erkältung oder ist das nur Heuschnupfen?

Reiner Selbstschutz: Vor dem Marathon werde ich zickig

Meine Familie und meine Kollegen werden bemerkt haben, dass ich in der Endphase vor Paris ziemlich zickig – um nicht zu sagen: unausstehlich – werde, wenn jemand in meiner Nähe hustet oder niest. Ich will einfach nicht, dass mich jetzt noch schnell jemand mit seinen Viren ansteckt. "Eine Erkältung ist kein Beinbruch", könnte man meinen. Doch, ist sie. Nein, sie ist tückischer. Niemand käme auf die Idee, mit einem gebrochenen Bein einen Marathon zu laufen. Aber mit einer Erkältung? Mit den geleisteten Trainingskilometern, der bezahlten Startgebühr und der gebuchten Reise im Hinterkopf fällt der gesundheitliche Selbstcheck vielleicht etwas lässiger aus. Ach, die Halsschmerzen gehen schon weg. 37 Grad sind ja noch längst kein Fieber.

Wer die Wahl zwischen Held und Weichei hat, entscheidet sich allzu oft für das Dasein als Held, den Jubel im Ziel, den Applaus der Massen. Niemand bejubelt jemanden, der am Tag des Marathons einfach im Bett bleibt, weil er eine läppische Erkältung hat. Es erfordert Mut, einen Marathon zu laufen. Es fordert noch mehr Mut, es sein zu lassen. Aber dieser Mut kann Leben retten.

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