Laufblog

Erster Start beim Triathlon: Bein oder nicht Bein?

Massenstart beim Triathlon in Kamen 2017. Unser Laufblogger (gelbe Badekappe) hat sich vorsichtshalber hinten eingereiht.

Massenstart beim Triathlon in Kamen 2017. Unser Laufblogger (gelbe Badekappe) hat sich vorsichtshalber hinten eingereiht.

Foto: Reinke

Kamen/Dortmund.  Der erste Dreiklang aus Schwimmen, Radfahren und Laufen liegt hinter unserem Laufblogger. Besonders in den Beinen wirkt der Wettkampf noch nach.

Boah, was war ich nervös. Nicht erst unmittelbar vor dem Start, sondern schon Tage, Wochen vorher. In meinem Kopf kreiste alles nur um eine Zahl: 500 Meter. Vor der Schwimmdistanz hatte ich allergrößten Respekt. Ich wusste, dass ich 24 km auf dem Rad in einer passablen Zeit würde fahren können. Und fünf Laufkilometer würde ich auch noch irgendwie überstehen.

Aber die Sache mit dem Schwimmen... Nur zwei Monate hatte ich nach dem Paris-Marathon Zeit, um schwimmen zu lernen. Ich konnte mich über Wasser halten und langsam vor mich hin planschen. Aber auf Strecke und Tempo schwimmen? No way! Zwei Monate hatte ich mich durch die Becken in Hallen- und Freibad gequält und mir selbst das Schwimmen beigebracht, bis ich es eine Woche vor dem Triathlon endlich geschafft hatte, 500 Meter am Stück sportlich (!) zu schwimmen und danach noch ein paar Bonus-Bahnen dranzuhängen, um noch etwas in Reserve zu haben.

Seepferdchen am Tag vor dem Triathlon

Am Tag vor dem Triathlon wurde es noch einmal sportlich: Kind 2 und ich machten unser Seepferdchen, was meine geplante lockere Einheit etwas verlängerte. Keine gute Voraussetzung für ausgeruhte Arme. Direkt im Anschluss ging es für entspannte 25 km aufs Rad, um das Gerät schon mal in der schwiegerelterlichen Garage in der Nähe des Triathlonstarts übernachten zu lassen.

Sonntag: Triathlon-Tag

Am Sonntag pelle ich mich nach fast schlafloser Nacht aus dem Bett. Die Anreise verläuft problemlos. Den Zeitmesschip befestige ich an meinem Fußgelenk, den kleinen Startnummeraufkleber pappe ich links an mein Fahrrad. "Ob der später wieder abgeht?", frage ich mich.

Mit dem Rad fahre ich zum Schwimmbad. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf, wie ich jetzt schon aus dem Rennen ausscheiden könnte, ohne auch nur mit Wasser in Kontakt gekommen zu sein. Vielleicht gefallen den Kampfrichtern die Hörner an meinem Lenker nicht? Oder die Halterung meines Schlosses? Meine Klingel? Sind die Lenkerenden auch verstopft? Ist mein Helm okay?

Kampfrichter kontrollieren mit strengem Blick

Beim Einchecken der Räder sind die Kampfrichter entsprechend streng und kontrollieren penibel den Sitz der Helme. Sportler, deren Kinnriemen zu locker sitzt, werden zurückgeschickt und erst zur Wechselzone vorgelassen, wenn alles regelkonform passt. Ich darf sofort passieren.

Ich suche mir für mein Rad einen Platz am Ende der Wechselzone, um nach dem Schwimmen nur kurz schieben zu müssen. Den selben Gedanken haben auch meine Freunde Eike und Daniel, mit denen ich neben der Leidenschaft für den gleichen Fußballverein auch die Freude am Laufen teile. Die beiden Kollegen schon so früh zu treffen und mit ihnen herumalbern zu können, nimmt mir viel meiner Nervosität. Bevor wir ans Becken gelassen werden, kritzelt eine Helferin noch mit einem Filzstift die Startnummer auf den linken Oberarm. Wir lästern über unsere nicht vorhandenen Schwimmkünste. Schön, dass es anderen so geht wie mir. Aus den Lautsprechern tönt der Aufruf zur Wettkampfbesprechung.

Was für ein großes Wort: Wettkampfbesprechung! Hatte ich noch nie! Ein Kampfrichter erklärt uns, worauf wir beim Schwimmen achten müssen und ich vergesse es sofort. Danach lässt er Erklärungen zur Radstrecke folgen. Soweit bin ich mental noch gar nicht. Ich bin doch froh, wenn ich überhaupt aus dem Schwimmbecken komme, möglichst nicht als Letzter und ohne Hilfe der DLRG. Er weist uns eindringlich darauf hin, dass der Wendepunkt der Radstrecke sehr knifflig ist. So ganz verstehe ich nicht, was er meint. Mein Kopf ist schon im Wasser.

1. Disziplin: das Schwimmen

Kurz darauf ist mein Kopf nicht nur tatsächlich im, sondern auch unter Wasser. Ich schwimme. Zuvor hatte sich mein kleines Grüppchen auf Bahn 5 noch beraten, wer wie schnell schwimmen könne und in welcher Reihenfolge wir starten sollten. Ich reihte mich natürlich ganz hinten ein. Und jetzt kämpfe ich mich über die 50-Meter-Bahn. Ein Kraftakt. Nach 100 Metern beginnen meine Oberarme zu glühen - Laktat. Ich schwimme mit Kopf über Wasser, um in Ruhe atmen zu können. Auf der dritten Bahn schüttele ich nur noch den Kopf und beschließe, auszusteigen. Aber da steht vor Kopf meine Frau und feuert mich an.

"Okay, aussteigen kann ich auch nach der vierten Bahn", denke ich. Ich beende Bahn Nummer Vier und denke, dass es jetzt nur noch 50 Meter bis zur Hälfte der Distanz sind. Also wende ich noch mal. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal meine Mitschwimmer mich überholen. Ich will ihnen nur nicht im Weg sein und ansonsten mein eigenes Rennen schwimmen. Vielleicht bin ich der schnellste Kopf-über-Wasser-Schwimmer, vermutlich aber auch der einzige.

Den Rhythmus im Wasser finden

Ab und zu versuche ich es wieder sportlicher und baue eine Tauchphase ein, wenn die Luft es zulässt. Halbzeit, fünf Bahnen geschafft. Meine ganz eigene Schwimm-Mathematik: Bis zur dritten Bahn ist es Quälerei, ist Bahn Nummer Vier geschafft, ist fast die Hälfte geschafft. Nach Bahn Fünf kommt schon Nummer Sechs, dann sind es nur noch vier. Vier können viel sein, aber auf einmal sind es nur noch drei. Ich wende also und schwimme zum Start/Ziel. Ich habe den Rhythmus wieder - meine Bahn ist schön leer, ich habe Platz. Bei der vorletzten Wende vergewissere ich mich bei der netten Kampfrichterin: "Noch eine Runde, woll?", frage ich. Sie stimmt zu, ich drehe. Einatmen, tauchen, Armzug, ausatmen, auftauchen, einatmen und so weiter. Die letzte Wende - ich höre schon mein Fahrrad rufen und sehe, dass meine Frau neben der Kampfrichterin steht und mich anfeuert.

Nach etwas über 14 Minuten (neue persönliche Bestzeit) erreiche ich das Ziel, hebe mich aus dem Wasser und höre jemanden sagen, dass auf einer anderen Bahn jemand noch eine Runde schwimmen muss - ich bin Vorletzter (laut Ergebnisliste waren verteilt auf zwei Läufe dann sogar drei Konkurrenten langsamer als ich)! Mission erfüllt! Ich reiße mir die Badekappe vom Kopf und werfe sie in den bereitgestellten Korb. Wohin mit meiner Schwimmbrille? Ich könnte sie einfach wie geplant mit zum Fahrrad nehmen, aber ich bin zu nervös, daran zu denken. "Wenn ich die meiner Frau gebe, ist das unerlaubte Hilfe von außen?", frage ich. "Du kannst die abgeben", sagt die Helferin. Ich schmeiße die Brille weg und laufe zum Wechsel. Unterwegs überhole ich eine Konkurrentin.

Der erste Wechsel: Rauf aufs Fahrrad

Die rund 150 Meter zu meinem Rad erledige ich im Laufschritt. Mein Atem beruhigt sich, der Puls fährt runter. Wie im Traum registriere ich, dass mein Kumpel Daniel auch noch hier ist. Ich wundere mich, dass er offenbar wirklich so langsam geschwommen ist, wie er befürchtet hatte. Ich trete auf das neben dem Fahrrad liegende Handtuch und schlüpfe sofort in das Shirt, das ich mir passend über den Lenker gelegt hatte. Daniel verabschiedet sich auf die Radstrecke.

Nachdem alles bestens geklappt hat, kommt das Wichtigste: der Helm. Ich setze den Deckel auf meinen Kopf - und kann den Kinnriemen nicht schließen. Irgendetwas blockiert. Ich rupfe und stopfe, alles erfolglos. Ich atme durch, ganz tief. Und noch einmal: einatmen, ausatmen. Helm runter, nicht wütend ins Gebüsch werfen, sondern ruhig nachsehen, was ist. Das Kinnpolster hat sich über den Verschluss geschoben. Ich öffne den Klettverschluss des Polsters, lege es erneut an. Helm auf, Riemen zu. Handtuch in die vom Veranstalter gestellte Tüte. Jetzt noch Brille auf und Radhandschuhe an.

2. Disziplin: das Radfahren

Endlich! Alles sitzt. Ich wuchte das Rad aus dem Ständer und schiebe es zum Ausgang. An der Startlinie sitze ich auf und trete los.

24 Kilometer am Anschlag. Ich überhole und überhole. Meter um Meter nehme ich der Konkurrenz ab, darunter Sportskameraden, die deutlich jünger sind als ich und zudem auf einem dieser teuren Rennräder sitzen. Das Isogetränk in meiner Trinkflasche löscht den Durst und füllt die Speicher auf, damit ich nach dem Radfahren auch noch laufen kann. Alles läuft automatisch: Schulterblick vor Überholmanövern (auf der Strecke sind ja auch noch echte Triathleten unterwegs, denen ich nicht die Zeit verderben will), treten, schalten, wenn's sein muss auch bremsen. Im ersten Kreisverkehr wird es kurz heikel, weil ich die Kurve etwas falsch einschätze, dann weiter. Als ich die Zeitmatte sehe, schwant mir, was der Einweiser vorm Schwimmen gemeint hatte. Nach der Matte kommt zwar ein Kreisverkehr, aber die Wendemarke ist davor - ein Hütchen, das wir umfahren müssen. Also: runterschalten, bremsen, um 180 Grad drehen, wieder Tempo aufnehmen, hochschalten, ab die Post!

Auf dem Rückweg kommt mir Eike entgegen, der eine Runde weiter ist als ich, und feuert mich an. Die Beine arbeiten super. Ich übehole weiter und werde selbst nur von Fahrern überholt, die allein schon vom Material her nicht in meiner Liga spielen. In der Nähe des Freibads wird wieder gewendet und es geht den Kurs auf der Westicker Straße abermals stadtauswärts.

Meine Beine machen einfach, was sie sollen und treten stetig in die Pedale. Sehr gerne wüsste ich, wie schnell ich mit einem Rennrad wäre. So fahre ich einen 30er Schnitt und bin damit wohl ganz gut im Rennen. Ich überhole weiter Menschen, die beim Schwimmen schneller waren als ich. Auf der letzten Runde nähere ich mich von hinten einem Rennradfahrer. Ich schere nach links aus und sehe beim Überholen, dass es Daniel ist. Er wirkt abgekämpft, ich fühle mich fit. Ein letztes Mal wenden, auf dem Weg zur Laufstrecke sehe ich Daniel auf der Gegenfahrbahn und feuere ihn kräftig an. Dann biege ich ab zur zweiten Wechselzone.

3. Disziplin: der Lauf

An der roten Stopp-Linie steige ich ab. Nette Helfer sind sofort da und nehmen die Räder entgegen, um sie zur Sammelstelle zu bringen. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll. Mein Fahrrad ist weg, der Helm noch auf meinem Kopf. Ich jogge durch die Wechselzone zu meiner Startnummer, die auf dem Boden liegt. Ich habe überhaupt keine Orientierung. Ein Helfer sagt, ich solle meinen Helm ablegen, ich suche die Tasche, in der mein Handy ist. Der Helfer feuert mich an: "Du hast schon Laufschuhe an, also hau ab!" - "Wo ist meine Tasche?", frage ich. - "Bestimmt beim Fahrrad", antwortet er. Mein Kopf ist allerdings so leer, dass ich nicht verstehe, was er meint. Tasche, Fahrrad, Handy - alles zu viel. Ich laufe. erst viel später wird mir klar, dass ich gerade an der Stelle vorbeigelaufen war, an der ich meine Laufschuhe deponiert hätte, wenn ich nicht schon mit ihnen aufs Rad gestiegen wäre.

Fünf Kilometer bis zum Ziel. Es geht auf Rasen über den Sportplatz zur Straße, wo auch schon eine Verpflegungsstation aufgebaut ist. Ich kippe einen Becher Wasser in mich hinein, zwei in meinen Nacken. Dann laufe ich. Es geht sogar besser als ich dachte. Ganz so eirig fühlt es sich nicht an. Ich achte nicht auf meine Pace, sondern versuche, mich in einer Art Wohlfühltempo einzurichten, das ich bis zum Ziel halten kann. Ich rupfe die Laufhandschuhe von den Händen und überreiche sie wie zuvor die Schwimmbrille meiner Frau.

Überholen und überholt werden

Auf der Strecke überhole ich weitere Konkurrenten, werde aber auch zurücküberholt. Irgendwann überrundet mich Eike, der schneller geschwommen und gefahren ist als ich. Wir klatschen uns kurz ab. Ich weiß, dass Daniel nicht allzu weit hinter mir sein muss und ein wesentlich schnellerer Läufer ist als ich. Also bereite ich mich darauf vor, bald von ihm überholt zu werden. Auf eine Tempoverschärfung verzichte ich, obwohl ich zwei Kilometer vor dem Ziel die nötigen Reserven hätte. Aber mein Kopf ist leer, ich will nur noch ankommen. Etwa anderthalb Kilometer vor dem Ziel überholt Daniel, wir wünschen uns alles Gute und laufen weiter. Ohne Orientierung - ich habe immer Probleme, Rundkurse, die mehrmals durchlaufen werden müssen, bevor man ins Ziel abbiegen darf, zu verstehen - laufe ich weiter. Als meine Uhr sagt, dass ich fast fünf Kilometer voll habe, glaube ich ihr einfach und laufe ins Ziel.

Ins Ziel! Bei meinem ersten Triathlon! Ich glaube, ich habe nicht mal die Arme hochgerissen. Mein Kopf - so leer. Daniel, Isogetränke, meine Frau, Eike, Bratwurstduft - alles verschwimmt. Mental bin ich total hinüber, mehr als nach jedem meiner bisherigen Marathons. Ich kann nicht mal jubeln. Aber ich bin unfassbar stolz. Mit 1:35:50 habe ich fürs Debüt sogar eine passable Zeit hingelegt.

Fazit: Bein oder nicht Bein, das ist hier die Frage

Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig Genugtuung empfand, als ich beim Radfahren Sportler überholte, die im Triathlon-Einteiler auf dem Rennrad unterwegs waren, während ich mit billiger Tri-Hose sowie normalem Laufshirt und -schuhen unsportlich aufrecht auf meinem Trekkingrad saß. Triathlon ist auch ein Materialsport, bei dem Kleidung und Fahrrad zwischen zwei gleichstarken Sportlern den Unterschied ausmachen können. Letztlich machen aber nicht die Kleider den Sportler, sondern die Beine und da sind meine zum Glück nicht so schlecht.

Ich bin froh, mich in dieses Abenteuer gestürzt und schwimmen gelernt zu haben. Wieder einmal habe ich viel gelernt, beispielsweise, dass ich mich aufraffen kann, morgens vor der Arbeit ins Schwimmbad zu gehen. Auf die Idee, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, wäre ich ohne den Triathlon vielleicht auch nicht gekommen. Allein dafür hat es sich gelohnt.

Ob ich noch einmal bei einem Triathlon starten möchte? Mal sehen. Hamburg soll ja ganz nett sein. Ich habe vorhin mal nach Rennrädern gegoogelt...

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik