Interview

Was Schalkes Ausbilder Norbert Elgert jungen Spielern rät

Norbert Elgert.

Foto: firo

Norbert Elgert.

Gelsenkirchen.  Am Sonntag treffen die U19-Teams von Schalke 04 und Borussia Dortmund aufeinander. Vorher verrät Norbert Elgert im Interview, wie man Profi werden kann, was er über junge Trainer denkt – und was er noch plant.

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Ralf Fährmann sieht Norbert Elgert, strahlt und bittet um Entschuldigung, weil er das Interview kurz unterbrechen möchte. Dann ruft der Torhüter und Kapitän der Bundesligamannschaft des FC Schalke 04 laut „Trainer!“ und drückt Norbert Elgert herzlich. Gestandene Profis wie Fährmann sind ihrem früheren Ausbilder dankbar. Dem Schalker A-Juniorentrainer steht am Sonntag mit seiner U19 ein wichtiges Bundesligaspiel bevor, das Revierderby gegen Borussia Dortmund (11 Uhr, Platz an der Gesamtschule Ückendorf). Schalke ist Erster, der BVB punktgleicher Zweiter, hat aber bereits ein Spiel mehr. Es geht also um die Spitze. Für Norbert Elgert aber geht es bei seiner Arbeit grundsätzlich um ganz viel mehr.

Fühlen Sie sich eigentlich unter Druck gesetzt?

Norbert Elgert: Wenn, dann nur von mir selbst. Warum fragen Sie?

In den vergangenen Jahren haben Spieler wie Mesut Özil, Manuel Neuer, Julian Draxler und Leroy Sané Schalke 04 verlassen, weil sie den nächsten großen Karriereschritt machen wollten. Jetzt geht Leon Goretzka, vielleicht auch Max Meyer. Und alle Schalker hoffen, dass Norbert Elgert wie in den Jahren zuvor weitere Top-Talente nachliefert. Sie haben den Verein verwöhnt…

Norbert Elgert: Wir alle gemeinsam vielleicht, ich betone: Die Knappenschmiede ist alles andere als eine One-Man-Show. Wir dürfen uns bei unserer Arbeit auf keinen Fall unter Quotendruck setzen lassen. Wir bilden nachhaltig aus, und es wird uns immer wieder gelingen, dass es Spieler nach oben schaffen. Ob das bei veränderter Konkurrenz weiterhin so häufig gelingen wird, weiß ich nicht. Aber ich bin da optimistisch.

Warum ist das so schwer zu prognostizieren?

Norbert Elgert: Es ist so viel in Bewegung. Monaco hat für einen 16-jährigen Jungen aus Italien 25 Millionen Euro bezahlt. Die Bayern mischen immer mehr mit, und Leipzig hat im gesamten Jugendbereich in Deutschland mit Abstand die meisten Nationalspieler. Das sind nur einige von vielen Beispielen. Entscheidend bleibt aber die Frage: Wer kommt da raus und schafft es in den Profi-Kader?

Wie ist der aktuelle Stand auf Schalke? Gibt es A-Junioren, denen Sie den Sprung zu den Profis zutrauen?

Norbert Elgert: Hier halte ich mich, wie in der Vergangenheit, mit Prognosen zurück. Zum einen, um den Druck auf die Spieler nicht zu früh zu erhöhen. Zum zweiten, weil ich es mir nach wie vor nicht zutraue zu sagen: Der kommt definitiv durch. Da muss vieles zusammenkommen. Aber wir haben Spieler, die es schaffen können. Wir alle arbeiten an einem Ziel: So viele Spieler wie möglich aus den eigenen Reihen nach oben zu bringen. Das ist unsere Primäraufgabe.

Zu Ihrem 60. Geburtstag vor einem Jahr gab es Video-Botschaften von Neuer, Draxler, Özil, Höwedes - lauter Weltmeister. Und der einhellige Tenor war: Danke, dass Sie uns den Weg in den Profifußball geebnet haben. Das tut sicher gut.

Norbert Elgert: Ja klar. Zum 60. war das schon sehr speziell, da kamen so viele Gratulanten zusammen – von Weltmeistern bis hin zu Spielern, die heute keiner kennt. Ich habe mich über jeden Einzelnen gefreut.

Alle sprechen auch in großer Hochachtung von Ihnen, weil Sie ihnen mehr mit auf den Weg gegeben haben als Technik und Taktik.

Norbert Elgert: Wir Trainer im Allgemeinen und Ausbilder im Speziellen müssen in dieser Hochgeschwindigkeitswelt, in der man kaum noch Zeit füreinander hat und ausschließlich der Erfolg im Vordergrund steht, mehr als nur Trainer von Technik, Taktik und Kondition sein. Mehr denn je ist es unsere Pflicht, wichtige Werte wie Respekt, Demut, Integrität, Ehrlichkeit und Dankbarkeit zu vermitteln. Dazu gehört auch Teamfähigkeit. Der Trainer von heute muss Coach, Ausbilder, Pädagoge, Psychologe und vieles mehr sein. Ich sehe mich auch ein klein wenig als Lebenslehrer.

Ist das der Grund dafür, dass Sie mit einer kurzen Ausnahme nie in den Profibereich gewechselt sind?

Norbert Elgert: Ja, auch, ich finde für mich persönlich mehr Sinn in der Ausbildung und Förderung junger Menschen. Der Mensch wird ja nur etwas durch die Aufgabe, die er zu der seinen macht.

Wie können junge Spieler lernen, mit dem Hype umzugehen, der um sie herum veranstaltet wird? Ist es nicht fast logisch, dass manch einer die Bodenhaftung verliert bei all dem Geld und dem frühen Ruhm?

Norbert Elgert: Ich glaube, dass hier vor allem nach wie vor die Eltern gefragt sind. Aber auch wir haben einen gewissen Einfluss. Das Fundament entscheidet über die spätere Stabilität. Es ist in der Tat schwer, auf dem Boden zu bleiben, wenn du dir in dem Alter schon alles erlauben kannst, was Generationen häufig vorher nie konnten.

Wie kann der junge Spieler diese Balance finden?

Norbert Elgert: Durch Demut. Du musst früh verstehen, dass du kein Held bist, nur weil du als Teenager Autogramme schreiben darfst und mehr Geld verdienst als andere. Die Spieler müssen begreifen, dass Geld, Ruhm und Status sie nicht über andere Menschen erheben. Ein Beispiel ist der respektvolle Umgang mit unserem Reinigungspersonal. Das bedeutet, die Kabine nach Training und Spiel halbwegs besenrein zu hinterlassen.

Die Spieler müssen selbstbewusst sein. Aber die Grenze vom Selbstbewusstsein zur Arroganz kann schmal sein.

Norbert Elgert: Arroganz ist meistens eine Schwäche. Selbstbewusstsein ja, unbedingt. Ohne Selbstvertrauen hast du keine Chance. Man sollte jedoch nie arrogant sein. Warum auch?

Ralf Fährmann hat erzählt, dass er als A-Jugendlicher mal eine neue Frisur ausprobieren wollte, Sie ihm aber gesagt haben, er solle lieber durch Leistung auffallen. Sind die jungen Profis von heute zu sehr Selbstdarsteller?

Norbert Elgert: Heutzutage wird Individualität zu sehr über Äußerlichkeiten wie zum Beispiel Schuhfarben definiert. Die Spieler müssen wissen, dass das nicht wirklich wichtig ist. Auch über solche Dinge sprechen wir natürlich mit ihnen.

Die Spieler präsentieren auch in den sozialen Medien ihre Tattoos, Frisuren, Mode, Autos – in dieser ausgeprägten Form gab es das früher nicht. Werden damit auch für Sie die Anforderungen größer?

Norbert Elgert: Ja, aber wir wollen ja auch gefordert werden, denn wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Man muss nicht alles toll finden, doch es ist wichtig, die Jungs zu verstehen. Aber wir achten darauf, dass dabei Werte wie ein respektvolles Miteinander nicht auf der Strecke bleiben. Früher Ruhm und Reichtum führen häufig zu aufgeblasenen Egos. Sich in dem Alter aber alles schon leisten zu können, ist eher motivationstötend. In England verdienen Nachwuchsfußballer teilweise 30 000 bis 50 000 Euro – im Monat. Wenn du so früh so viel Geld zur Verfügung hast, wie soll dann der Erfolgshunger erhalten bleiben? Manuel Neuer und Benedikt Höwedes, spätere Weltmeister, hatten monatlich ein paar Hundert Euro Taschengeld.

Ist also Einstellung sogar wichtiger als Talent?

Norbert Elgert: Absolut. Einstellung ist alles. Talent wird überschätzt. Talent ist Grundvoraussetzung, ohne Talent geht nichts, aber Talent stellt dich nur in die Tür. Charakter, Einstellung und Fleiß bringen dich hindurch.

Cheftrainer kommen und gehen auf Schalke, Sie machen seit Jahren weiter Ihren Job. Sie haben mal gesagt, Sie könnten Ihre Arbeit nicht ständig von neuen Cheftrainern abhängig machen.

Norbert Elgert: Ich muss im Kopf unabhängig bleiben, ich darf nicht denken: Bloß nicht anecken! Integrität heißt für mich, das Richtige zu tun, egal wer dir dabei zuschaut. Ich glaube von dem, was ich mache, etwas zu verstehen. Es geht zum Beispiel nicht, wenn über meinen Kopf hinweg U19-Spieler zu den Profis ins Training geholt werden, ohne dass es aus meiner Sicht sinnvoll wäre. Das ist aber zurzeit nicht der Fall.

Es war aber mal so.

Norbert Elgert: Das ist schon mal vorgekommen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Domenico Tedesco?

Norbert Elgert: Es ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt. Domenico ist menschlich und fachlich top und sehr kommunikativ.

Hat Schalke also endlich den passenden Profi-Trainer gefunden?

Norbert Elgert: Ich würde mir wünschen, dass er auch dann breite Unterstützung erhält, wenn es mal nicht so toll läuft. Man hat es ja kürzlich erst wieder in Stuttgart gesehen: Hannes Wolf steigt mit dem VfB auf, alle Welt lobt ihn, dann kommen die ersten Schwierigkeiten, und: zack, weg ist er!

Also gelten auch für die hochgelobten jungen Trainer die alten gnadenlosen Gesetze der Branche.

Norbert Elgert: Ja, weil sich Angst in den Vereinen zu schnell verbreitet. Angst ist wie ein Flächenbrand. In der Angst macht man aber die größten Fehler. Wenn ich meine, den Richtigen zu haben, dann gehe ich mit ihm auch mal durch schwere Zeiten.

Mehmet Scholl hat die jungen Trainer kritisiert: Heutzutage würde zu viel Wert auf Systeme gelegt, dringend nötige Individualität dürfe nicht unterbunden werden.

Norbert Elgert: Ich schätze ihn sehr, aber Verallgemeinerungen sind nie sinnvoll. Ich kann ihm nur empfehlen, sich mal mit Domenico Tedesco, Julian Nagelsmann, oder Hannes Wolf auszutauschen. Das sind alles Top-Trainer. Wobei die Klasse eines Trainers altersunabhängig ist. Irgendwo hat Mehmet Scholl aber auch Recht.

Womit?

Norbert Elgert: Das Team ist wichtig, aber ein Spieler muss auch seine Stärken entfalten können. Wir haben zum Beispiel zu Max Meyer gesagt: Eins gegen eins ist eine Deiner Stärken. Finde nur die richtige Mischung zwischen Dribbeln und Passen. Und zu Leroy Sané: Geh immer wieder ins Dribbling – sei mutig und habe keine Angst, den Ball zu verlieren. Wir würden einen Riesenfehler machen, wenn wir dem Dribbler das Dribbling verbieten würden. Wir brauchen Individualisten auf dem Platz. Die Spielidee und der Matchplan sind von großer Bedeutung, dürfen aber Kreativität, Intuition und Mut zum Risiko nicht einschränken. Ich glaube, auch das meint Mehmet Scholl.

Sie sind 61 Jahre alt und seit vielen Jahren erfolgreich. Was haben Sie noch vor?

Norbert Elgert: Weiterhin jeden Tag der Beste zu sein, der ich sein kann. Ansonsten bin ich einfach glücklich mit meiner Familie und dankbar für mein bisheriges Leben.

Das ist Norbert Elgert 

Norbert Elgert, 61 Jahre alt, ist gebürtiger Gelsenkirchener und gelernter Schornsteinfeger. 1975 wurde er Profi auf Schalke, nach nur drei Bundesliga-Einsätzen wechselte er für drei Jahre zu Westfalia Herne, bevor er 1978 zurückkehrte und noch 74-mal für Schalke spielte. VfL Osnabrück und SG Wattenscheid 09 waren weitere Profistationen.

U19-Trainer auf Schalke ist Norbert Elgert seit 1996 – mit einer kurzen Unterbrechung: 2002/2003 war er Co-Trainer von Frank Neubarth bei den Schalker Profis. Dreimal wurde Elgert mit Schalkes U19 Deutscher Meister: 2006, 2011, 2015. Vom DFB wurde er 2013 als „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet. Es gibt sogar einen „Norbert-Elgert-Fanclub“.

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