Schalke-Interview

Neururer nach Schalkes Derby-Pleite: "Da bin ich fast vom Stuhl gefallen"

Lesedauer: 6 Minuten
Ex-Bundesligatrainer Peter Neururer.

Ex-Bundesligatrainer Peter Neururer.

Foto: Thorsten Tillmann / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Nach und vor dem Revierderby sorgten Proteste einiger Schalke-Fans für Schlagzeilen. Peter Neururer übt harte Kritik am Vorgehen der Gruppen.

Zwölf Spiele sind es noch in der Fußball-Bundesliga-Saison 2020/2021. Schalke hat nur neun Punkte und ist neun Zähler von Relegationsplatz 16 entfernt. Die optimistischsten Fans unter den Schalke-Anhängern glauben wohl immer noch an ein sportliches Wunder und den königsblauen Bundesligaverbleib.

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Einer, der schon so lange im Geschäft ist und fast alles miterlebt hat, glaubt nicht mehr daran. "Wer daran wirklich noch glaubt, ist der größte Träumer auf der Erde", betont Ex-Bundesligatrainer Peter Neururer (65), der auch Schalke-Vereinsmitglied ist, im Interview mit dem Fußballportal Reviersport.

Peter Neururer, Sie haben vor dem Revierderby am Samstagabend noch eine Runde mit Ihrer Harley Davidson ums Ruhrgebiet gedreht. Welche Gedanken hatten Sie vor dem Derby?

Peter Neururer: Ich habe vor dem Spiel auf meiner Harley die frische Luft getankt und war wirklich hoffnungsvoll. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich mir auch einredete, dass es ein Derby ist, ein Spiel, das seine eigenen Gesetze hat. Eben diese ganzen Floskeln. Nach dem Spiel war mir klar, dass ich auch bisschen blöd gewesen bin (lacht).

Was ging in Ihnen nach den 90 Minuten vor?

Neururer: Innerlicher Frust, komplette Enttäuschung. Dortmund ist auf jeder Position besser besetzt. Schalke hatte keine Chance, obwohl Dortmund gar nicht in Bestform war. Das war einfach einem Bundesliga-Duell, allen voran einem Derby, unwürdig.

Ähnlich haben es wohl auch einige Schalke-Fans empfunden. Sowohl nach als auch schon vor dem Spiel gab es nicht so schöne Szenen...

Neururer: Als ich das gesehen und gelesen habe, da bin ich fast vom Stuhl gefallen. Da hört der Spaß bei mir auf. Was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht, ist mir ein Rätsel. Wo kommen wir denn hin, wenn wir anfangen, anderen Menschen zu drohen und Angst zu machen. Wo sind wir denn hier? Unfassbar. Das ist kriminell, was da vor dem Spiel passiert ist. Und auch nach dem Spiel: da versuchen einige die Arena zu stürmen - Wahnsinn.

Können Sie die Enttäuschung irgendwo verstehen?

Neururer: Nein, so nicht! Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das für mich keine Fans sind. Das sind Kriminelle, die einfach nur Randale suchen und wohl unglücklich mit ihrem Leben sind. Meistens sind das ja die Ultras. Klar, sie machen schöne Choreographien und sorgen für eine gute Stimmung - alles gut. Aber sie dürfen sich doch nicht das Recht herausnehmen und die Spieler und die Verantwortlichen angreifen und ihnen zu drohen. Das überschreitet das Verständnis von einem Fan-Dasein. Da muss die Polizei eingeschaltet werden.

Darauf haben die Verantwortlichen um Jochen Schneider beim Besuch der "Gelsenzene" im Mannschaftshotel verzichtet.

Neururer: Ja, das habe ich auch gelesen. Das zeigt für mich nur die Schwäche des Vereins. Es geht nicht, dass diese Chaoten stärker als der Verein sind. So dass die Verantwortlichen plötzlich Angst haben müssen, die Polizei zu rufen, damit die Sache nicht eskaliert. Das geht schlichtweg nicht und hat nichts im Fußball zu suchen! Hier werden dermaßen die Grenzen überschritten - unglaublich. Ich frage mich auch, was diese Leute mit diesen Aktionen erreichen wollen. Sie sind ja angeblich Fans und wollen dem Verein helfen. Damit? Den Spielern Angst einzujagen und zu drohen? Glauben diese Leute wirklich, dass die Mannschaft dann besser spielt? Das bewirkt doch nur das Gegenteil.

Glauben Sie, dass diese Mannschaft den Klassenerhalt noch schaffen kann?

Neururer: Nein, das ist völlig unrealistisch. Wer daran wirklich noch glaubt, ist der größte Träumer auf der Erde. Schalke muss in den Spiegel schauen und zusehen, dass die Saison 2021/2022 in der 2. Bundesliga geplant wird. Man darf nicht noch mehr Zeit verlieren. Es sind so viele Fehler in der Vergangenheit passiert und das alles ist die Rechnung dafür.

Welche Fehler waren es Ihrer Meinung nach?

Neururer: Das alles begann mit dem Trainer Felix Magath und dem Manager Felix Magath. Er hat Fehler gemacht, die er nicht mehr kompensieren konnte bis es eskalierte und er Schalke verließ. Er hinterließ einen Scherbenhaufen. Und die Situation wurde dann von Jahr zu Jahr schlechter. Auch als Schalke Vizemeister unter Domenico Tedesco wurde und Champions League spielte, war es alles andere als rosig auf Schalke. Da wurde vieles nur kaschiert. Die über Jahre gewachsene Blindheit von Personen, die die Situation nicht richtig einschätzen und analysieren konnten, haben den Verein in diese katastrophale Lage geführt. Die ärmste Sau von allen ist eigentlich Jochen Schneider. Als er kam, war schon vieles kaputt. Aber er muss jetzt den Kopf dafür hinhalten.

Was muss auf Schalke jetzt passieren?

Neururer: Es müssen so schnell wie möglich klare Linien geschaffen, Personalfragen beantwortet werden. Wer ist für welche Aufgabe zuständig? Welche Spieler werden verkauft, um Transfererlöse zu erzielen? Wen wollen wir halten, mit wem wollen wir verlängern? Wen holen wir? Was wollen wir überhaupt für eine Mannschaft aufbauen, welche Ziele soll dieses Team verfolgen? Das sind jetzt Fragen, die beantwortet werden müssen. Die Planungen für die 2. Bundesliga müssen schleunigst aufgenommen werden.

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