Interview

Fußballfan Rütter: Warum es Hunden egal ist, wer Derbysieger ist

Zwei Freunde müsst ihr sein: Martin Rütter und seine Emma, ein Australian-Shepherd-Mix.

Zwei Freunde müsst ihr sein: Martin Rütter und seine Emma, ein Australian-Shepherd-Mix.

Gelsenkirchen/Köln.   Vor dem Derby Schalke gegen den BVB spricht Martin Rütter im Interview über Hund Cando und das, was Hundetrainer und Fußballtrainer eint.

Was haben Hunde und Fußball schon miteinander zu tun? Eine ganze Menge, sagt Martin Rütter. Der 48-Jährige ist der Mann, dem die Hunde vertrauen. Seine TV-Show „Der Hundeprofi“ glänzt mit Topquoten. Als Tierpsychologe und Hundetrainer füllt der gebürtige Duisburger mit seinem aktuellen Programm „Freispruch“ außerdem eine Halle nach der anderen. Im Interview mit WAZ auf Schalke spricht Martin Rütter über den Hundebiss in Friedel Rauschs Hintern, Schäferhund Cando und über das Revierderby am Samstag.

Martin Rütter, Ihr Hund heißt Emma – wie das Maskottchen von Borussia Dortmund. Zufall, oder?

Martin Rütter: Emma steht wirklich in keiner Verbindung zum BVB. Als Kind habe ich in Schalke-Bettwäsche geschlafen. Schuld war ein gewisser Stürmer namens Klaus Fischer. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mir die Schulter oder das Steißbein geprellt habe, weil ich ständig diese Fallrückzieher trainiert habe. Als Klaus Fischer zum 1. FC Köln gewechselt ist, bin ich quasi mit ihm gegangen und dann beim FC hängengeblieben. Aber natürlich ist Schalke noch in meinem Herzen.

Wer ist aktuell Ihr Lieblingsspieler auf Schalke?

Rütter: Auch wenn Torwart gar nicht meine bevorzugte Position ist, imponiert mir Ralf Fährmann sehr. Er hat sich nicht nur als Keeper, sondern auch als Mensch sehr gut entwickelt, er ist sehr erwachsen geworden. Ralf Fährmann kann unabhängig von seiner Leistung im Tor auf Schalke eine richtige Galionsfigur werden.

Als Hundetrainer haben Sie sicher noch das Bild vor Augen, als Schalkes Friedel Rausch 1969 im Revierderby gegen den BVB von einem Hund in den Hintern gebissen wurde.

Rütter: Na klar. Ein Bild, das ich nie vergessen werde. Ich kann die Schalke-Fans beruhigen: der Hund war nicht parteiisch, weil er einen Spieler im blauen Trikot gebissen hat (lacht). Der Polizeihund war, wie viele Polizeihunde auch heute, einfach nicht gut genug ausgebildet. Viele Polizeihunde sind in Stresssituationen total überdreht. Sie werden mit Hilfe von Beutefangspielen ausgebildet und lernen dabei, alles was sich hektisch bewegt, zu attackieren. So war es auch bei Friedel Rausch. Aber er muss zumindest ein sehr dynamischer Spieler gewesen sein, sonst hätte der Hund ihn nicht in den Hintern gebissen. Einem Stehgeiger wie Toni Polster wäre das nicht passiert.

Der wohl bekannteste Hund im deutschen Fußball ist aber wohl Cando, der Schäferhund von Jupp Heynckes. Als Heynckes 2017 erneut Trainer von Bayern München wurde, sagte er öffentlich: „Dann hat Cando zweimal gebellt, und dann war das Ding in trockenen Tüchern.“

Rütter: Eine tolle Geschichte war das. Cando hat also Meisterschaften entschieden. Aktuell wird es aber so sein, dass Jupp seinem Cando gerade immer einen dicken Knochen hinwirft, damit er bloß nicht wieder anfängt zu bellen. Oder er zieht den Telefonstecker raus, sodass Uli Hoeneß ihn bloß nicht mehr erreichen kann. Spaß beiseite: Wir haben immer mal wieder Kontakt, ich schätze Jupp wirklich sehr und bin mir ziemlich sicher, dass er es auch so meinte, wie er es gesagt hat. Der Wechsel war für ihn erst perfekt, als Cando gebellt hat.

Inwiefern?

Rütter: Jupp Heynckes und seine Familie besitzen eigentlich schon immer Hunde, er hat eine unglaublich enge Bindung zu seinen Tieren. Cando ist im Hause Heynckes ein vollwertiges Familienmitglied – und die werden eben in wichtige Entscheidungen mit einbezogen. Ich fahre auch ständig mit dem Auto, obwohl ich besser mit dem Flugzeug reisen könnte, damit meine Emma mich begleiten kann. Hotels suche ich danach aus, wo die beste Grünanlage in der Nähe ist. Emma gehört einfach zu mir. So wie Cando zu den Heynckes’.

Das sagt Martin Rütter über Schalkes Hundebesitzer 

Auch viele S04-Spieler wie Weston McKennie, Daniel Caligiuri, Bastian Oczipka und Franco Di Santo sind auf den Hund gekommen. Ist es gut für Fußballprofis, wenn Sie nach einem Spiel nach Hause kommen und dort ein Hund auf sie wartet?

Rütter: Das ist total gut. Allerdings muss den Fußballprofis bewusst sein, dass die sehr ernstzunehmende Betreuung eines Hundes allein schon wegen der vielen Reisen wohl an der Frau hängenbleibt. Hunde sehen ihren Menschen zwar nicht als Hund an, aber er ist ihnen genauso wichtig wie ein Rudelmitglied. Das kann kein anderes Tier. Und dem Hund ist es ganz egal, ob du gerade Weltmeister geworden bist, als Derbysieger nach Hause kommst, oder mit deinem Verein abgestiegen bist. Ich kann einige Beispiele nennen.

Das wäre schön...

Rütter: Toni Kroos ist ein Freund von mir. Von ihm weiß ich, dass er, wenn er nach Hause kommt, sich als erstes auf den Teppich legt und seine beiden Beagle über ihn herfallen. Oben drauf sitzen manchmal auch noch seine Kinder. Ein Hund erdet dich, ‘down to earth’, sage ich immer. Oder Jürgen Klopp. An der Seitenlinie ist er ein Vulkan. Von ihm weiß ich, dass ihn nichts mehr erdet und entspannt als ein Wald-Spaziergang mit seinem Hund. In der Scheinwelt, in der Spieler und Trainer zu Hause sind, bei dem Druck, den sie haben, ist ein Hund sehr wohltuend.

Franco Di Santo veröffentlicht fast täglich Fotos oder Videos von seinem Hund. Es gibt sogar Hunde von Fußballern, die eigene Accounts und Tausende von Fans haben.

Rütter: Wenn man das alles mit einem Augenzwinkern sieht, finde ich das lustig. Gegen ein Foto, auf dem der Hund von Di Santo mal eine Schalke-Mütze trägt, habe ich nichts. Wenn Hunde allerdings ständig in Hundetrikots gezwängt werden, auf Fanmeilen rumlaufen oder auf dem Oktoberfest Dirndl tragen müssen, dann ist das nicht meine Welt. Deshalb verfolge ich diese Internetkanäle auch nicht so intensiv und beteilige mich auch selbst nicht daran.

Mit diesem BVB-Idol ist Martin Rütter befreundet 

Gibt es eigentlich Parallelen zwischen dem Hundetrainer und dem Fußballtrainer?

Rütter: Absolut. Jeder Hund für sich ist eine eigene Persönlichkeit, ein individueller Charakter mit Stärken und Schwächen. Das sind die Spieler in einer Mannschaft auch. Ein Fußballtrainer muss, unabhängig von seiner fachlichen Kompetenz, die Strukturen seines Rudels erkennen. Es gibt Alpha-Tiere, Einzelgänger und auch Omega-Tiere, die in der internen Hierarchie an letzter Stelle stehen – identisch zu einem Hunderudel. Ein guter Trainer erkennt die Hierarchien und reagiert entsprechend. Es geht dabei auch um die Ansprache. Nach den schlechten Ergebnissen zu Saisonbeginn ist es wahrscheinlich genau das, was Domenico Tedesco den Job gerettet hat. Die Spieler folgen ihrem Trainer trotzdem, das erkennt man. Er hat ein gutes Gespür, welche Spieler an der langen Leine geführt werden muss, wer an die kurze Leine muss und wer auch freilaufen darf. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich Schalke erfolgreich trainieren könnte.

Das Trainerduell am Samstag heißt Domenico Tedesco gegen Lucien Favre. Wie lautet Ihr Derby-Tipp?

Rütter: BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel ist ein Freund mir. Aber ich mag eben auch Schalke sehr. Ich wünsche mir ein aufregendes Spiel und ein Unentschieden mit vielen Toren.

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