Schalke 04

Als Schalke um den Meistertitel spielte und den DFB-Pokal holte

Großer Empfang in Gelsenkirchen. Von links erkennt man: Betreuer Ede Lichterfeld, Norbert Nigbur, Rolf Rüssmann und Klaus Scheer mit dem Pokal sowie Helmut Kremers.

Großer Empfang in Gelsenkirchen. Von links erkennt man: Betreuer Ede Lichterfeld, Norbert Nigbur, Rolf Rüssmann und Klaus Scheer mit dem Pokal sowie Helmut Kremers.

Foto: Foto / Imago

Gelsenkirchen.  1972 gewann „die beste Mannschaft, die Schalke je gehabt hat“, den DFB-Pokal. Der Zusammenhalt der verbliebenen Helden ist noch heute einmalig.

Erlkönig? Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland? Und all die anderen Klassiker aus grauer Schulzeit – alles vergessen. Aber die Namen der elf Spieler des FC Schalke 04, die am 1. Juli 1972 durch ein 5:0 im Endspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern Deutscher Pokalsieger wurden, betet ein jeder S04-Fan, der damals schon auf der Welt war, fehlerfrei im Schlaf herunter. „Das war die beste Mannschaft, die Schalke jemals gehabt hat“, behauptet Klaus Fischer, einer der königsblauen Leistungsträger zu jener Zeit, auch heute noch mit dem zeitlichen Abstand von 47 Jahren.

Ein Torjäger wie Klaus Fischer, er hätte heutzutage einen Marktwert im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich und wäre nur von den ganz großen Weltklubs zu bezahlen. Die Summen von damals waren wesentlich bescheidener, wenngleich die Schalker Top-Spieler der 1970er-Jahre im Vergleich zur Rest-Bevölkerung auch schon ganz ordentlich verdient haben. Aber was den königsblauen Akteuren aus jener Zeit als nachhaltige Erinnerung geblieben ist, sind keine Geldscheine, sondern Werte, die auf keinem Bankkonto eingezahlt werden können.

Wir kennen uns seit 1971 und sind seitdem befreundet“, sagt Klaus Fischer. Und Erwin Kremers, der legendäre Linksaußen, ergänzt: „Es sind ja nicht nur die Spieler, die immer noch etwas gemeinsam unternehmen. Auch die Ehefrauen und Kinder pflegen den Kontakt untereinander. Das gibt es meines Wissens in keinem anderen Verein.“ Über den Schalker Golfkreis engagieren sie sich für karitative Zwecke in Gelsenkirchen. Jährlich kommen so etwa 120.000 Euro zusammen.

Zwei verpasste Meisterschaften trüben

Klaus Fischer wechselte 1970 vom TSV 1860 München nach Gelsenkirchen. Norbert Nigbur, Jürgen Sobieray. Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann, Stan Libuda, Herbert Lütkebohmert, Heinz van Haaren und Klaus Scheer trugen zu der Zeit bereits königsblau. Ein Jahr später stießen auch die Kremers-Zwillinge Erwin und Helmut sowie Hartmut Huhse hinzu, zwei weitere Jahre danach Rüdiger Abramczik.

Der 14. August 1971 gilt als Geburtsstunde der grandiosen Schalker Mannschaft. Am ersten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison musste sie bei Hannover 96 antreten. Es war gleichzeitig das erste Spiel unter dem legendären Ivica Horvat als Trainer. „Er war früher jugoslawischer Nationalspieler und auch schon aufgrund seiner stattlichen Größe von 1,95 Metern eine Respektsperson.“ Die Schalker gerieten in Hannover mit 0:1 in Rückstand, gewannen aber noch mit 5:1. Viermaliger Torschütze: Klaus Fischer.

Bis zum letzten Spieltag hatten die Schalker die Chance, den achten Deutschen Meistertitel nach Gelsenkirchen zu holen. Ein Sieg zum Saisonabschluss im direkten Duell, im „Endspiel“ beim Rivalen FC Bayern München, und die Schale wäre in Schalke gelandet. Die Knappen verloren am 28. Juni 1972 im ersten Bundesliga-Spiel im Olympiastadion mit 1:5 und trösteten sich drei Tage später mit dem Pokalsieg.

Auch Helmut Kremers erinnert sich gerne an diese Zeit zurück, aber seine Stimme klingt etwas melancholisch, wenn er sagt: „Dass wir in jenen Jahren nicht zweimal Meister geworden sind, darunter leide ich am meisten.“ Zwillingsbruder Erwin pflichtet ihm bei: „Ja. das ist das Ärgernis überhaupt.“

Fünf Jahre danach, 1977, waren die Kremers-Zwillinge und die anderen Schalker noch einmal ganz nahe dran am Titel. Sie wurden Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach. Dazwischen lag allerdings eine Zeit, die für Schalke nicht vergnügungssteuerpflichtig war. Der Bundesliga-Skandal und seine Folgen hatte die in der Saison 1971/72 erfolgreiche Mannschaft gesprengt.

Mehrere Spieler wurden gesperrt, mit einer Rumpf-Truppe geriet die folgende Spielzeit für Schalke zu einem reinen Kampf um den Klassenerhalt. „Das war die größte Leistung überhaupt, dass wir nicht abgestiegen sind“, sagt Helmut Kremers und erinnert sich gerne an den großen Jubel nach dem 2:0-Sieg gegen den Hamburger SV zum Saisonabschluss im letzten Bundesliga-Spiel in der Glückauf-Kampfbahn.

Nach und nach kamen die gesperrten Spieler zurück, aber es dauerte bis 1977, bevor Schalke wieder an den Titel denken durfte. Am Ende der Saison fehlte tatsächlich nur ein einziger Punkt, und Klaus Fischer weiß auch, wo er liegen geblieben ist: zu Hause gegen den vom Abstieg bedrohten 1. FC Saarbrücken am 28. Spieltag. „Wir spielen auf ein Tor, die Saarbrücker kommen einmal nach vorne und bei ihrem einzigen Torschuss, einem Weitschuss von Harry Ellbracht, tritt unser damaliger Torhüter Enver Maric zwölf Minuten vor Schluss über den Ball – und es steht 0:1.“

Das Parkstadion war nicht voll

Übrigens vor nur 15.000 Zuschauern. Im Rückblick auf die Saison 1976/77 wundert sich Klaus Fischer sowieso, dass Schalke einen Zuschauerschnitt von nur 36.000 im Parkstadion hatte. „Das muss man sich einmal vorstellen“, sagt der heute 69-Jährige. „Wir haben vom ersten bis zum letzten Spieltag um den Titel gespielt, und dann ist das Parkstadion gerade einmal etwa zur Hälfte gefüllt. Heute können die Jungs spielen wie sie wollen und trotzdem ist die Arena immer voll.“

Auch Erwin Kremers bedauert zuweilen, dass es das Drumherum des modernen Fußballs nicht schon damals gab. „Das sind doch heute paradiesische Zustände. Wenn ich mir alleine nur die Rasenplätze anschaue“, sagt er. „Auf einem so ebenen Rasen hätte ich früher auch gerne gespielt. Ich glaube, wir hätten kein einziges Spiel verloren.“

Wer weiß, vielleicht kommt der heute 70-Jährige doch noch einmal in den Genuss, in der Veltins-Arena zu spielen. „Wenn ich sehe, für wen heutzutage alles ein Abschiedsspiel organisiert wird, muss ich sagen, wie schön es wäre, nachträglich ebenfalls ein Abschiedsspiel zu bekommen“, führt er aus. „Wir sind doch damals nach unserem letzten Spiel für Schalke regelrecht vom Hof gejagt worden.“

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