Niederrheinpokal

Die RWE-Party geht auch im Pokal nonstop weiter

Und am Ende feiert Rot-Weiss: Die Spieler tanzten vor der Westkurve, da hatte Klein-Liara (vorne) ihr Solo schon beendet.

Und am Ende feiert Rot-Weiss: Die Spieler tanzten vor der Westkurve, da hatte Klein-Liara (vorne) ihr Solo schon beendet.

Foto: Thorsten Tillmann/FFS

Essen.  Auch Drittligist KFC Uerdingen kann den Erfolgszug der Essener nicht stoppen. Die feiern ihre Siege fast schon mit einer gewissen Routine.

Liara hatte ihren großen Auftritt. Kurz nach Abpfiff des Pokalabends an der Hafenstraße lief der „kleine Köttel” von Kapitän Marco Kehl-Gomez juchzend und mit hoch erhobenen Armen mutterseelenallein vor der tobenden und feiernden Westkurve auf dem Rasen auf und ab. Klein-Liara hatte keinen Schimmer, worum es eigentlich ging – aber Papa strahlte und die Stimmung war geil.

Glänzende Augen und glückliche Gesichter

Erstaunlicherweise nur in der Westkurve. Auf der Haupttribüne ging es wesentlich gefasster zu; an Jubelszenen, selbst an einen 2:1-Sieg über den Drittligisten KFC Uerdingen, scheint man sich im Stadion Essen mittlerweile gewöhnt zu haben. Aber wer in diese glücklichen Gesichter geschaut hat, diese glänzenden Augen sieht, der weiß um die trostlose Vergangenheit. Ein wenig Ungläubigkeit ist auch noch im Spiel. „Großes großes Kompliment, der Sieg für Essen ist völlig verdient. Die Chancen waren zwar da, aber die Präzision der Essener war einfach größer”, musste KFC-Coach Heiko Vogel neidlos anerkennen. Wer hätte eine derartige Aussage vor einem halben Jahr für möglich gehalten?

Die Unaufgeregtheit bei RWE, wie dieser Pokalsieg zur Kenntnis genommen wurde, ist das eigentlich Aufregende momentan. Wie das präzise Automatik-Werk einer Schweizer Uhren-Manufaktur spult das Team von Trainer Christian Titz sein Programm ab. Spielerisch leicht wird sich aus versuchtem Pressing des Gegners mit einer Bärenruhe befreit, bevor im Umschaltmodus die Post abgeht. Und das gegen einen Gegner, der mit dem Ex-Bayern Kirchhoff, dem Ex-Bremer Lukimya und dem Ex-BVBer Großkreutz viel Bundesliga-Vergangenheit aufbot, dessen Individualisten aber keine verheißungsvolle Zukunft an der Grotenburg versprechen. Als KFC-Kapitän Kirchhoff, immerhin mit Champions-League-Erfahrung, nach 73 Minuten ausgewechselt wurde, glich das Ganze schon einer Kapitulation.

RWE hatte sich den Gegner in verblüffender Art und Weise zurechtgelegt und ihn zugedeckt. Vom Paukenschlag nach 32 Minuten erholte sich der Drittligist die ganze Zeit nicht mehr. Ausgerechnet Oguzhan Kefkir schickte einen Kugelblitz Richtung rechten Winkel, der dem ganzen Stadion ein ehrfürchtiges Raunen abrang. Der Ex-Uerdinger verkniff sich anschließend jegliche Jubelpose: „Das habe ich bewusst so gemacht, aus Respekt und dem Instinkt heraus habe ich so gehandelt”, bekannte der schussgewaltige Stürmer später.

Trainer Titz ist der Baumeister des Erfolgs

Die verdiente Führung zur Pause machte vieles leichter, und obwohl die Uerdinger fünf Minuten früher aus den Kabinen kamen, waren die Essener auch nach dem Wechsel das wachere Team. Und als der schnelle Joshua Endres, der schon in Halbzeit eins mit raffinierten Übersteigern und Sohlen-Mitnahmen Raffinesse ins Spiel gebracht hatte, nach 68 Minuten ganz cool auf 2:0 stellte, fühlte es sich wie selbstverständlich an, dass diese kleine Pokalüberraschung schon Fakt wurde. „Ich denke, wir waren über 90 Minuten das bessere Team, von Spiel zu Spiel haben wir immer mehr Ruhe, jeder hat Vertrauen in sich selbst”, verdeutlicht der Torschütze die erstaunliche Entwicklung der letzten Wochen.

Als Baumeister über allem thront der Trainer, der auch vor unpopulären Maßnahmen zugunsten des großen Ganzen nicht zurückschreckt. Es grenzte ja schon an „seelische Grausamkeit”, dass Derbyheld Enzo Wirtz, der sicher auf seinen Einsatz brannte, erst nach 86 Minuten für den entkräfteten Jan-Lucas Dorow eingewechselt wurde. „Es tut mir für einige leid, die da draußen saßen, aber wir dachten einfach, dass Dorow mit seiner Technik sehr gut zu diesem Spiel passt und in die Zwischenräume geht”, so die richtige Entscheidung von Christian Titz.

Klar, dieses Erfolgsmodell hat auch Verlierer. Der größte momentan dürfte Marcel Platzek sein, für den einstigen Torjäger scheint im filigranen und feintechnischen Spiel der Rot-Weissen zur Zeit wirklich kein Platz mehr frei zu sein. Vielleicht kommt „Platzos” Zeit wieder, wenn die Böden morastiger werden und das Spiel rustikaler sein muss. Dass das feinjustierte RWE-Spiel ausgerechnet am nächsten Freitag in Lippstadt enden könnte, daran wollen die wenigsten glauben. „Nein, das denke ich nicht, die Mannschaft ist unheimlich fokussiert und weiß, dass das heute ein Ausnahmespiel war – unser tägliches Brot ist die Liga”, bekräftigt Titz.

Und wer weiß, vielleicht tanzt Liara am Ende wieder. Wer will denn schon ein Kind enttäuschen?

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