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MSV Duisburg kann sich aus eigener Kraft nicht mehr retten

Volles Engagement: Trainer Torsten Lieberknecht musste diesmal nicht auf die Tribüne.

Volles Engagement: Trainer Torsten Lieberknecht musste diesmal nicht auf die Tribüne.

Foto: firo/Volker Nagraszus

Duisburg.   Trotz eines denkwürdigen Spektakels war der Punkt gegen Spitzenreiter Köln am Ende zu wenig. Abwehr leistete sich erneut zu viele Aussetzer.

Der Fußball-Abend auf der Achterbahn zehrte am Mittwoch den Gefühlshaushalt eines ganzen Monats auf. Hoffnung, Wut, Freude und Sorge vermischten sich tobend. Das 4:4-Remis des Zweitligisten MSV Duisburg gegen den 1. FC Köln war ein Spektakel-Spiel.

Die Nachricht, dass der Vater von Markus Anfang auf der Tribüne einen Herzinfarkt erlitten hatte, verschattete das zuvor Gesehene. Aus Rücksicht und Respekt verzichteten die Klubs auf den üblichen Nachgang der Partie: Es gab keine Pressekonferenz, kein Gespräch mit dem kickenden Personal. Erst einen Tag später veröffentlichte der MSV Zitate der handelnden Personen. Da war viel von der guten „Moral“ die Rede. Trainer Torsten Lieberknecht, Freistoßschütze Kevin Wolze und Kapitän Gerrit Nauber sind mit ihren Stimmen so zu vernehmen.

Am Tag nach dem Spiel hat sich der Puls wieder auf Normalgeschwindigkeit heruntergeregelt. Unaufgeregt ist festzuhalten: Ein Punkt – selbst vor vollem Haus gegen den Spitzenreiter nach einem begeisternden Spiel – das war zu wenig. Lieberknecht wird deshalb mit dem Satz zitiert: Sportlich gesehen sei es „eher eine verhaltene Freude, weil wir die Kölner nach der Pause mit einigen Fehlern wieder ins Spiel gebracht haben“. Gewiss, Köln bietet mit satten 74 Toren die stärkste Offensive der Liga auf. Aber: Drei Einschläge in sieben Minuten gleich nach dem Wechsel, das muss nicht mal gegen den sechsmal in Folge siegreichen Spitzenreiter sein.

„Das darf uns so nicht passieren“, war als Reaktion von Moritz Stoppelkamp über die Kunstpause nachzulesen. Der MSV baute in dieser Phase den (Geiß-)Bock auf, statt ihn umzustoßen.

Vier Punkte zum rettenden Ufer

Das hat Folgen, denn die Tabelle kennt eben keine Gefühle. Kaltherzig lässt sich an ihr ablesen: Der MSV kann den Klassenerhalt nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Selbst ein Sieg gegen Sandhausen am 20. April reicht nicht aus, den Konkurrenten hinter sich zu lassen. Der Abstand zum rettenden Ufer beträgt inzwischen vier Punkte. Das gilt sowohl für Platz 15 (gehalten von Sandhausen) wie für den Relegationsrang, an den sich der 1. FC Magdeburg klammert. Der sachliche Blick auf den Spielberichtsbogen sagt ebenfalls aus: Zum zweiten Mal in Folge kassierte der MSV vier Gegentore.

Erkennbar auch: Es kommt nicht sonderlich auf das Abwehrsystem an, das der Trainer spielen lässt. Gegen Ingolstadt war es eine Viererkette, gegen Köln ein Dreier-Verbund, der sich in der Defensive auf fünf Mann ausweiten ließ. Freilich, die individuellen Mängel durchkreuzten beide Putzpläne für die Fläche vor der eigenen Haustür. Enis Hajri, Tim Albutat und Gerrit Nauber waren jeweils an zwei Kölner Treffern beteiligt. Gegen Ingolstadt sah Joseph Baffoe bei drei Toren schlecht aus.

Wiedwald beherrscht sein Fach

Trainer Torsten Lieberknecht wird all das vermutlich bei der Videoanalyse ansprechen. Vor größerem Publikum wird er gut daran tun, weniger auf Fakten als mehr auf Emotionen zu setzen. Denn auch das war am Mittwoch zu sehen. Die Mannschaft kann es vielleicht nicht sehr gut. Sie will in jedem Fall das Beste. Und wo ein Wille ist, da fand sich am Mittwoch eine Gasse. Wegbereiter dabei: Torhüter Felix Wiedwald beherrscht sein Fach und Kevin Wolze den ruhenden Ball. Zudem bereitete Wolze das 1:0 und das 2:1 am Mittwoch vor. Moritz Stoppelkamp hat nach Monaten des Heuschnupfens seinen Torriecher wiedergefunden. Der Offensivspieler wird vom MSV mit dem Satz zitiert: „Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass mir nach dem 1:0 kein Stein vom Herzen gefallen ist.“ Es war sein erster Treffer in dieser Saison überhaupt.

Und dann ist da eben die „wahnsinnige Moral“, wie es Lieberknecht beschreibt. Nach einem 2:4 gegen den Spitzenreiter (und der von Stanislav Iljutcenko unmittelbar nach dem 3:4 so sträflich liegen gelassenen Chance zum Ausgleich) doch noch einen Punkt zu holen, das war vorbildlich. Das Comeback kann als Muster für die gesamte Saison herhalten. Die Chancen auf Rettung sind überschaubar. Warum sie nicht einfach nutzen?

Die nächste Gelegenheit dazu besteht schon morgen. Die Zebras müssen zum Neuling nach Paderborn. Der Tabellenvierte weist mit 62 Toren die zweitstärkste Offensive der Liga aus. Um dort zu bestehen, reicht Moral allein nicht. Gerrit Nauber teilt mit: „In Paderborn müssen wir noch eine Schippe drauflegen.“

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