Bayern-Präsident

Bayern München: Ist Uli Hoeneß noch zu retten?

Ein Bild, das vieles sagt: Präsident Uli Hoeneß (rechts) bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, neben ihm Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Ein Bild, das vieles sagt: Präsident Uli Hoeneß (rechts) bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, neben ihm Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Foto: Imago

München/Essen.   Als Manager formte er den FC Bayern zum Rekordmeister. Als Präsident poltert er. Ein Wegbegleiter erklärt, warum Hoeneß jetzt mit Breitner bricht

Es gab diesen einen Augenblick, den der Fotograf Peter Schatz auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern wunderbar treffend in einem Foto verewigt hat. Die Nahaufnahme vom Vorstandspodium, als Unruhe und Wut Uli Hoeneß zu zerfressen drohten.

Am rechten Auge zieht Hoeneß das Lid bis zur Braue hoch. Das linke Auge hat er fast zum Schlitz verengt, als nehme er gerade Maß. Eine Zornesfalte verrät die Rachegelüste des Klubpräsidenten. Die Körpersprache: Seht her, Leute, hier oben sitzt ein Mann bereit zum Gegenschlag. Jederzeit.

Hoeneß poltert bei jeder Gelegenheit

So redet Uli Hoeneß auch seit jenem Freitag, als ihm das Mitglied Johannes Bachmayr in aller Öffentlichkeit die Leviten las und eine Revolte lostrat. Hoeneß poltert bei jeder Gelegenheit und den Beteuerungen zum Trotz, dass er eigentlich „gar nichts mehr sagen“ will.

Er spricht von „Kampagnen“ und „falschen Unterstellungen“. Von Paul Breitner als „Täter“, mit dem er „gebrochen“ hat. Hoeneß, Steuerbetrüger und erst 2016 aus dem Gefängnis entlassen, sieht seinen „tadellosen Ruf“ gefährdet. Fehlt nur, dass er sein Ehrenwort gibt. Ist Hoeneß noch zu retten?

Da bricht sich etwas Bahn, das Raimund Hinko so begründet: „Im Herzen ist Uli Hoeneß immer ein bisschen Rebell oder auch rechthaberisch. Das steckt Zeit seines Lebens in ihm drin. In den unterschiedlichsten Varianten.“

Wenn Hoeneß schreit ist er authentisch

Raimund Hinko, Autor in München und Sportkolumnist mit Schwerpunkt FC Bayern, kennt Hoeneß seit fünf Jahrzehnten und wundert sich nicht: „Er fängt sanft an, und dann bricht alles aus ihm heraus. Das ist Uli Hoeneß, wie er leibt und lebt. Wenn er schreit, ist er am authentischsten.“

Seit Hoeneß 1979 das Kommando übernahm, gewannen die Bayern 23 Deutsche Meisterschaften und stiegen zum Rekordmeister auf. Seine Bilanz führt 13 DFB-Pokalsiege sowie zwei Siege in der Champions League und einen im Uefa-Cup auf. Kein Fußballmanager war je besser.

Trotzdem kennt Hoeneß kein Halten mehr, wenn er sein Werk in Gefahr ahnt. „Es müsste ihm egal sein“, sagt sein Wegbegleiter Hinko. „Aber daran sieht man, wie sehr er den FC Bayern als sein Kind sieht. Und wie bei einer Mutter werden die Sorgen umso größer, je älter das Kind wird.“

Streit zwischen Hoeneß und Breitner

Hoeneß kennt dann keine Freunde mehr und verweigert sogar Paul Breitner den Zugang in den Ehrengastbereich der Allianz-Arena. Jenem Mann, mit dem er 1974 Weltmeister geworden ist. Jenem Mann, der ihn in den ersten Managertagen 1979 gegen alle Widerstände verteidigt hat.

Ihr endloser Konflikt reicht bis ins Jahr 1983 zurück. Die Bayern gingen mit Paul Breitner auf Abschiedstournee durch Asien. Die Stationen hießen Singapur, Bangkok und Hongkong. Als Interimstrainer Reinhard Saftig die Truppe nicht in den Griff bekam, schaltete sich Hoeneß ein. In Singapur wetterte er zur Halbzeit in der Umkleidekabine: „Was ihr spielt, ist der letzte Scheiß!“ Besonders Norbert Nachtweih bekam die Wut zu spüren. Da platzte Breitner der Kragen, er ging dazwischen: „Du hast hier gar nichts zu sagen!“

Eine demütigende Szene

Er warf Hoeneß die Schuhe vor die Füße, zog sich um und verließ die Kabine Richtung Vip-Raum. Der Manager, damals vier Jahre im Amt, kochte. In Bangkok spielte Breitner gar nicht. In Hongkong musste er ran – den Bayern gingen verletzungsbedingt die Spieler aus.

Als Hoeneß sich notgedrungen selbst einwechselte, marschierte Breitner demonstrativ vom Platz und ignorierte die Rote Karte, die ihm der Schiedsrichter in seiner Hilflosigkeit zeigte. Seine große Karriere beim FC Bayern war damit beendet.

Hoeneß wollte ihm die demütigende Szene niemals verzeihen. Erst 24 Jahre später, als sie sich zufällig am Flughafen über den Weg liefen, zogen sie einen Schlussstrich: „Es ist doch ein Blödsinn, dass wir uns immer streiten.“ Breitner wurde bei Bayern 2007 eine Art Repräsentant.

Der kleinste Funken reichte, dass die Friedenspflicht endete. In diesem Fall: ein Missverständnis zu einem TV-Auftritt. Breitner lieferte sich ein Wortgefecht mit dem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und lenkte hinterher ein. Hoeneß dagegen nicht. Er machte Schluss. 2017 war das.

Dann die legendäre Pressekonferenz beim FC Bayern vor wenigen Wochen. Hoeneß und Rummenigge reklamierten das Grundgesetz für sich. Danach kannte Breitner keine Gnade: „Ich konnte mir in den 48 Jahren mit Bayern nicht vorstellen, dass sich dieser Verein diese Blöße gibt und diese Schwäche zeigt.“

Telefon und Telefax reichen ihm

Hoeneß schäumte und ließ seinen Vorstandsvize Jan-Christian Dreesen bei Breitner anrufen: Er solle doch bitte auf Distanz bleiben. Autor Hinko hat dafür nur eine Erklärung: „Je näher es dem Ende zugeht, umso enger hängt Hoeneß an seinem Kind.“ Mit 66 will er nichts hinterfragen.

In seinem Büro an der Säbener Straße stehen noch immer die Rattanmöbel von früher. Nur der Bezug ist neu. Auf dem Schreibtisch fehlt ein Computer. Wer Hoeneß sprechen will, kennt seine Handynummer oder schickt ein Telefax mit dem Gesprächswunsch. Dann ruft er zurück.

Als ihm kürzlich ein wohlgesonnener Ex-Nationalspieler die neue Trainergeneration mit ihren Internet-Analysen erklärte, fragte Hoeneß zurück: „Glaubst du wirklich, dass dieses Internet bleiben wird?“ Vielleicht ist diese Schmonzette nur Gerede. Vielsagend ist sie schon.

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