Hecking-Interview

Gladbach-Trainer Hecking warnt Dahoud nach Wechsel zum BVB

Trainer Dieter Hecking von Borussia Mönchengladbach

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Trainer Dieter Hecking von Borussia Mönchengladbach Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Mönchengladbach.  Borussia Mönchengladbach trifft im letzten Bundesliga-Saisonspiel auf Darmstadt 98. Trainer Dieter Hecking spricht über Wechsel und Fairplay.

Auf die Frage, was nach dem Bundesliga-Finale am Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen Absteiger SV Darmstadt 98 auf dem Plan steht, antwortet Dieter Hecking ohne Zögern: „Mehr Urlaub als Fußball.” Die Rückserie seit dem Einstand des 52-jährigen Westfalen als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach war anstrengend. 25 Pflichtspiele inklusive Europa League und DFB-Pokalhalbfinale, sagt Hecking, fühlen sich fast wie eine komplette Saison in vier Monaten Spielzeit an.

Herr Hecking, auch wenn es mit der Europa League nicht mehr klappen sollte: Gehen Sie mit einem guten Gefühl in die Sommerpause?

Dieter Hecking: Das wird so sein. Wir haben eine lange Rückserie positiv gestaltet und können uns noch Hoffnung auf einen Platz in der Europa League machen. Damit war bei meinem Einstieg im Januar auf Platz 14 in der Bundesliga nicht unbedingt zu rechnen.

Sie haben Ihr gewohntes 4-2-3-1-Spielsystem zugunsten eines 4-4-2 getauscht ...

Hecking: ... weil es zu unserer Mannschaft besser passt. Dass ich ein 4-2-3-1 bevorzuge, ist Schubladendenken Ein Trainer sollte sich nicht auf ein System festlegen, sondern immer auch einen Plan B und C haben. Und eine klare Linie verfolgen, damit jeder weiß, woran er ist.

Wie wichtig ist Ihr Co-Trainer Dirk Bremser, der als Standardspezialist sehr innovativ wirkt?

Hecking: Wir ergänzen uns richtig gut und gehen uns nicht auf den Keks. Wir haben beide zusammen eine Menge Erfahrung gesammelt. Die ist durch Nichts zu ersetzen.

Haben Sie dadurch einen Vorteil gegenüber jüngeren Kollegen?

Hecking: Vielleicht. Aber die Zeit bringt immer einen Wandel mit sich. Irgendwann stößt der Nachwuchs nach. Das ist bei Spielern so, bei Schiedsrichtern und auch bei Trainern. Es kommt immer darauf an, ob ein guter Trainer auch eine Chance bekommt. Grundsätzlich tun erfahrene Trainer unserer Branche gut.

Sie haben 2000 in der Regionalliga beim SC Verl angefangen, nicht gerade die erste Adresse, oder?

Hecking: Aber eine gute für den Start. Ich habe den harten Weg genommen. Und der hat mich Stück für Stück nach vorn gebracht. Glück gehört aber immer auch dazu. Bei Bremen galt Alexander Nouri schon als entlassen, und dann hat er noch so eine gute Saison hingelegt. Und ein Thomas Schaaf, der viele Jahre herausragend gearbeitet hat, ist plötzlich nach seinem Hannover-Engagement nicht mehr gefragt.

Haben Sie Angst vor einer solchen Situation?

Hecking: Sagen wir es so: In meinem Beruf kann man nie davor sicher sein, dass es mal eine Durststrecke gibt.

Mit Mahmoud Dahoud und Andreas Christensen verliert Gladbach zwei der besten Spieler. Sie haben Dahouds Wechselentscheidung nach Dortmund kritisiert. Warum?

Hecking: Kritisiert ist das falsche Wort. Ich habe nur festgestellt, dass für Mo der Wechsel vielleicht ein Jahr zu früh kommt. Mo kann auf dem Rasen den Unterschied ausmachen. Aber: In Dortmund ist die Erwartungshaltung auch mindestens eine halbe Klasse höher als bei uns.

Wird es für Christensen beim FC Chelsea noch schwerer? Trainer Antonio Conte favorisiert die Dreierkette, da sind Startplätze in der Abwehr rar.

Hecking: Die vertragliche Situation bei An­dreas lässt erst einmal nichts anderes zu als die Rückkehr. Er ist noch sehr jung, aber ich habe bei ihm das Gefühl, er spielt und verhält sich so, als sei er schon mindestens 25 Jahre alt und nicht gerade erst 21 geworden. Das ist ein großer Vorteil.

Wäre die Premier League für Sie als Trainer ein reizvolles Feld?

Hecking: Natürlich, aber die Frage stellt sich für mich nicht. Ich fühle mich bei Borussia sehr wohl und kann mir eine längere Amtszeit vorstellen, also zwei Jahre plus X, das ist ja heutzutage schon lang.

Mit Jürgen Klopp und Felix Magath gibt und gab es jüngst nur zwei deutsche Premier-League-Trainer. Das ist übersichtlich, oder?

Hecking: Jürgen macht in Liverpool einen herausragenden Job. Ich denke, dass deutsche Trainer grundsätzlich bei großen Vereinen im Ausland zu schlecht wegkommen. Wir machen uns kleiner, als wir sind. Das, was Conte bei Chelsea, Mourinho bei Manchester United, Guardiola bei Manchester City leisten, können deutsche Trainer auch.

Sehen Sie es mit Sorge, wie öffentlich um die Reputation eines guten Trainers wie Thomas Tuchel in Dortmund gestritten wird?

Hecking: Die mediale Berichterstattung will ich nicht beurteilen. Sportlich wird Thomas seine Ziele erreichen, das wird seine Arbeit nicht in Frage stellen. Zumal der BVB personell vor der Saison einen Umbruch zu verzeichnen hatte.

Waren Sie in Wolfsburg im Oktober 2016 in einer ähnlich kritischen Phase am Ende wie Tuchel jetzt?

Hecking: Medial vielleicht. Mein Weg ist immer der gewesen: Man sollte sich nicht alles anziehen, was behauptet und geschrieben wird, man sollte aber seine Arbeit hinterfragen.

Sie haben in der Rückserie mehrmals ans Fairplay in der Bundesliga appelliert. Ist das auf fruchtbarem Boden gefallen?

Hecking: Ich hoffe es. Fairplay war auf unserer Trainertagung in Mainz neulich ein großes Thema. Wir Trainer sind in einer Vorbildfunktion. Wir sollten Einfluss nehmen auf gewisse Aktionen der Spieler auf dem Rasen. Der sterbende Schwan gehört dazu. Aber auch, dass sich Spieler an den Kopf fassen, wenn sie am Knöchel getroffen werden. So etwas haben wir in der Bundesliga doch wirklich nicht nötig.

Was nehmen Sie positiv mit in die Sommerpause?

Hecking: Dass sich viele Spieler nach vorn entwickelt haben bei Borussia. Ich könnte da einige nennen, zum Beispiel Jannik Vestergaard in der Innenverteidigung oder Kapitän Lars Stindl, der jetzt für den Confed-Cup nominiert wurde.

Auch Lászlo Bénes?

Hecking: Auch ihn. Es ist beachtlich, wie er sich auf dem Rasen bewegt mit 19.

Trauen Sie ihm die Dahoud-Rolle im defensiven Mittelfeld zu?

Hecking: Auf jeden Fall, auch wenn Lazi noch viele Schritte zu machen hat.

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