Kolumne "Freistoß"

Unfassbar, was sich Big Wim im März 1970 erlauben durfte

Foto: Montage/Eling

Essen.  Erst im Oktober 1970 hob der DFB sein Verbot für Frauenfußball auf. Sieben Monate zuvor sprach Wim Thoelke im ZDF-Sportstudio über das Thema.

Wim Thoelke, den Jüngeren sei es erklärt, war in den Siebzigern und Achtzigern ein äußerst beliebter Showmaster. „Der große Preis“ im ZDF – legendär. Thoelke, 1927 in Mülheim geboren und 1995 verstorben, hatte zuvor auch 115-mal das ZDF-Sportstudio moderiert.

DFB hob Frauenfußball-Verbot im Oktober 1970 auf

Im März 1970 hieß Thoelkes Thema Frauenfußball. Nun muss man dazu wissen, dass der Deutsche Fußball-Bund seinen Vereinen seit 1955 verboten hatte, „Damenfußball-Abteilungen zu gründen“, denn dieser Sport habe für Frauen eine gesundheitsschädigende Wirkung, die Gebärfähigkeit würde beeinträchtigt. Erst im Oktober 1970 wurde das Verbot aufgehoben. Sieben Monate nach Thoelkes Sendung.

„Big Wim“ hatte an jenem Abend Spielerinnen der inoffiziellen deutschen Nationalmannschaft zu Gast, die gegen das Verbot ankämpften. Thoelke gab sich nicht die geringste Mühe zu verbergen, was er davon hielt. Als ein Einspielfilmchen lief, machte er sich über die Fußballerinnen lustig. „Da hat Mutter aber eine schöne Flanke gegeben.“ - „Decken, decken, nicht Tisch decken! Richtig Manndecken, so ist recht. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder!“ - „Die brauchen sich gar nicht so aufzuregen, die Zuschauer. Die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn Männer in den Schlamm fallen würden, das wäre schlimm, dann müssten die Frauen zu Hause waschen.“

Entgleisung, Diffamierung, Sexismus – kompakt dargeboten. Heutzutage würde ein Shitstorm den Moderator Thoelke hinfort wehen. Damals passierte: nichts. Denn Wim Thoelke stand als Chauvi ja nicht allein da. Selbst dem als Journalist hochanerkannten WDR-Mann Dieter Thoma war es in einer TV-Sendung nicht zu peinlich, den nach Aufhebung des DFB-Verbots herausragenden Fußballerinnen aus Bergisch-Gladbach die Frage zu stellen, ob es nicht schmerzen würde, wenn sie den Ball mit der Brust annehmen.

Turbulente Redaktionskonferenz im Jahr 2003

Nach diesen üblen Vorgeschichten dauerte es noch lange, bis man fachlich über Frauenfußball diskutierte. Schwierig aber blieb es oft. Ich erinnere mich an eine turbulente Redaktionskonferenz im Jahr 2003. Die deutschen Frauen hatten in Reutlingen ein EM-Qualifikationsspiel gegen Portugal mit 13:0 gewonnen. Eine Kollegin aus einem anderen Ressort, die ihren Satz mit den Worten „Ich habe ja vom Sport keine Ahnung, aber…“ begann, forderte forsch, dass die deutschen Frauen von der Sportredaktion ab sofort wichtiger zu nehmen seien als die Männer, die hätten ja gerade nur 3:0 gewonnen (gegen Island, ebenfalls EM-Qualifikation).

Ich machte mich in jener Konferenz unbeliebt. Ich erklärte nämlich, was ich gesehen hatte. Hätte Portugal statt dieser Torhüterin eine Tonne auf die Linie gestellt, hätten die deutschen Frauen wohl auch 3:0 gewonnen. Denn die Tonne wäre nicht zur Seite gesprungen, wenn ein Ball auf sie zugekommen wäre. Selbstverständlich erwähnte ich auch, dass Birgit Prinz und Co. wirklich stark gespielt hatten. Nützte nichts. Fortan hatte ich eine Zeit lang den Ruf des Frauenfußballhassers weg. Für eine plakative Darstellung war das Thema einfach zu sensibel.

Heute berichten wir selbstverständlich ausführlich über den Start der WM in Frankreich, die Frauen haben das längst verdient. Aber falls eine Torhüterin wieder mehrmals patzt, werden wir das nicht schönreden. Weil Gleichbehandlung wichtig ist. Bei den Männern machen wir das nämlich auch so.

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