Madagaskar

Ex-Nationalspieler: „Soldaten warteten in Lobby auf mich“

Zu Besuch beim Afrika Cup: Tony Mamodaly.

Zu Besuch beim Afrika Cup: Tony Mamodaly.

Foto: Privat

Essen.  Sensationell steht Fußball-Zwerg Madagaskar im Viertelfinale des Afrika Cups. Ex-Nationalspieler Tony Mamodaly spricht mit uns über den Erfolg.

Madagaskar steht bei der ersten Teilnahme beim Afrika Cup prompt im Viertelfinale. Dort geht es Donnerstag (21 Uhr/DAZN) gegen Tunesien. Tony Mamodaly, geboren 1990 in Mannheim, bestritt zwischen 2010 und 2011 acht Länderspiele für Madagaskar, das Land seines Vaters. Heute arbeitet er mit deutschen Talenten, die den Sprung in Deutschland zunächst nicht schaffen und vermittelt diese an amerikanische Colleges.


Herr Mamodaly, die Fifa schreibt auf ihrer Seite vom Fußballmärchen Madagaskar. Zu Recht?

Tony Mamodaly: Absolut. Dass die Mannschaft sich bei ihrer ersten Teilnahme überhaupt als Tabellenerster gegen die Mitfavoriten aus Nigeria und Guinea durchsetzen und sich jetzt auch noch fürs Viertelfinale qualifizieren konnte, ist sensationell.

Was bedeutet das den Menschen?

Madagaskar gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Obwohl das Land bisher noch keine nennenswerten internationalen Top-Stars hervorbringen geschweige denn Titel auf internationaler Bühne feiern konnte, spielt der Fußball eine wahnsinnig wichtige Rolle in der Gesellschaft. Die jüngsten Erfolge schenken den Menschen Mut und Hoffnung, auch wenn sie in Armut leben und so gut wie nichts haben. Das ganze Land steht Kopf.

Was zeichnet die Mannschaft aus?

Eindeutig der Teamspirit. Der Großteil der Spieler im Team sind Straßenfußballer, die nur dank ihrer fußballerischen Fähigkeiten einen Ausweg aus der Armut gefunden haben. Viele sind in Madagaskar auf Bolzplätzen mit selbstgesteckten Toren und provisorisch zusammengebastelten Bällen aus Plastiktüten groß geworden. Um den Sprung nach oben zu packen haben die Jungs ein hohes Risiko auf sich genommen und ihre Heimat früh verlassen, die meisten Richtung Frankreich. Dankbarkeit, Demut und die gemeinsame erlebte Leidenszeit haben die Spieler richtig zusammengeschweißt.

Können die Madagassen das Turnier in ihrer Heimat verfolgen?

Mittlerweile ist das kein Problem mehr. Das Fernsehen ist sehr weit verbreitet. Auch durch Social Media sind die Menschen gut vernetzt, können die Spiele sogar streamen. In ländlichen Gebieten ist das anders. Da kann es schon mal vorkommen, dass die ganze Familie mit 20 oder 30 Leuten vor einem Fernseher hockt. Das macht es so einzigartig.

Gibt es im Land eine richtige Sport-Infrastruktur?

Das Wort Infrastruktur ist schon eine Übertreibung. Der Verband arbeitet, auch aufgrund kaum vorhandener finanzieller Mittel, schlecht, politische Einflussnahme ist an der Tagesordnung, und die Korruption ist allgegenwärtig. So gibt es bis heute keinen richtigen Liga-Betrieb. Aktuell werden in 22 kleineren Staffeln die Teilnehmer für eine Play-off-Runde ausgespielt, in welcher dann der madagassische Meister ermittelt wird. Das ist alles sehr unorganisiert und –strukturiert.

Auf welchem Level spielen die Teams in Madagaskar?

Wie in den anderen afrikanischen Ländern wird die taktische Ausbildung stark vernachlässigt, was sehr schade ist, denn vom technischen Level her habe ich teilweise Dinge gesehen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Sobald es aber ins Elf-gegen-Elf geht, wird es vogelwild.

Wie hat sich der madagassische Fußball entwickelt?

Leider ist in den letzten Jahren wenig passiert. Obwohl man sich erstmals für den Afrika Cup qualifizieren konnte, stockt die Entwicklung in Madagaskar. Von Nachwuchsleistungszentren, digitalen Analysetools, Scouting oder Trainingssteuerung ist man Lichtjahre entfernt. Neben Dilettantismus spielt leider auch persönliche Bereicherung immer wieder eine Rolle.

Haben Sie ein Beispiel?

Anfang Mai hat die Nationalmannschaft von einem Tag auf den anderen plötzlich einen neuen Ausrüster aus Italien bekommen. Niemand weiß wirklich, wie das zustande gekommen ist und wer das eingefädelt hat. Dabei hat niemand daran gedacht, dass es unmöglich ist mit den vorhandenen Vertriebswegen, tausende von Fans pünktlich zum großen Turnier mit Trikots zu versorgen. So hat der Verband die wohl größte Monetarisierungsmöglichkeit der Geschichte des madagassischen Fußballs in den Sand gesetzt.

Ist Ihnen persönlich auch mal etwas Kurioses widerfahren?

Am Vorabend eines Länderspiels gegen Äthiopien kam unser Co-Trainer in mein Zimmer. Das war so gegen 22 Uhr. Er sagte, dass in der Lobby jemand auf mich wartet. Ich wunderte mich, denn ich habe zwar Verwandte in Madagaskar, aber es hatte sich niemand angekündigt. Also bin ich raus aus meinem Raum Richtung Lobby. Und da standen plötzlich drei Soldaten.

Und dann?

Sie haben mich aufgefordert mitzukommen. Ich habe gefragt, ob der Trainer davon wüsste. Ja, ja, kein Problem sagten sie. Dann musste ich in eine Mercedes G-Klasse steigen. Spätestens da hatte ich ein mulmiges Gefühl. Wir fuhren ungefähr 15 Minuten aus der Hauptstadt Antananarivo heraus zu einer riesigen Villa. Dort lebte der Außenminister Madagaskars, der mich in seiner Runde zum Abendessen dabei haben wollte. Ich sollte seinen Gästen ein wenig erzählen, wie es so ist, Fußball in Deutschland zu spielen. So etwas kann dir nur in Afrika passieren.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben