Champions League

Ex-BVB-Trainer Klopp kann in Liverpool "zum Gott werden"

Auf ihm ruhen die Titelhoffnungen des FC Liverpool: Teammanager Jürgen Klopp.

Auf ihm ruhen die Titelhoffnungen des FC Liverpool: Teammanager Jürgen Klopp.

Foto: Reuters

Liverpool.  Trainer Jürgen Klopp soll Liverpools Sehnsucht nach Titeln erfüllen. Der FC Bayern kommt als Außenseiter an die Anfield Road.

Auch Dienstag, keine Frage, wird Mark Challinor, 56 Jahre alt, kurzes graues Haar, alle Geschäfte in London aussetzen und am Mittag den Schnellzug in Richtung Liverpool nehmen, um an der Anfield Road das Heimspiel gegen die Bayern zu sehen. Champions League, Achtelfinale: Das will er nicht verpassen. Der Medienberater ist seit 44 Jahren Dauerkartenbesitzer. Die letzten großen Erfolge des FC Liverpool hat er allesamt miterlebt. Die Meisterschaft 1990 unter Trainer Kenny Daglish wie den Triumph in der Champions League 2005 unter Trainer Rafael Benitez. Lang ist’s her.

Nun ist Trainer Jürgen Klopp dran. Meistertitel oder Champions League: Die Sehnsucht nach neuem Glanz kann nicht größer sein. „Fünf Europacup-Siege habe ich in meinem Leben gesehen“, so Mark Challinor. „Ein sechster wäre so schön.“ Die Rollen sind vor dem Hinspiel verteilt. Im ersten Europacup-Duell seit 38 Jahren kommt der deutsche Meister als Außenseiter. Zu modern, zu schnell wirkt der Klopp-Fußball im Vergleich zum barocken Bayern-Stil. Mit Borussia Dortmund hat ihr Trainer die Bayern 2011 und 2012 dominiert. Mark Challinor aber bleibt vorsichtig.

Niederlage im Finale gegen Real Madrid

„Stille Zuversicht“ nennt er die Gefühlslage im Anhang. Jeder in Liverpool habe die Szene von „Gerrard’s Slip“ vor Augen. Ein Ausrutscher ihres Starspielers Steven Gerrard im Chelsea-Spiel kostete 2014 den sicher geglaubten Meistertitel. „Wir wollen das Schicksal nicht erneut herausfordern.“ Vorigen Sommer glaubten sie schon einmal, dass sie im Finale gegen Real Madrid den Henkeltopf gewinnen. Dann rammte ihnen Sergio Ramos zuerst Torjäger Mo Salah vom Feld und dann das Messer ins Herz. Torwart Loris Karius patzte zweimal nach einer versteckten Ramos-Attacke.

Könnte Klopp die erste Meisterschaft seit 29 Jahren nach Liverpool holen, so Klublegende Jamie Carragher, „würde er hier zum absoluten Gott werden“. Man würde ihm, so wörtlich, „Denkmäler aufstellen“. Die „Reds“, wie der Verein heißt, sind ein Mythos. Bill Shankly, der vermutlich größte Trainer des FC Liverpool, sagte 1981: „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere, dass es viel ernster ist!“ Darin liegt Klopps Problem: Was passiert, wenn Liverpool gegen Bayern überraschend im Achtelfinale ausscheidet?

Klopp hat mit LIverpool alle Endspiele verloren

Im traditionell rüden Teil der Presse wird regelmäßig die Suggestivfrage aufgeworfen: Wann hat Klopp eigentlich sein letztes Finale gewonnen? Ach ja, 2012 mit dem BVB. Auch schon Jahre her. Die Endspiele mit Liverpool: alle verloren. 2016 in der Europa League gegen Sevilla und im Liga-Pokal gegen Manchester City sowie 2018 in der Champions League gegen Real Madrid. Dabei durfte er wie kein Vorgänge Millionen ins Team pumpen. 436,9 Mio. Euro in dreieinhalb Jahren. 163,3 Mio. Euro mehr, als er eingenommen hat. Ein Vermögen.

„Unter Anhängern gibt es keine Zweifel an Jürgen Klopp“, versichert Mark Challinor. „Unser Gefühl ist: Alles wird gut.“ Wann immer Liverpool schwere Momente im aktuellen Titelkampf mit Manchester City durchzustehen hat, halten Fans auf der legendären Stehplatztribüne „The Kop“ Schilder mit ihrem Vertrauensbeweis hoch: „In Klopp we trust“. Mark Challinor, heute wieder in Reihe 27 auf Höhe Mittellinie, sagt: „Wir haben gut eingekauft, gut verkauft: Wir kommen dem Triumph jede Saison ein Stück näher, Schritt für Schritt.“ Man dürfe sich nur nicht: zu früh freuen.

Abwehrchef Virgil van Dijk fehlt gegen Bayern

Immerhin fehlt im Hinspiel der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte: Abwehrchef Virgil van Dijk, für fast 80 Mio. Euro verpflichtet, muss eine Gelbsperre absitzen. Sein Fehlen in der Verteidigung gegen Bayern-Torjäger Robert Lewandowski wiegt schwerer als der mögliche Ausfall der zwei angeschlagenen Mittelfeldspieler Fabinho und Xerdan Shaqiri. Die Abwehr (erst 15 Gegentore in 26 Liga-Spielen) ist ein Erfolgsfaktor des FC Liverpool wie die Sturmreihe mit Mané-Firminho-Salah. Wenn einer der zwei Mannschaftsteile stümpert, wittert der FC Bayern seine Chance.

„Wir haben mehr Champions-League-Erfahrung als Liverpool“, sagt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und will deshalb bei seinen Bayern einen „kleinen Vorteil“ ausgemacht haben. „Das könnte ein wichtiges Plus werden.“ Tatsächlich erlaubt die Drucksituation keinen Fehler. „Das sind zwei historische Spiele. Die Reds haben eine Wiedergeburt erlebt“, so Rummenigge. „Dieses Achtelfinale könnte ein Endspiel sein.“ Und mit Endspielen, siehe oben, hatte Liverpool zuletzt nur bedingt Glück. Oder will Rummenigge ablenken?

Münchener müssen auf Boateng und Müller verzichten

„Es geht um alles. Anschließend wissen wir, wo wir international stehen“, sagt Präsident Uli Hoeneß. „Mein Wunschergebnis wäre 1:1. Einen Sieg zu erwarten, wäre überheblich.“ Dass Jerome Boateng mit einem Magen-Darm-Infekt ausfällt und Thomas Müller wegen seiner Roten Karte in der Gruppenphase gesperrt ist, dürfte keine Schwächung darstellen. „Wenn man sagt, die Bayern sind in einer schlechten Situation, ist das Jammern auf hohem Niveau“, so Klopp in Liverpool. „Wir müssen uns zu 100 Prozent konzentrieren, sonst haben wir keine Chance.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben