Interview

Warum der BVB vor einem Hochrisiko-Spiel steht

Krawalle in Frankfurt: Nach der 0:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln sorgten Eintracht-Anhänger für Ausschreitungen. Foto: imago

Krawalle in Frankfurt: Nach der 0:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln sorgten Eintracht-Anhänger für Ausschreitungen. Foto: imago

Essen.  Gunter A. Pilz ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Uni Hannover. Als Experte für Gewalt- sowie Konfliktforschung ist er besorgt über „entgrenzte Gewalt“ bei vereinzelten Ultras und mangelnde Kommunikation seitens der Polizei.

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Morddrohungen gegen Spieler im Falle eines Abstiegs. Warnschüsse von Polizisten, die sich bedroht fühlen. Halbstarke, die das Spielfeld stürmen. Die Bilder aus den Stadien der Fußball-Bundesligisten sind immer mehr geprägt von Gewalt. Gunter A. Pilz ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Uni Hannover. Als Experte für Gewalt- sowie Konfliktforschung ist er besorgt über „entgrenzte Gewalt“ bei vereinzelten Ultras und mangelnde Kommunikation seitens der Polizei - und warnt vor noch größerer Eskalation.

Am Samstag gibt es in Dortmund so ein Hochrisikospiel, wenn der BVB die Meisterschale überreicht bekommt und Eintracht Frankfurt womöglich absteigt. Ist diese Konstellation ein Pulverfass?

Gunter A. Pilz: Es ist klar, dass die einen feiern und die anderen hochfrustriert sein werden. Die Frankfurter Ultras sind das Sorgenkind der Bundesliga, gerade was Gewalt anbelangt. Man muss nicht allzu viel Phantasie anstrengen, um zu erkennen, dass die Polizei da sehr gefordert ist.

Die Vereine distanzieren sich von solchen Gruppierungen, aber haben nicht auch sie einen Anteil an dieser Situation?

Pilz: Nicht nur bei Eintracht Frankfurt hätte man sich gewünscht, dass nicht nur der Dialog gesucht worden wäre, sondern dass es auch mal die Botschaft gegeben hätte, dass Gewalt das falsche Mittel ist. Der Frankfurter Präsident ist vor einem Jahr im Fernsehen aufgetreten, hat mit dem Finger auf seine vordere Zahnreihe gezeigt und sagte dann: Das ist alles unecht, denn früher wurden die Auseinandersetzungen eins gegen eins im Wald geklärt. Damit hat er sich als ehemaliger Hooligan geoutet. Da muss man sich auch fragen, ob die Vereinsvorsitzenden auf der einen Seite nicht sensibler sein sollten, aber auf der anderen Seite auch deutlich Grenzen aufzeigen müssten.

Gibt’s denn eine Hemmschwelle?

Pilz: Diese jungen Leute werden in der Tat brutaler und enthemmter. Wenn sie sich zu Schlägereien verabreden, gibt es überhaupt keinen Ehrenkodex. Da eskaliert die Gewalt, dann wird sie auch zunehmend entgrenzt.

Also ist der Eindruck richtig, dass die Gewaltbereitschaft in deutschen Stadien wieder deutlich gestiegen ist?

Pilz: Deutlich gestiegen ist sie sicherlich nicht. Aber ein kleiner Teil der Ultras verabschiedet sich zunehmend von der Gewaltlosigkeit und versteht das Fußball-Wochenende als jugendliche Gewalt-Event-Kultur.

Sind wir wieder bei der von Hooligans verbreiteten Angst der Achtziger und Neunziger Jahre angekommen?

Pilz: Verglichen mit den Hochzeiten des Hooliganismus kann man schon sagen, dass wir diese Verhältnis noch nicht haben.

Worauf führen Sie zurück. dass die Gewaltbereitschaft gestiegen ist?

Pilz: Zum einen sicherlich darauf, dass die Ultras in den letzten Jahren durch Vereine und Außenstehende zahlreiche Repressalien erfahren haben im Ausleben ihrer Choreographien, ihrer Bedürfnisse im Stadion. Beim Thema Pyrotechnik zum Beispiel oder bei aus ihren Augen willkürlichen und unberechtigten Stadionverboten. Dazu hat sich die Eventkultur etabliert, die mit Fußball herzlich wenig zu tun hat.

Womit sonst?

Pilz: Wir beobachten, dass ein Teil der Jugend gerade bei Auswärtsspielen auffällt, nicht aber im eigenen Stadion, wo man bekannt ist. Bei diesen gemeinsamen Anfahrten im Zug oder im Bus entwickelt sich eine Gruppendynamik, man bringt sich mit Alkohol in Wallung und schaukelt sich hoch für den Kick. Die 90 Minuten Fußball sind eine ärgerliche Unterbrechung. Das Problem im Stadion ist eigentlich gelöst, aber man hat es nach außen verlagert.

Wie beurteilen Sie das Auftreten der Sicherheitskräfte?

Ob ein Verhalten angemessen ist oder nicht, muss man von Situation zu Situation bewerten. Aber was wir wissen, ist: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Dass heute Polizeibeamte immer häufiger Opfer werden, liegt daran, dass sich in der Ultra-Szene das Feindbild Polizei sehr ausgeprägt hat.

Gab es einen Anlass?

Pilz: Das geschah dadurch, dass Ultras nach einem Spiel in einem Käfig gefangen gehalten wurden, sie nicht auf die Toilette oder sich etwas zu trinken holen durften und angesprochen wurden, als seien sie der letzte Dreck. Wobei das natürlich alles nicht nur eine Einbahnstraße ist, das kommt auch von der anderen Seite.

Wie groß ist denn tatsächlich die Gruppe Gewaltbereiter?

Pilz: Das ist ein verschwindend kleiner Prozentsatz, je nachdem zwischen 50 und 100 Personen.

Auf den Tribünen wirken sie wie eine größere Masse.

Pilz: Weil sie in einem Pulk von zwei-, dreitausend anderen verschwinden. Die Gewaltbereitschaft finden die umstehenden Ultras auch nicht gut. Aber sie stellen sich nicht auf die Seite, sondern solidarisieren sich, wenn die Polizei einschreitet. Dann eskaliert das Ganze natürlich.

Wie kann man vorbeugen?

Pilz: Die Polizei muss viel stärker kommunikativ wirken. In Hannover haben wir gute Erfahrung mit Konfliktmanagern gemacht, bevor eine Hundertschaft in den Fanblock geht. Die gehen dann zu den Jugendlichen, sagen, was nicht in Ordnung ist und lassen ihnen die Wahl: Entweder sie beenden das oder die Polizisten kündigen an, mit wie vielen Leuten welche Maßnahmen in zehn Minuten ergriffen werden. Die Erfahrung zeigt, dass in 80 Prozent dieser Fälle ein weiterer Polizeieinsatz nicht erforderlich ist.

Das klingt nach vergleichsweise entspannten Schichten für die Polizisten.

Pilz: Deshalb sind mittlerweile auch in Hannover bei Hochrisikospielen, wenn Bremen oder Frankfurt kommt, nur noch 250 Beamte, während es in Dortmund oder Bochum zwischen 800 und 1400 sind. Also: Polizei kann deeskalieren oder aber auch hochschaukeln, je nachdem ob sie meint, mit Brachialgewalt ihr staatliches Gewaltmonopol durchsetzen zu müssen und auf martialische Art den Spuk beendet.

Nur noch ein Spiel, dann ist Sommerpause. Legt sich dann die Aufregung erstmal oder verschlimmert sich alles in der neuen Saison?

Pilz: Ich bin mir da nicht ganz sicher. Das hängt davon ab, ob es den Vereinen gelingt, aus ihrer Verhaltensunsicherheit auszubrechen, klare Botschaften auszusenden und sich nicht ducken oder gar erdrücken zu lassen.

Die Entwicklung liegt also ganz allein in der Hand der Vereine?

Pilz: Nicht nur, denn auf der anderen Seite müssen die besonnenen Kräfte innerhalb der Ultra-Szene, die nach wie vor die überlegene Mehrheit sind, endlich aus ihrem Duckmäusertum herauskommen und öffentlich klarmachen, dass sie die Gewalt nicht wollen. Wenn das nicht passiert, werden wir in der Tat bald die nächste Stufe erreichen.

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