Interview

Ex-BVB-Profi Steffen Freund: Emre Can "ein Super-Transfer"

Steffen Freund spielte als Profi beim BVB. Als Trainer lernte er den neuen Dortmunder Star Emre Can kennen.

Steffen Freund spielte als Profi beim BVB. Als Trainer lernte er den neuen Dortmunder Star Emre Can kennen.

Foto: dpa

Essen.  Der BVB hat Nationalspieler Emre Can unter Vertrag genommen. Der frühere BVB-Profi Steffen Freund trainierte ihn in der U17. Ein Interview.

Große Erfolge feierten Steffen Freund und Emre Can bereits vor neun Jahren miteinander. In der von Freund trainierten U17-Nationalmannschaft gehörte der heute 26-jährige Can zu den absoluten Ausnahmekönnern. Die DFB-Elf wurde mit Freund und Can 2011 U17-Vize-Europameister und erreichte Rang drei bei der Weltmeisterschaft in Mexiko. Seit Freitag haben der ehemalige Nationalspieler Freund und der aktuelle Nationalspieler Can eine weitere Gemeinsamkeit: Beide haben in ihrer Vita Borussia Dortmund als Arbeitgeber stehen.

Steffen Freund, Sie kennen Emre Can seit vielen Jahren. Was zeichnet ihn aus?

Emre war mein Führungsspieler, nicht nur auf dem Platz. Er hatte schon damals außergewöhnliche Fähigkeiten. Das habe ich in dem Alter noch bei keinem Spieler gesehen. Emre war bei der U17-WM 2011 in Mexiko Kapitän und Chef des Teams. Da konnte ich mich schon fast entspannt zurücklegen.

Woran musste er arbeiten?

Auf der anderen Seite hatte er auch einen Hang zum Egoismus. Meine Aufgabe war es als Trainer dafür zu sorgen, ihn zu dem Führungsspieler zu machen, der er heute ist – ohne, dass er zu weit nach links oder rechts vom Weg abkommt. Emre hat das relativ früh verstanden. Von alleine ging das trotzdem nicht. Matthias Sammer hatte damals großen Wert darauf gelegt, diese jungen Leute auszubilden. Heute ist das aufgrund der flachen Hierarchie beim DFB gar nicht mehr gewünscht. Und die Konsequenz daraus sehen wir jetzt: Es rücken keine Führungsspieler mehr nach.

Zuletzt kam Can bei Juventus Turin nicht mehr zum Zuge und wurde auch nicht für den Champions-League-Kader nominiert. Hatten Sie mit ihm mal darüber gesprochen?

Ja. Das war vor ein paar Wochen bei der Nationalmannschaft. In diesem Gespräch ging es auch um die fehlenden Einsatzzeiten bei Juventus Turin. Da habe ich ihm gesagt: Wenn sich nichts ändert, muss du über einen Wechsel nachdenken.

Matthias Sammer ist inzwischen externer Berater beim BVB und hatte in seinen Analysen angemerkt, dass Dortmund in gewissen Situationen zusätzliche Führungsqualitäten benötigt. Glauben Sie, dass Sammer letztlich entscheidend für den Transfer ins Ruhrgebiet war?

Das kann ich mir gut vorstellen. Emre ist den Weg, den er in den U-Nationalmannschaften eingeschlagen hat, schließlich weitergegangen. Den großen Sprung beim FC Bayern aus der Jugend zu den Senioren hat er nicht auf Anhieb geschafft, was auch verständlich war. Heute hätten sie ihn sehr gern im Kader.

Über die Umwege Bayer Leverkusen, FC Liverpool und Juventus Turin ist Can letztlich wieder in der Bundesliga gelandet. Wie bewerten Sie den Transfer für den deutschen Fußball?

Für den BVB, aber auch für die Bundesliga ist es ein ganz tolles Zeichen, dass ein Spieler solcher Qualität wieder nach Deutschland zurückkehrt. Ich hatte Sorge, dass das angesichts der wirtschaftlichen Vorteile der Premier League und von Klubs wie dem FC Barcelona, Real Madrid oder Paris Saint-Germain gar nicht mehr möglich sein wird.

Can soll bei Borussia vor allem die Abwehr verstärken. Als Sie ihn betreut hatten, wurde er weiter vorne eingesetzt. Auf welcher Position ist er besser aufgehoben?

Ich persönlich sehe ihn als Achter und damit im Zentrum als Kopf der Mannschaft. Da gehört er nach wie vor zu den Besten in Europa. In einer Dreierkette würde ich ihn ebenfalls in der Mitte aufstellen, weil er ähnlich wie Mats Hummels ein Spiel lesen und eröffnen kann. Theoretisch kann er auch für Axel Witsel im defensiven Mittelfeld spielen. Und da ist der entscheidende Punkt: Trainer Lucien Favre muss erkennen, ob er die Qualitäten von Emre, seine Ausstrahlung und Präsenz, eher im Mittelfeld oder weiter hinten benötigt. Das ist auch vom Gegner abhängig. Deswegen ist Emre Can auch so ein Super-Transfer: Er ist ein Führungsspieler und wird schnell eine wichtige Funktion einnehmen – und ist ganz sicher kein Lückenfüller.

Haben sich durch den Can-Transfer die Chancen auf eine BVB-Meisterfeier im Mai dramatisch erhöht?

Dass Dortmund Meister werden kann, habe ich bereits im Sommer gesagt. Die Chancen wären sogar noch besser, wenn der BVB Paco Alcácer aus rein sportlichen Gründen behalten hätte. Dafür hätte die Stimmung zwischen Mannschaft, Trainer und Alcácer aber noch in Takt sein müssen. Nun ist es aber so: Wenn sich Haaland verletzt, fehlt Dortmund wieder ein Knipser. Wir hatten damals auch Stephane Chapuisat und haben trotzdem noch Kalle Riedle geholt, später dazu Ibrahim Tanko, Lars Ricken oder Heiko Herrlich. Du brauchst immer zwei Top-Stürmer in der Mannschaft, um den Leistungsdruck hochzuhalten.

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