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Dortmunds Trainer Bosz hat einen Klopp-Faktor

Dortmunds Trainer Peter Bosz möchte offensiv und auf Ballbesitz spielen lassen.

Foto: firo

Dortmunds Trainer Peter Bosz möchte offensiv und auf Ballbesitz spielen lassen. Foto: firo

Guangzhou.  BVB-Trainer erinnert mit seiner Spielphilosophie an einen Vorgänger. Schmelzer weiß um die Chance aufs Spektakel – und die Gefahr einer Blamage.

Der Vorwurf geriet beträchtlich, und Peter Bosz wollte ihn so nicht stehen lassen. Ob er, der neue Trainer von Borussia Dortmund, auch der Meinung sei, dass er da eine Mannschaft übernommen habe, deren Defensive nun doch recht anfällig sei, wurde er gefragt, als er am Montagabend gerade das Universitätsstadion der chinesischen Millionen-Stadt Guangzhou für ein erstes Training erreicht hatte. Verspätet erreicht hatte. Der Fahrer seines Shuttlebusses kannte den Weg zum Stadion offenbar nicht gut genug, was nicht zwingend ein Kompliment ist. So wie viele Gegentore für eine Fußball-Mannschaft. Höflich, aber deutlich hob Bosz an: „Ich bin nicht Ihrer Meinung. Wir haben eine großartige Defensive.“

Als Team verteidigen und angreifen

Und er sagte auch, warum er dieser Meinung ist: „Wir haben Ideen, wie wir mit Dortmund spielen wollen. Und dabei bekommen die Abwehrspieler ein Problem, wenn Stürmer oder Mittelfeldspieler einen Fehler machen. Wir verteidigen und greifen zusammen an.“

Das wollte der 53-Jährige noch einmal loswerden, denn das ist ihm wichtig. Das ist sogar sehr wichtig. Denn: Noch suchen Trainer und Mannschaft einander zwischen Idee und Umsetzung, was sehr normal ist nach nur zehn Tagen gemeinsamer Arbeit. Das Testspiel gegen den AC Mailand am Dienstag (13.20 Uhr), das zweite und letzte dieser Asienreise, soll weitere Aufschlüsse darüber geben, wie weit der Prozess vorangeschritten ist. Es gibt allerdings auch schon Dinge, die feststehen. Zum Beispiel, dass der Dortmunder Fußball der Zukunft einer sein wird, der bisweilen Erinnerungen weckt. Erinnerungen an aufregende Zeiten, an erstaunliche Erfolge. Erinnerungen an Jürgen Klopp.

Die Fünf-Sekunden-Regel

Bis zum Sommer arbeitete Peter Bosz beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam. Dort führte er die Fünf-Sekunden-Regel ein. Sie besagt, dass der Ball, geht er verloren, kompromisslos zurückerobert werden muss. Fünf Sekunden, schneller ist aber besser. Seiner neuen Mannschaft hat er das in Sitzungen längst zu verstehen gegeben. Das setzt Wachsamkeit der Spieler voraus, Intelligenz, Schnelligkeit. Die Vehemenz, mit der er das sehen will, macht den bisherigen Eindrücken zufolge Freude, aber birgt auch Gefahr.

„Ich fand schon, dass das der nächste Schritt war“, sagt Kapitän Marcel Schmelzer, als er das zweite Testspiel der Vorbereitung gegen die Urawa Reds (3:2) in Japan mit dem ersten bei RW Essen (2:3) vergleicht. Beim Attackieren des Gegners und beim Verhalten nach Ballverlust „waren wir viel besser. Der Trainer möchte nicht, dass der Gegner so lange den Ball hat.“ Hat er ihn doch, beginnt die Jagd, die für Zuschauer, aber auch für die nach vorn drängende Mannschaft so mitreißend sein kann, weil sie den Gegner einschnürt, einschüchtert. Zumindest, wenn es funktioniert.

Ähnliche Muster wie unter Jürgen Klopp

Einiges von dem, was sie da gerade versuchen, zu automatisieren, komme ihnen schon bekannt vor, sagt Schmelzer. „Unter Jürgen Klopp haben wir ähnlich gespielt.“

Was Boszs Philosophie dahinter ist? „So ganz genau wissen wir das auch noch nicht“, räumt Schmelzer ein. Aber das gehört zum Plan. Immer wieder beraumt der 53-Jährige Videositzungen an, zeigt, wie es gehen soll, zeigt, was er nicht sehen will. Jeden Tag erfahren die Profis, sagen sie, ein wenig mehr, ohne das große Ganze schon zu kennen. Der Vorteil? „Alle Spieler sind dann auf dem gleichen Stand“, meint der Kapitän, der die Reihe derer anführt, die schon Klopps Schule durchlaufen haben. Andere sind die Nationalspieler Mario Götze und Marco Reus, Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek, Mittelfeldstratege Nuri Sahin.

Bosz setzt mehr auf Ballbesitz

Es ist jedoch nur die Rückkehr zu einem Klopp-Moment, nicht zum Klopp-Fußball. „Der Unterschied ist, dass der neue Trainer noch mehr eigenen Ballbesitz haben will und es nur eine Ausnahme ist, dass wir den Ball nicht haben.“ Mit anderen Worten: Bei Klopp war der Ballgewinn schon systemischer Teil des eigenen Offensivspiels, weil sich die im Spielaufbau befindliche Mannschaft – einmal des Balles beraubt – gut überrumpeln ließ.

Mit diesem Ansatz gelangte der BVB in höchste Höhen des nationalen und internationalen Fußballs. Thomas Tuchel, sein Nachfolger und Boszs Vorgänger, habe diesen Fußball, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc, mit dem Aufbau einer Ballbesitzkompetenz auf die nächsthöhere Fertigkeitsebene gehievt.

Wo Action ist, ist auch Risiko

Und Bosz? Will Tuchel-Fußball mit Klopp-Anleihen. Orchestriert, geplant, aktiv mit dem Ball, das ja – aber eben auch verbunden mit der Handlungsdichte eines guten Actionfilms. Und wo Action ist, ist Risiko. Bei kollektiver Bewegung nach vorn öffnen sich dem Gegner große Räume, sollte sie nur ein Dortmunder verschlafen.

Marcel Schmelzer weiß das. Und er fürchtet, dass es in Deutschland mehr Mannschaften geben wird, die den Ball haben wollen als in Holland, der Liga, in der Bosz zuletzt tätig war. Es klingt, als preise er Rückschläge bei der Adaption der neuen Philosophie durchaus ein. „Aber wir haben genügend Zeit. Ich freue mich darauf und bin gespannt, wo der Weg dann hingeht.“ Nicht nur er.

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